+
Wollen Themen setzen, statt sich an der Konkurrenz abzuarbeiten: Grünen-Chefs Annalena Baerbock und Robert Habeck.

Grüne Doppelspitze

Das neue Team Grün

  • schließen
  • Marina Kormbaki
    Marina Kormbaki
    schließen

Seit einem Jahr führen Annalena Baerbock und Robert Habeck ihre Partei als Doppelspitze. Mit positivem Echo.

Als Annalena Baerbock und Robert Habeck am 27. Januar 2018 zu neuen Grünen-Vorsitzenden gewählt wurden, da mussten sie auch ein bisschen Show abliefern. Bilder, das wissen die zwei, sind manchmal wichtiger als Worte. So zeigte sie auf ihn und er auf sie. Der oder die andere, sollte das heißen, ist mindestens genauso wichtig, wenn nicht wichtiger. In jedem Fall wollten die 38-Jährige und der 49-Jährige sein, was ihre Vorgänger Simone Peter und Cem Özdemir nie waren: ein Team.

Zwölf Monate später sind sie immer noch ein Team. Es hat in der ganzen Zeit keinen einzigen Hinweis auf einen Zwist gegeben. Ja, die beiden haben sogar ein gemeinsames Büro – in dem sie sich weniger häufig begegnen, als sie gern hätten. Verändert hat sich im ersten Jahr aber schon etwas.

Annalena wer? Die bei Hannover geborene, aber mit ihrer Familie in Potsdam verwurzelte Baerbock hatte noch vor gut einem Jahr kaum jemand so recht auf dem Schirm. Seit 2013 im Bundestag, war sie zwar lange klimapolitische Sprecherin ihrer Fraktion. Doch trotz des energischen Einsatzes gegen den Kohleabbau in der Lausitz stand die junge Mutter stets im Schatten der Fraktionsspitze um Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter. Umso größer war das Erstaunen, als sie Mitte Dezember 2017 ihre Kandidatur bekanntgab – und damit Habeck, auf dessen Erklärung man damals gespannt wartete, die Show stahl.

Annalena Baerbock: Klare Aussagen und selbstbewusstes Auftreten

Habeck absorbierte im Vorfeld sämtliche Aufmerksamkeit. Keine leichte Ausgangslage für sie. Doch auf dem Wahlparteitag gelang es Baerbock, Zweifel an ihrer Ebenbürtigkeit auszuräumen und, mehr noch, Habeck in den Schatten zu stellen. In Stiefeln und Lederjacke trat sie ans Redepult und hielt gleich mal fest: „Wir wählen hier nicht die neue Frau an Roberts Seite, sondern die neue Bundesvorsitzende.“ Damit war der Ton gesetzt.

Zumindest fürs Erste. Zwar ist Baerbock heute wegen ihrer klaren Worte und ihres selbstbewussten Auftretens ein gern geladener Talkshowgast. Aber der herausfordernde Unterton der ersten Wochen ist verklungen. Baerbock hört sich inzwischen mehr nach Politikerin als nach Demonstrantin an. Sie wägt ihre Worte ab. So wie kurz vor Weihnachten, als sie die rasche Abschiebung ausländischer Straftäter forderte und einige dies als Paradigmenwechsel der Grünen-Migrationspolitik deuteten. Sie will es anders machen als frühere Grünen-Chefs, sie will die Grünen raus aus der Klischeezone führen.

So ärgerte es die Vorsitzende, als ihre Forderung nach einem Abzug der US-Atomwaffen aus Europa angesichts eines möglichen Endes des russisch-amerikanischen INF-Abrüstungsvertrags als naiv-gefährliche Träumerei abgekanzelt wurde. Die Grünen – ein spinnerter Haufen von Pazifisten? Früher vielleicht. Jetzt hat Pragmatismus Priorität.

Robert Habeck: Populär, gefragt und mit Häme überzogen

Habeck, einst Schriftsteller und wie Baerbock nun seit Jahren Berufspolitiker, gilt manchen als Star im deutschen Politikbetrieb. Er füllt die Säle und ist medial gefragt. So bot die „Zeit“ dem Flensburger gleich eine Interview-Doppelseite; die „Süddeutsche Zeitung“ widmete ihm soeben ein dreiseitiges Porträt. Dass Popularität auch Schattenseiten hat, merkte Habeck nach Bekanntwerden des jüngsten Spots zur thüringischen Landtagswahl, in dem er sagte: „Wir versuchen, alles zu machen, damit Thüringen ein offenes, freies, liberales, demokratisches Land wird, ein ökologisches Land.“ Der Spot wurde mit Häme quittiert. Noch härter fiel die Kritik aus, als Habeck erklärte, Twitter führe dazu, dass er Sachen sage, die er so gar nicht sagen wolle – weshalb er sich aus dem sozialen Netzwerk zurückziehe.

FDP-Chef Christian Lindner sah die Gelegenheit zur Attacke ebenso gekommen wie bis dahin vor Neid platzenden Sozialdemokraten. Ein Spitzen-Grüner sprach von einer unnötigen „Mea-Culpa-Nummer“. Ein CDU-Promi sah in Habeck ein „Sensibelchen mit Neigung zu Höhenflügen“. Da mischte sich Konkurrenzdenken mit Unverständnis.

Baerbock und Habeck haben in den ersten zwölf Monaten ein überwiegend positives Echo erfahren. Wahlergebnisse und Umfragen sprechen für sich. Freilich haben beide auch gemerkt, dass der Wind sehr plötzlich sehr kalt werden kann, Baerbock bei ihrem Flüchtlings-Interview, Habeck mit seinem Thüringen-Spot.

Einig sind sie sich in ihrer Art, Politik machen zu wollen: Statt sich am Personal der Konkurrenz abzuarbeiten, bemüht sich das Gespann darum, Themen zu setzen. So geht die Debatte um eine Generalüberholung von Hartz IV vor allem auf die Strategieabteilung der Grünen zurück. Und noch etwas ist neu. In einer Zeit, da die politische Auseinandersetzung mit zunehmender Unerbittlichkeit geführt wird, mühen sich Baerbock und Habeck um einen versöhnlichen Stil und einen neuen Ton – selbstkritisch und fragend, den Eindruck von Besserwisserei um jeden Preis vermeidend. Habeck hat die Pose des Suchenden und auch mal Irrenden zum Markenzeichen gemacht – und wird gerade deshalb jetzt angegriffen.

Ende des Jahres steht übrigens schon wieder ein Wahlparteitag an. Baerbock und Habeck müssen in ihren Ämtern bestätigt werden. Dass dies geschieht, daran besteht kein Zweifel.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare