Kindesmissbrauch

Tatort Familie

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Opfer von sexuellem Missbrauch erzählen bei einer öffentlichen Anhörung in Berlin ihre Leidensgeschichten.

Jahrelang wurde Sabrina Tophofen von ihrem alkoholkranken Vater sexuell missbraucht. „Es fing mit Anfassen an. Mit Schlägen. Bis hin zur Vergewaltigung. Meine Mutter wusste alles. Sie warf mir vor, die Familie zu zerstören. Das Jugendamt war regelmäßig da und hat mir nicht geholfen“, erzählt sie unter Tränen. Mit zehn Jahren floh sie aus der Familie, lebte jahrelang in Heimen und auf der Straße in Köln. Sie sagt: „Ich war immer Außenseiterin.“

Sexueller Kindesmissbrauch in der Familie – damit beschäftigt sich seit einem Jahr die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellem Kindesmissbrauch, die den Fokus auf Familien setzt – nicht auf Institutionen. Denn sexuelle Gewalt findet mit etwa 25 Prozent am häufigsten in der engsten Familie statt. Die Kommission will das Ausmaß des Missbrauchs aufzeigen und den Opfern eine Stimme zu geben. Aus allen sozialen Milieus erhält die Kommission Anrufe und E-Mails, bisher haben sich rund 600 Menschen für vertrauliche Gespräche angemeldet.

Doch dabei soll es nicht bleiben. Zum ersten Mal fand am Dienstag in Berlin eine öffentliche Anhörung statt, wo Betroffene ihre Geschichte vor Publikum erzählen konnten. „Sexueller Missbrauch hat eine zutiefst persönliche Seite, aber die Familie als Tatort ist keine Privatsache. Wir wollen, dass diese Geschichten an die Öffentlichkeit kommen. Auch das ist eine Form der Anerkennung“, sagte Sabine Andresen, Vorsitzende der Kommission. Dabei gehe es vor allem ums Zuhören und um den Dialog. „Unser Auftrag ist es, die Gesellschaft darüber zu informieren und sie für das Thema zu sensibilisieren“, erklärte Andresen.

Welches Ausmaß sexueller Missbrauch hat, zeigen auch diese Zahlen: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass etwa 1,8 Millionen Minderjährige in Europa von sexueller Gewalt betroffen sind.

Das Dunkelfeld ist groß

Die Polizeiliche Kriminalstatistik verzeichnete für das Jahr 2015 in Deutschland rund 12 000 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern. Das ist nur das sogenannte Hellfeld. Dunkelfeldforschungen gehen davon aus, dass jedes achte bis zwölfte Kind in Deutschland in seinem Leben mindestens einmal sexuelle Gewalt erlitten hat.

„Am meisten treibt mich um, was wir noch mehr tun können“, sagte Familienministerin Manuela Schwesig (SPD). Es sei eine Herausforderung, dass man auf der einen Seite hinsehe müsse und auf der anderen Seite keinen Generalverdacht hege. „Sexuelle Gewalt gehört in den Mittelpunkt der Politik. Wir müssen den Betroffenen helfen, so gut es geht. Man kann die Dinge nicht wieder gutmachen. Aber es geht um Respekt und Unterstützung.“

Christine Bergmann, ehemalige Familienministerin, kritisierte, dass das soziale Entschädigungsgesetz immer noch nicht so ausgestattet sei, dass es den Betroffenen von sexueller Gewalt helfe. „Wir haben da noch nicht mal einen Referentenentwurf“, monierte sie. Die Voraussetzungen des Entschädigungsverfahrens stellen teilweise unüberwindbare Hürden für die Betroffenen dar. So haben zum Beispiel Opfer aus der DDR und Menschen, denen sexuelle Gewalt vor dem Jahr 1976 angetan wurde, nur dann Anspruch, wenn sie zu mindestens 50 Prozent schwerbehindert sind. Außerdem müssen Gutachter die Glaubwürdigkeit der Opfer überprüfen, doch viele scheuen diesen Prozess aus Angst vor erneutem Trauma. Ein Mann aus dem Publikum erzählt, er habe mehr als sieben Jahre für eine Entschädigung kämpfen müssen.

Sabrina Tophofen hat sich Gehör verschafft. Am Dienstag und auch schon davor. Sie hat zwei Bücher geschrieben, sich ins Leben zurückgekämpft: Sie ist verheiratet, hat fünf Kinder und ist Zahntechnikerin. Und sie sitzt an diesem Tag auf dem Podium. Immer wieder weint sie. Mal wütend, dann zittert ihre Stimme. Sie sagt: „Ich muss jeden Tag neu kämpfen, mich neu finden. Ich habe es nicht geschafft, ich habe es nur geschafft zu überleben.“

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