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Rote Nelken und Lichter zum Gedenken an die Opfer nationalsozialistischer Barbarei an einem der Verbrennungsöfen im Krematorium des einstigen Konzentrationslagers Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar (Archivbild vom 2. März 1995). Lieferant für Krematorien in den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern war die Erfurter Firma Topf & Söhne. Eine Wanderausstellung soll von Juni 2005 an die Verstrickung des Unternehmens in die Verbrechen erstmals dokumentieren. Auf dem früheren Fabrikgelände will die Thüringer Landeshauptstadt eine Gedenkstätte errichten.
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Rote Nelken und Lichter zum Gedenken an die Opfer nationalsozialistischer Barbarei an einem der Verbrennungsöfen im Krematorium des einstigen Konzentrationslagers Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar (Archivbild vom 2. März 1995). Lieferant für Krematorien in den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern war die Erfurter Firma Topf & Söhne. Eine Wanderausstellung soll von Juni 2005 an die Verstrickung des Unternehmens in die Verbrechen erstmals dokumentieren. Auf dem früheren Fabrikgelände will die Thüringer Landeshauptstadt eine Gedenkstätte errichten.

Techniker der Massenvernichtung

Erfurter Firma baute KZ-Krematorien

Von JÖRN POLTZ (ERFURT, DPA)

Kundenservice stand beim deutschen Marktführer für Feuerungsanlagen in Erfurt an erster Stelle. Diensteifrig entwickelte die Firma Topf & Söhne für ihren Abnehmer in Auschwitz einen "kontinuierlich arbeitenden Leichen-Verbrennungs-Ofen fürMassenbetrieb", den sie am 27. Oktober 1942 zum Patent anmeldete. Das Unternehmen lieferte Krematorien für die nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager. Eine Wanderausstellung soll von Juni an die Verstrickung des Unternehmens in die Verbrechen erstmals dokumentieren. Auf dem früheren Fabrikgelände will die Thüringer Landeshauptstadt eine Gedenkstätte einrichten.

"Topf & Söhne ist nicht von der SS verdonnert worden. Die haben sich selbst um diese Aufträge bemüht", sagt der Leiter der KZ-Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar, Rikola-Gunnar Lüttgenau. Unter seiner Leitung entsteht derzeit die Ausstellung "Techniker der Endlösung. Topf & Söhne - die Ofenbauer von Auschwitz". Sie soll am 19. Juni im Jüdischen Museum in Berlin eröffnet und später in Erfurt und in Auschwitz gezeigt werden. "Das ist eine Triangel von Orten", sagt Lüttgenau: "Berlin als Zentrum der SS, Auschwitz als Ort der Vernichtung und Erfurt als Sitz des Ofenbauers." Erstmals sei das Firmenarchiv wissenschaftlich ausgewertet worden.

Die 1878 gegründete Firma Topf & Söhne belieferte als Spezialist für industrielle Feuerungen vor allem Brauereien mit Anlagen zur Malzherstellung. Das weltweit tätige Unternehmen hatte bereits Anfang des 20. Jahrhunderts mehr als 1000 Mitarbeiter. Erst nach dem Aufkommen der Feuerbestattung in Deutschland begann die Firma in den 20er Jahren auch mit dem Bau von Krematorien.

"Als die SS ab 1939 die ersten Massensterben in den Lagern verursachte, wollte sie die Spuren beseitigen", sagt Lüttgenau. "Sie ist dann an Topf & Söhne herangetreten." Die Unternehmer Ludwig und Ernst-Wolfgang Topf kamen mit den Leitern der Tötungsfabriken rasch ins Geschäft - auch um die Konkurrenz auszustechen. "Es ist nicht bekannt, dass die Gebrüder Topf überzeugte Nationalsozialisten waren", sagt Lüttgenau. "Umso erschreckender ist es, mit welcher Eigeninitiative sie der SS immer wieder Optimierungsmöglichkeiten unterbreiteten." Fachleute aus Erfurt reisten mehrmals in die Lager, um die Vernichtungsmaschinerie in Gang zu halten.

Nach Kriegsende nahm sich Ludwig Topf das Leben, um einer Verhaftung durch die Sowjets zu entgehen. Sein Bruder Ernst-Wolfgang floh nach Wiesbaden und setzte dort in einem neuen Werk unbehelligt die Produktion von Krematorien fort. Die Erfurter Fabrik wurde in der DDR als Volkseigener Betrieb weitergeführt und endete 1994 im Konkurs. Seither verfallen die Gebäude mit den Werkstätten, Büros und dem Konstruktionssaal, aus dessen Fenstern in der Ferne das frühere Konzentrationslager Buchenwald zu sehen ist. Noch heute stehen in Buchenwald Öfen mit dem Fabrikschild von Topf & Söhne.

Nach Jahren kommt jetzt Bewegung in die Diskussion um die Erfurter Industriebrache. Im Januar wurde das Werk unter Denkmalschutz gestellt. Die Stadt will nun das frühere Verwaltungsgebäude vom derzeitigen Privateigentümer kaufen und dort eine Gedenkstätte einrichten. Dafür hatten eine Gruppe von Hausbesetzern und ein Förderkreis mehrerer Bürger gekämpft. "Zum Kaufen haben wir die Mittel, und zur Wiederherstellung gibt es tausend Möglichkeiten", sagt Oberbürgermeister Manfred Ruge. "Das inhaltliche Konzept wollen wir gemeinsam mit der Stiftung Buchenwald entwickeln." Lüttgenau begrüßt das Vorhaben: "Nirgendwo sonst wird der Bereich von Normalität und Monstrosität so auf den Punkt gebracht."

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