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Trümmer des 2014 über der Ostukraine abgeschossenen Linienflugs MH17 der Malaysia Airlines.

MH17-Absturz

Telefonmitschnitte belasten Russland schwer

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Ermittlungen zum MH17-Abschuss über der Urkaine belegen: Russen kommandierten ostukrainische Rebellen und bestimmten deren Minister.

Kein Zweifel, wer im Sommer 2014 das Kommando in der Separatistenhauptstadt Donezk besaß. „Verflucht, mir hat Moskau eine Überraschung bereitet“, schimpfte im Mai der russische PR-Technologe Alexander Borodai in einem Telefongespräch mit einem prorussischen Separatisten. „Weißt du, wer Premierminister wird?“ „Unwichtig.“ „Für mich ist das wichtig. Weil ich das sein werde, verflucht“, blaffte Borodai.

Am Donnerstag veröffentlichte das internationale Ermittlerteam JIT, das den Abschuss der malaysischen MH17-Boeing im Juli 2014 über der Donezker Volksrepublik (DNR) untersucht, Mitschnitte abgehörter Telefonate zwischen Rebellen sowie russischen Militärs und Politikern. Maria Sacharowa, Sprecherin des russischen Außenministeriums, erklärte prompt, das JIT habe sein Urteil längst gefällt, sammle jetzt nur noch dazu passendes Material.

Dabei geben die Aufnahmen kaum Aufschluss über die MH17-Katastrophe, belegen aber sehr breit, wie massiv sich der russische Staat im Donbass eingemischt hat. „Der Einfluss der Russischen Föderation erstreckte sich auf administrative, finanzielle und militärische Fragen“, resümiert das von der niederländischen Staatsanwaltschaft geführte JIT. „Im Juni 2014 telefonierte die Führung der DNR praktisch täglich mit Vertretern Russlands.“

Das offizielle Moskau redet bis heute von einem rein innerukrainischen Konflikt. Borodai behauptete – wie auch andere russische Rebellenführer – schon 2014, er sei als Freiwilliger gekommen. Doch in einem seiner Telefonate tönt er: „Ich erfülle ausschließlich Befehle und verteidige die Interessen eines Staates, der Russischen Föderation.“

Putins Berater involviert

Außer Borodai und diversen Rebellen sind auch Wladimir Putins Berater Wladislaw Surkow zu hören, ein hoher russischer Offizier namens Wladimir Iwanowitsch und der aktuelle DNR-Chef Denis Puschilin. In einem Gespräch kündigt Surkow gegenüber Borodai an, in wenigen Tagen träfe aus Russland ein bestimmter Antjufejew ein, der den Geheimdienst der Rebellen übernehmen wolle.

Der langjährige russische Polizeioffizier Wladimir Antjufejew wird kurz darauf DNR-Vizepremier, zuständig für die Sicherheitsorgane. Ein Assistent Surkows erklärt Puschilin bei einem anderen Anruf, Moskau habe eine Liste neuer Minister bestätigt, daraus aber einen prominenten Donezker Separatisten gestrichen. „Verstehe“, bestätigt Puschilin, „ich erkläre ihm das.“

Moskau befiehlt, die Rebellenführer gehorchen. „Wir bewegen uns in Richtung einer einheitlicher Kommandostruktur“, erklärt ein Separatistenoffizier einem anderen, „es kommen Leute, die von Schoigu bevollmächtigt sind.“ Sergei Schoigu ist Russlands Verteidigungsminister.

Einmal klagt Borodai, ihm sei das Geld ausgegangen, er warte auf 180 000 (offenbar Dollar) aus Moskau. Ein andermal fragt er den Offizier Iwanowitsch, ob der in den Kämpfen gegen die ukrainische Armee keine Hubschrauber einsetzen könne. Die Antwort wird, von einem Scrambler verschlüsselt, geschluckt.

„Ich habe keinen Zweifel an der Echtheit der Mitschnitte“, sagt Oleksij Melnyk, Sicherheitsexperte des Kiewer Rasumkow-Zentrums, unserer Zeitung. „Sie sind vor allem interessant, weil sie den Moment fixieren, in dem die Autonomie der sogenannten Bergleute und Traktoristen im Rebellengebiet den Nullpunkt erreichte und sie vollständig unter die Kontrolle Russlands gerieten.“

Offenbar befehdeten sich viele Rebellen untereinander. Zwei Kommandeure mit den Codenamen „Sheriff“ und „Mongole“ streiten am Telefon über den toten Kameraden „Frost“, der von den eigenen Leuten erschossen wurde. „Frost war ein Dummkopf, dass er da aufgetaucht ist, aber warum sind sie auf seiner Brust herumgesprungen und haben ihm das Hirn zertreten, als er starb?“, will Sheriff wissen.

Und er verdächtigt den Mongolen, seine Leute hätten beim Sturm der Nationalbank 16 Kilo Platin mitgehen lassen. Der kontert, er wisse, „Sheriff“ sei beauftragt, ihn zu liquidieren. Sie fluchen, schwören, trumpfen schließlich beide damit auf, ihre Befehle aus Moskau zu erhalten. „Ihr vom FSB, wir vom GRU“, sagt Sheriff. „Das ist der ganze Unterschied.“ Der FSB ist der Inlandssicherheitsdienst, der GRU der Militärgeheimdienst Russlands.

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