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Flanieren verboten: Nur noch zwei Rettungskräfte stehen am Touristen-Hotspot Eiffelturm. dpa

Paris

Tauben erobern die Boulevards

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Flanierverbot und Polizeikontrollen: Auch in Paris ist nichts mehr, wie es war, das Corona-Virus hat Frankreichs Hauptstadt im Griff. FR-Autor Stefan Brändle berichtet aus einer leeren Stadt.

Wenigstens Charles de Gaulle marschiert noch – auf seinem hohen Bronzesockel am Rande der Champs-Elysées. Unter der Statue ist das Leben zum Erliegen gekommen. Auf dem Kopfsteinpflaster, über das sonst der Verkehr braust, machen sich die Tauben breit, gestört nur von seltenen Fahrzeugen – Ambulanzen, Taxis, Lieferwagen, verdunkelten Diplomatenwagen.

Ansonsten: Flanierverbot. Zwischen der Bulgari-Boutique und dem McDonald’s hält eine dreiköpfige Polizeipatrouille eine Mutter mit ihrem Kind an und bittet um den Passagierschein. Die Frau hat keinen – sie behauptet, auf dem Weg in ein Geschäft im 15. Arrondissement zu sein. Die Polizistin ruft den Laden an, doch er ist geschlossen. Pech für die Mutter: Die Strafe für unerlaubtes Spazierengehen beträgt 135 Euro. Nur ein bisschen Joggen in der eigenen Straße darf man noch. „Sie haben Glück, dass ich ihr Kind nicht auch noch bestrafe“, beendet die junge Polizistin die Diskussion.

März 2020, Flanieren in Paris ist verboten. Die Lichterstadt hat derzeit etwas Unwirkliches, Geisterhaftes. Nicht einmal im August, wenn sich die Metropole ferienbedingt leert, entsteht eine solche Friedhofstille. An Litfaßsäulen hängen noch die Plakate von Filmen und Theaterstücken, die sich niemand ansieht. An Vélib-Stationen warten die städtischen Fahrräder ungenutzt auf das Ende der Quarantäne. Das Leben in Paris ist erstarrt, ja absurd, um das Schlüsselwort von Albert Camus, dem Autor von „La peste“, zu bemühen.

Nie wäre die Bewegungsfreiheit in Paris größer, nie käme man besser voran als jetzt. Doch wer am Grand Palais vorbeiradelt, von dort über die prächtige Seinebrücke Alexandre III – stets die goldene Kuppel des Invalidendoms vor Augen –, der spürt nichts von Grandeur oder der großen Pariser Freiheit. Nur das beklemmende Gefühl einer leeren Millionenstadt stellt sich ein.

Gewiss, Paris ist nicht ganz leer. Einzelne Supermärkte und Apotheken haben geöffnet, und da nur wenige Kunden auf einmal eingelassen werden, bilden sich auf dem Gehsteig langgezogene Warteschlangen. Die Menschen halten zwei Meter Abstand. Der längsten Schlange begegnet man vor dem Bistro der Porte d’Orléans, das auch Tabakwaren verkauft, ferner Glücksspielscheine. Oasen des Lebens in einer sonst ausgestorbenen Stadt. Sogar die Clochards sind verschwunden. Nur am Boulevard Raspail stöbert ein alter Mann in einer Mülltonne, allein auf weiter Flur.

Vor dem geschlossenen Jardin du Luxembourg sitzen zwei Mädchen am Bordstein und wärmen sich in der Sonne. Zur Sicherheit tragen sie einen Trainingsanzug, um eine sportliche Aktivität vorgeben zu können. Die Polizei ist in diesen Tagen nie weit.

In der Rue de Vaugirard bietet sich ein ungewohntes Bild: Ein junger Asiate ist durch das Fenster seiner Wohnung im ersten Stockwerk auf das Vordach seines geschlossenen Sushi-Imbisses geklettert. Mit heruntergeklappter Fliegermütze und Mundschutz genießt er die frische Luft, hoffend, dass er in seinem urbanen Adlerhorst von einer polizeilichen Strafe verschont bleibt.

Doch wo sind all die anderen Einwohner? Man fährt weiter, staunt über all die leeren Parkplätze: Sie müssten doch belegt sein, wenn alle Einwohner zu Hause eingesperrt sind. Paris fühlt sich nicht nur leer an – es ist leer! Vor einer Woche, kurz bevor Präsident Macron die Ausgangssperre verhängte, haben Zehntausende von Bewohnern Paris verlassen. Sie sind in den Süden geflüchtet, ins Ferienhaus oder zu Verwandten. Das ist die große Freiheit, die sich das Pariser Volk genommen hat, rücksichtslos – denn auf dem Land wächst die Kritik an den Virusträgern aus Paris – und radikal, so wie man in Frankreich nun einmal die erste der menschlichen Tugenden pflegt.

Wie viele Hauptstädter ausgezogen sind, lässt sich nur schätzen – abends, wenn es sich zeigt, wie viele Fenster dunkel bleiben. Es sind viele. „Bei uns die Hälfte“, schätzt ein Hauswart in der Rue Daguerre, der vor seinem Haus pausiert. Dann drückt er seine Zigarette aus, klappt den Mundschutz hoch und brummt anstelle eines Abschiedes: „Ich bin auch nicht mehr lange hier.“

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