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Mit den Umständen arrangiert: Familien in Brisbane, Australien, am nationalen Gedenktag.

Australien und Neuseeland

Der Teamgedanke siegt

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Die politischen Antipoden Australien und Neuseeland sind im Kampf gegen das Virus recht erfolgreich – beide setzen auf Zusammenhalt.

Politisch stehen sich die Regierungschefs Australiens und Neuseelands keinesfalls nahe: Scott Morrison in Canberra ist ein liberal-konservativer Politiker und Christ, Jacinda Ardern in Neuseeland dagegen eine progressive Sozialdemokratin, der „neue Liebling“ der Linken. Doch beide Politiker haben ihre Ideologien zurückgestellt und ihre Bürgerinnen und Bürger mit einem auf Experten basierten Ansatz durch die vergangenen Wochen geführt.

In Australien hat die liberal-konservative Regierung gar Ideen der sozialdemokratischen Opposition aufgenommen – etwas, das Morrison die „guten Gewohnheiten“ der Kooperation nannte. In Neuseeland setzt Ardern seit Wochen den Schwerpunkt auf den Zusammenhalt im Land: Die Bürger nennt sie regelmäßig „unser Fünf-Millionen-Team“.

Ardern hat extrem schnell auf den Ausbruch des Coronavirus in ihrem Land reagiert. Als Neuseeland am 14. März gerade mal sechs bestätigte Covid-19-Fälle zählte, verkündete die Politikerin, dass jeder, der nach Neuseeland einreisen möchte, zwei Wochen in Selbstisolation muss. Am 19. März, als die Zahl der Infizierten auf 28 kletterte, riegelte sie das Land ab. Seitdem dürfen bis auf weiteres keine Ausländer mehr in den Inselstaat. Wenige Tage später – inzwischen waren etwas mehr als 100 Menschen positiv getestet – bereitete sie ihr Land bereits auf den „Lockdown“ vor – ein System klar kommunizierter „Alert Level“ – die ab dieser Woche nun schrittweise wieder gelockert werden sollen.

Auch Australien reagierte nach anfänglichem Zögern mit drastischen Maßnahmen. Seit dem 20. März lässt das Land keine ausländischen Besucher mehr auf den Kontinent. Auch im Inland haben die meisten Bundesstaaten ihre Grenzen geschlossen und erlauben keine Reisen mehr. Am 21. März wurden Abstandsregeln eingeführt, und die Landesregierungen begannen, nicht-essenzielle Dienstleistungen einzuschränken – wenn auch nicht ganz so streng, wie Neuseeland dies tat.

Die Regeln griffen in beiden Ländern: Neuseeland steht einen Monat nach Beginn der Ausgangssperre kurz vor der Eliminierung des Virus. Die meisten der 1460 Neuseeländer, die bisher positiv getestet wurden, sind wieder gesund. Das Land verzeichnet weniger als 20 Tote und nur eine Handvoll Neuinfektionen jeden Tag.

Auch Australien gelang es, die Kurve zu „glätten“. Das 25-Millionen-Land hätte ohne Maßnahmen bis Ostern wohl 153 000 Infizierte gezählt, doch stattdessen wurden bisher nur etwas mehr als 6700 positiv getestet. Die tägliche Wachstumsrate ist unter ein Prozent gerutscht, rund 80 Menschen starben bisher an Covid-19. Auch die Dunkelziffer unentdeckter Covid-19-Fälle sollte gering sein. „Die Modelle lassen annehmen, dass es wahrscheinlich keine riesige geheime Kohorte von Covid-19-Fällen gibt, die wir aufgrund unzureichender Tests nicht aufgreifen“, schrieb Trent Yarwood, ein Experte für Infektionskrankheiten an der Universität von Queensland, im Wissenschaftsmagazin „The Conversation“.

Obwohl in beiden Ländern Verstöße berichtet wurden – in Neuseeland erwischte man selbst den Gesundheitsminister auf Abwegen, während in Australien das schöne Herbstwetter zu viele Strandbesucher anlockte – scheint sich die Mehrheit der Bevölkerung an die Regeln zu halten. Diskussionen wie in Deutschland und den USA, dass die Quarantänezeit gegen die Grundrechte der Menschen verstoßen würde oder die eingeschränkte persönliche Freiheit die Demokratie gefährden könnte, werden kaum geführt.

Selbst die Ökonomen sind sich weitestgehend einig: So schrieben 157 australische Wirtschaftswissenschaftler vergangene Woche in einem offenen Brief, dass die Regierung die Eindämmung des Coronavirus weiter voran stellen solle. „Wir können keine funktionierende Wirtschaft haben, wenn wir uns nicht zuerst umfassend mit der Krise der öffentlichen Gesundheit befassen“, hieß es darin.

Während Morrison in Australien eher den kühlen Nachrichtenüberbringer spielt, wird Ardern immer mehr zur „Mutter der Nation“, die trotz strenger Regeln auch Trost spendet, Verständnis zeigt und Mut zuspricht.

Um den Erfolg, den sich die beiden Pazifiknationen hart erarbeitet haben, aufrechtzuerhalten, werden die beiden Länder wohl noch länger auf ihrem harschesten Schritt beharren müssen: Der Schließung der Grenzen.

Von Barbara Barkhausen

Während der Corona-Krise in Australien haben Millionen Menschen das Backvideo einer 92-jährigen Australierin gesehen.

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