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Die BBC-Journalistin Nazanin Zaghari-Ratcliffe wurde wegen „Spionage“ zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Inhaftiert im Iran

Teherans politische Geiseln

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Etliche Menschen mit westlichen Pässen werden im Iran offenbar als Faustpfand festgehalten. 

Emmanuel Macron hielt mit seinem Ärger nicht hinter dem Berg. „Was passiert ist, beunruhigt mich sehr“, sagte er. Dem iranischen Präsidenten Hassan Ruhani habe er seine Missbilligung übermittelt und ihn um Aufklärung gebeten, bisher aber „keine triftige Erklärung“ erhalten, polterte der französische Staatschef. 

Auslöser seines Zorns ist die Festnahme der französisch-iranischen Anthropologin Fariba Adelkhah. Die 60-Jährige lebt seit vier Jahrzehnten in Paris und lehrt an der renommierten Fakultät von Sciences Po. Für Frankreich ist der Vorfall in Teheran eine ungewöhnliche Erfahrung. Andere westliche Nationen, allen voran die USA und Großbritannien, kennen die provokanten Verhaftungen von Geschäftsleuten, Wissenschaftlern und Journalisten mit doppelter Staatsbürgerschaft bereits. 

Mindestens 14 Personen ingekerkert

Die Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ schätzt die Zahl dieser politischen Geiseln mit westlichen Pässen, die seit Ruhanis Amtsantritt eingekerkert wurden, auf mindestens 14, darunter sechs Amerikaner, eine Britin, ein Schwede und ein Österreicher. Der 2014 verhaftete und nach 544 Tagen ausgetauschte Korrespondent der „Washington Post“, Jason Rezaian, schrieb in einem Buch über seine Gefängniszeit, er habe sich gefühlt wie ein Bauer auf dem geopolitischen Schachbrett. Fachleute sind sich uneins, welche Strategie hinter diesem ruchlosen Vorgehen der Islamischen Republik steckt. Die einen vermuten, die iranische Führung wolle die Gefangenen als Faustpfand im Streit über den Atomvertrag und die Sanktionen einsetzen.

Andere halten die Verhaftungen dagegen für Störmanöver der Hardliner, um die moderatere außenpolitische Linie von Hassan Ruhani zu torpedieren. Denn der jüngste Fall der französischen Doppelstaatlerin trifft ausgerechnet eine europäische Nation, deren Präsident seit Monaten besonders intensiv um die Rettung des Atomabkommens bemüht ist. Erst kürzlich schickte Macron mit Emmanuel Bonne demonstrativ seinen engsten Nahost-Berater nach Teheran, der den Iran zudem aus erster Hand kennt. 

„Wir sind extrem besorgt“ 

In einer ähnlichen Lage befindet sich schon länger Großbritannien, das sich zusammen mit Frankreich und Deutschland gegen den Konfrontationskurs von Donald Trump stemmt. Die britisch-iranische Journalistin Nazanin Zaghari-Ratcliffe, seit 2016 inhaftiert und wegen Spionage zu fünf Jahren Haft verurteilt, wurde dieser Tage wegen Selbstmordgefahr aus dem berüchtigten Evin-Gefängnis in ein psychiatrisches Krankenhaus verlegt. „Wir sind extrem besorgt um das Wohlergeben von Frau Zaghari-Ratcliffe und fordern ihre sofortige Freilassung“, sagte ein Sprecher von Premierministerin Theresa May in London. Man appelliere an Teheran, den Besuch von Familienmitgliedern zu gestatten.

Der iranische Außenminister Mohammad Javad Zarif reagierte bei seinem UN-Besuch in New York erstmals entgegenkommend. In einem BBC-Interview sprach er sich dafür aus, Zaghari-Ratcliffe aus humanitären Gründen von weiterer Haft zu verschonen.

Bereits im April hatte er Großbritannien und den Vereinigten Staaten Gespräche über einen umfassenden Häftlingsaustausch angeboten, ein Ansinnen, das beide Regierungen jedoch unbeantwortet ließen.

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