Rechtsextreme Verschwörungstheorie

QAnon, Donald Trump und die Republikaner: Erste Anhängerin des Verschwörungskultes im Parlament

  • vonMirko Schmid
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Donald Trump verteidigt immer wieder „QAnon“. Zahlreiche Republikaner folgen dem Beispiel des US-Präsidenten. Die erste Vertreterin des Verschwörungskultes zieht jetzt ins Parlament ein.

  • US-Präsident Donald Trump weigert sich erneut, sich von rechtsextremen Gruppierungen zu distanzieren.
  • Die verschwörungstheoretische Bewegung QAnon, die behauptet eine Elite würde Kinderblut trinken, will der amtierende US-Präsident nicht kennen, betont aber, dass sie entschieden gegen Pädophilie eintrete.
  • Alle Nachrichten und Informationen rund um den 45. Präsidenten der USA finden Sie in den Trump News.

Update von Mittwoch, 04.11.2020, 05:28 Uhr:  Die Republikanerin Marjorie Taylor Greene aus Georgia ist als erste bekennende „QAnon“-Anhängerin in das Repräsentantenhaus der USA gewählt worden. Die 46-Jährige, die sich noch nie um ein politisches Amt beworben hatte, sprach auf Twitter von einem „großen Sieg“.

Donald Trump hatte Greene vor zwei Monaten als „künftigen republikanischen Star“ bezeichnet. Die 46-Jährige hatte im August die Vorwahlen der Republikaner gegen einen gemäßigten Kandidaten gewonnen. Im Wahlkampf für die Kongresswahl setzte sie dann auf das Motto „Rettet Amerika, stoppt den Sozialismus“, posierte in Videos mit einem Sturmgewehr und warnte vor „Antifa-Terroristen“.

Die zukünftige republikanische Parlamentarierin Taylor Greene: Glühende Anhängerin von Donald Trump - und des Verschwörungskultes QAnon

In der Vergangenheit hatte Greene auch die von Donald Trump ventilierte Verschwörungsideologie verbreitet, nach der eine Kabale liberaler Pädophiler einen Sexring betreibt, der Kinder foltert und deren Blut trinkt, um ewiges Leben zu erhalten. Mitglieder dieses angeblich pädophilen „Deep States“ sind der „QAnon“-Verschwörungstheorie zufolge vor allem Demokraten.

QAnon, Donald Trump und die Republikaner: Enge Beziehung zum Verschwörungskult

Erstmeldung von Freitag, 16.10.2020, 11:11 Uhr: Miami, Florida - Donald Trump ist in seinem Element. Wütend und teilweise aggressiv beantwortet er in der „Town Hall“ die Fragen der NBC-Moderatorin Savannah Guthrie, die ihm als Frau mit selbstsicherem Auftreten offensichtlich gar nicht passt. Immer wieder versucht er, der gut vorbereiteten Moderatorin das Wort abzuschneiden, um seine Botschaften zu setzen. Doch Guthrie denkt gar nicht daran, ihn mit Halbwahrheiten, Lügen und Parolen durchkommen zu lassen.

Donald Trump umschmeichelt die Anhänger der verschwörungsgläubigen Bewegung QAnon

Town Hall: Donald Trump und die Verschwörungstheorien von QAnon

Donald Trump versucht es mit seinen Greatest Hits der Verschwörungstheorien und Lügen. Guthrie konfrontiert den Präsidenten mit seiner Aussage, er könne die US-Wahl 2020 nur durch Betrug verlieren. „Das ist einfach nicht wahr. Fakt ist, dass jeder Kandidat die Wahl offen und ehrlich verlieren kann. Ohne Wahlbetrug.“ Trump will das nicht gelten lassen. Kistenweise Wahlzettel mit seinem Namen seien im Müll aufgetaucht, behauptet der Präsident einmal mehr. Guthrie: „Ihr eigener FBI-Direktor sagt, dafür gibt es keine Beweise.“ Trump: „Dann macht er keinen guten Job.“ So geht es weiter.

Senator Thom Tillis, bekannt dafür immer Maske zu tragen, habe trotzdem Corona bekommen, versucht Donald Trump den Nutzen der Maske herunterzuspielen. „Es gibt Bilder von Tillis mit einer der Töchter von Amy Coney Barrett - ohne Maske.“ Erstmals entgleitet Trump kurz der selbstbewusst-offensive Gesichtsausdruck, Punkt für Guthrie. Und die Moderatorin lässt Trump nicht vom Haken. Direkt nachdem sie Trumps Widersprüche zu Hygienemaßnahmen in der Corona-Pandemie live und vor Millionen Zuschauern am US-TV offengelegt hat, greift sie Trump an seiner empfindlichsten Stelle an und lenkt das Gespräch auf QAnon.

Trump „distanziert“ sich im Town Hall Meeting von White Supremacy, will aber lieber über die Antifa sprechen

Trump sei mehrfach aufgefordert worden, White Supremacy, die Theorie der „Überlegenheit der weißen Rasse“, und die Anhänger und Vertreter dieses Rassismus zu verurteilen, was Donald Trump stets unterlassen habe. Guthrie weist ihn auf die erste Präsidentschaftsdebatte mit Joe Biden hin, als Trump der Neonazi-Gruppe „Proud Boys“ de facto einen Befehl zur Bereitschaft erteilt hatte, statt sich zu distanzieren. Noch bevor Guthrie ihre Frage beenden kann, fällt ihr Trump wütend ins Wort. Er könne diese Frage nicht mehr hören. Natürlich verurteile er seit Jahren White Supremacy, möchte aber betonen, dass er auch die Antifa verurteile, und diese „Leuten auf der Linken“, die Städte niederbrennen würden.

Guthrie merkt, dass sie Donald Trump keine glaubwürdige Distanzierung von Rassisten abringen wird, ohne sich einen Wortschwall über die Bedrohung der politischen Linken anhören zu müssen und versucht es anders. Ob er sich von QAnon ihrer Theorie der verschwörungsgläubigen Bewegung distanziere, nach der die Demokraten einen satanischen Pädophilenring betreibe. Trump gilt dieser Theorie nach als Retter vor pädophilen Demokraten.

Ruthie fordert den Präsidenten auf, diese Theorie als „komplett nicht wahr“ zu bezeichnen. Der versucht sich an einem altbewährten Trick, den er schon im Zusammenhang mit den „Proud Boys“ aus dem Hut gezaubert hatte: Er kenne QAnon gar nicht.

Was ist QAnon?

QAnon (/kjuːəˈnɒn/), kurz Q, bezeichnet eine Person oder Gruppe, die Verschwörungstheorien mit häufig rechtsextremen Hintergründen und Tendenzen im Internet verbreitet. Die zentrale Behauptung der mutmaßlich in den USA agierenden Person oder Gruppe und ihrer Anhängerschaft ist, dass sich ein Zirkel einflussreicher, satanistischer und weltweit operierender Mitglieder der wirtschaftlichen und politischen Elite verschworen hat. Dieser Zirkel entführt der Verschwörungstheorie nach Kinder, um sie zu foltern, ihr Blut zu trinken und sie zu ermorden, um damit in den Besitz ewiger Jugend zu gelangen.

Der Held der QAnon-Anhängerschaft ist Donald Trump, der der Theorie zufolge diesen elitären Zirkel und gleichzeitig einen Staat im Staate („Deep State“) bekämpft. Es wird angenommen, dass die QAnon-Verschwörungstheorie ursprünglich auf der anonymen Message-Board-Plattform 4chan verbreitet wurde.

Bereits im Präsidentschaftswahlkampf 2016 hatten Trump-Anhänger*innen behauptet, dass hochrangige Politiker der Demokraten einen internationalen Kinderhändlerring betreiben würden („Pizza-Gate“), woran die QAnon-Verschwörungstheorie anknüpft.

Town Hall-Moderatorin Guthrie will wissen, wie Donald Trump zu QAnon steht

Doch Guthrie hakt nach. Sie habe ihm doch eben gesagt, welche Verschwörungstheorie QAnon spinnt. „Nur weil Sie mir das gesagt haben, wird es nicht zum Fakt“, antwortet Donald Trump. Doch damit nicht genug: „Ich weiß nichts darüber. Ich weiß, dass sie sehr gegen Pädophilie sind. Das sie sehr stark dagegen kämpfen. Aber ich weiß nichts darüber.“ Der Punkt ist gemacht. Er kenne die in Teilen rechtsextremen Verschwörungstheoretiker einerseits gar nicht, andererseits wisse er um ihren heldenhaften Einsatz gegen Pädophilie.

Guthrie weist Donald Trump auf die Aussage des republikanischen Senators Ben Sasse hin, der QAnon als komplett verrückt bezeichnet hatte: „Echte Anführer nennen Verschwörungstheorien Verschwörungstheorien“. Sie greift Sasses Worte auf und fragt Trump: „Warum sagen Sie nicht einfach, dass das, was QAnon behauptet, verrückt und unwahr ist?“ Trump: „Vielleicht hat er Recht, ich weiß einfach nichts über QAnon“. Ruthie: „Wissen Sie doch!“ Trump: „Ich weiß nichts darüber. Nein, ich weiß nichts darüber. Ich weiß nichts darüber.“

Town Hall: Donald Trump umschmeichelt QAnon - obwohl er die Bewegung gar nicht kennen will

Anschließend beschwert sich der Präsident darüber, dass Guthrie die ganze „Show“ verschwenden würde, indem sie ihn erst auf Rassismus und dann auf Verschwörungstheoretiker anspreche. Und betont von sich aus und ungefragt noch einmal: „Was ich über QAnon höre ist, dass sie sehr stark gegen Pädophilie sind. Und damit stimme ich überein. Damit stimme ich wirklich überein.“ Guthrie versucht es noch einmal: „Ok. Aber Sie denken doch wenigstens auch, dass es diesen satanischen Pädophilenring nicht gibt?“ Trump: „Das weiß ich nicht. Warum fragen Sie mich nicht nach der Antifa? Warum fragen Sie mich nicht nach der radikalen Linken? Warum fragen Sie Joe Biden nicht, ob er sich von der Antifa distanziert?“

Wie schon die „Proud Boys“ umschmeichelt Donald Trump damit eine Bewegung, die ihn fanatisch unterstützt und die Trump, der Bewunderung üblicherweise aufsaugt wie ein Schwamm, behauptet nicht zu kennen. Savannah Guthrie verpasst es, den Präsidenten darauf anzusprechen, dass Facebook, Twitter und zuletzt YouTube alle QAnon-Inhalte und Accounts gesperrt und aus ihren Netzwerken verbannt hatten.

Nach dem Town Hall Meeting kritisieren Analysten Donald Trump für seine Weigerung, QAnon zu verurteilen

Die politischen Kommentatoren nehmen den Ball aus der Town Hall-Befragung auf. Auf CNN sagt ein Kommentator: „Bei ihm wundert mich nichts mehr“. Mehrfach wird die Frage diskutiert, wie stark die Absicht Trumps sei, mit solchen versteckten Botschaften gezielt rechtsextreme Gruppierungen und Verschwörungstheoretiker zu motivieren und an die Wahlurnen bei der anstehenden Präsidentschaftswahl zu treiben. Die nahezu einhellige Meinung der Analysten: sehr stark.

Damit trifft Donald Trump innerhalb seiner Partei auf offene Ohren. Laut einer Umfrage des Instituts Daily Kos/Civiqs poll halten 56 Prozent aller Republikaner die rechtsextremen Verschwörungstheorien der QAnon-Bewegung für komplett oder zumindest teilweise wahr. Jeder dritte Republikaner glaubt dabei, dass die QAnon-Theorie einer großen Verschwörung der Eliten in einem „Deep State“, also einem Staat im Staate, größtenteils wahr sei, weitere 23 Prozent sind der Überzeugung, dass zumindest einige Teile der Wahrheit entsprächen.

Schon vor dem Town Hall Meeting retweetet Donald Trump Tweets, die QAnon verherrlichen

Inzwischen kommen erste Funktionäre der Republikaner aus der Deckung und zeigen öffentlich ihre Sympathie zu den kruden Theorien von QAnon. In Kalifornien, der Hochburg der Demokraten, munitionieren sich republikanische Kandidat*innen für den US-Kongress mit den QAnon-Botschaften. Nikka Piterman, Alison Hayden, Erin Cruz, die Liste wird länger. Alison Hayden, Kongressanwärterin von Trumps Republikanern in der Bay Area, behauptet, dass sie „nicht alles kaufe“, sie wolle nur gesagt haben, dass QAnon eine „weitere Nachrichtenquelle“ sei und deren Theorien für sie Sinn ergäben. Es sei „eine wunderbare Hoffnung, aus der Matrix auszubrechen und mit QAnon die Welt zu retten“.

Auf die Frage, woher sie wisse, dass QAnon-Posts, bekannt als „Q-Drops“, auf Fakten überprüfbar seien, sagt Hayden, dass diese Posts „verschiedene Nachrichtenclips und eine Vielzahl von Quellen“ enthielten. Auf ihrer Webseite schreibt die Kongresskandidatin und Sonderpädagogin, dass sie „eine nicht gewählte Elite davon abhalten“ wolle, „unsere Stimme und Wahl unter einem sozialistischen Orden zu treffen“.

Cruz, ebenfalls Kongresskandidatin der Partei von Donald Trump, die sich selbst als „Unternehmerin und versierte Geschäftsfrau“ bezeichnet, befindet zwar, dass ihrer Kenntnis nach die „Informationen von QAnon nicht 100 Prozent genau“ seien, dennoch sei „einiges“ davon ihrer Meinung nach „wertvoll, da es die Anliegen der Menschen berührt“. Ihr Mitstreiter Piterman ist ein aktiver Twitter-Nutzer, dort teilt er QAnon-Verschwörungen und nutzt dabei auch den in der Szene bekannten Hashtag #WWG1WGA, „where we go one, we go all“, nach einem Satz aus Jeff Bridges Segel-Drama „White Squall“ aus dem Jahr 1996.

Kongress-Kandidaten der Republikaner um Donald Trump verbreiten Theorien und Parolen von QAnon

Nachdem Trump in den vergangenen Tagen QAnon-freundliche Tweets aller drei Kongresskandidaten und eines weiteren QAnon nahestehenden Republikaners retweetet hatte und sich anschließend auf Nachfrage von Reportern darum gewunden hatte, QAnon zu verurteilen, brachten der demokratische Abgeordnete Tom Malinowski und der republikanische Abgeordnete Denver Riggleman letzte Woche im US-Kongress eine parteiübergreifende Resolution ein, in der QAnon verurteilt und die damit verbundenen Verschwörungstheorien abgelehnt werden. „Unser Ziel ist eine völlig parteiübergreifende Ablehnung dieses gefährlichen, antisemitischen, verschwörerischen Kultes durch den Kongress, der die Amerikaner laut FBI radikalisiert und zu Gewalt aufstachelt“, erklärt Malinowski.

Bereits aufgestachelt ist Angela Stanton-King, Kandidatin der Republikaner in Georgia und großer Fan von Donald Trump. Ihr Präsident hatte die ehemalige Reality TV-Schauspielerin begnadigt, nachdem sie aufgrund ihrer Mittäterschaft bei den Machenschaften eines bundesweit agierenden Ringes von Autodieben im Gefängnis einsitzen musste. Die Jungpolitikerin, eine der wenigen afroamerikanischen Unterstützerinnen des Präsidenten, brach ein Fernsehinterview des Guardian vor der Kamera ab, als sie auf QAnon angesprochen wurde.

Stanton-King hatte zuvor einen Tweet abgesetzt, der in Versalien mit „Wahrheitsbombe“ beginnt und mit dem sie vor „einer größeren Vertuschung von Pädophilie und Menschenhandel“ warnt. Auf die Frage, was sie damit gemeint habe, antwortet sie: „Genau das, was ich gesagt habe“. Nachdem sie sich das Mikrofon mitten im Interview abnimmt und geht, wird sie im Weglaufen danach befragt, was sie mit einem Tweet gemeint habe, in dem sie die geläufige QAnon-Parole „Der Sturm ist da“ rezitiert. Die von Donald Trump begnadigte Stanton-King antwortet trocken: „Es hat an diesem Tag geregnet.“

Donald Trump streut die Saat von QAnon mit seinem Town Hall-Auftritt weiter aus

Währenddessen streut Donald Trump mit seiner Weigerung, sich der Verurteilung von QAnon anzuschließen, eine Saat weiter aus, die mancherorts bereits aufkeimt - und der rechtsextremen und wahnwitzigen QAnon-Verschwörungstheorie den Sprung aus den Zirkeln der Verschwörungsgläubigen in die Sphären der Politik ermöglicht. Da hilft es auch wenig, dass sich Trump in der Town Hall als Freund der schwarzen Bevölkerung in den USA inszeniert: „Ich sage es, manche mögen es nicht gerne hören, andere schon: Ich habe mehr für die afroamerikanische Gemeinde geleistet, als jeder andere Präsident mit der Ausnahme von Abraham Lincoln. Ich habe, durch das, was ich geleistet habe, eine großartige Beziehung zur afroamerikanischen Bevölkerung. Darauf bin ich sehr stolz.“ (Von Mirko Schmid)

Rubriklistenbild: © DUSTIN CHAMBERS

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