Im Gegensatz zu Deutschland: In dänischen Fleischfabriken ist es bisher nicht zu Massen-Infektionen gekommen.
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Im Gegensatz zu Deutschland: In dänischen Fleischfabriken ist es bisher nicht zu Massen-Infektionen gekommen.

Fleischindustrie

Tarifverträge und Mindestlohn

  • vonAndré Anwar
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Dänemarks Fleischbranche setzt im Gegensatz zur Branche in Deutschland auf hohe Standards. In der Krise zahlt sich das aus: Massen-Infektionen gibt es dort nicht.

Neben Deutschland gehört Dänemark zu den größten Schweinefleischproduzenten Europas. „Die riesigen Schlachthöfe sind mit denen in Deutschland vergleichbar“, sagt Jim Jensen, Vizechef der Gewerkschaft NNF. Trotzdem gibt es in der dänischen Fleischindustrie keine vergleichbaren Corona-Ausbrüche wie beim deutschen Marktführer Tönnies. Jensens Einschätzung nach liegt das daran, dass Dänemarks Fleischindustrie die Beschäftigten besser behandelt, als es in Deutschland üblich ist.

Die dänischen Stundenlöhne von 25 Euro etwa gehören zu den höchsten in Europa. „Wir haben Tarifverträge in der gesamten Schweinefleischindustrie, an denen sich fast 100 Prozent der Firmen orientieren. Im Vergleich zu Deutschland, wo die Lage viel schwieriger für Gewerkschaften ist, haben wir noch immer sehr gute Arbeitsbedingungen“, sagt Jensen.

Schwarzarbeit, Scheinselbstständigkeit mit Werkverträgen und Subunternehmen in Osteuropa gebe es so gut wie gar nicht. „Die Arbeiter sind direkt bei den Fleischfirmen angestellt, und der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist relativ hoch“, erklärt Jensen. In Deutschland sei die Situation viel schlechter. „Unsere Kollegen von der deutschen Gewerkschaft kommen ja an die Mitarbeiter kaum ran. Die sind ja oft in Osteuropa angestellt und haben mehr oder weniger ein Verbot, mit der deutschen Gewerkschaft überhaupt zu sprechen. Wenn sie das tun, werden sie gefeuert.“

Ähnliches gelte im Krankheitsfall, und das sei der Knackpunkt im Vergleich zu Dänemark. „Ich glaube, die Kollegen, die in Deutschland arbeiten, haben große Angst, ihren Job zu verlieren, wenn sie sich krankschreiben lassen. Die wichtigste Anti-Corona-Maßnahme bei uns an den Schlachthöfen war, dass die Arbeitnehmer sich mit Lohnfortzahlung krankschreiben lassen können, ohne Angst vor der Kündigung haben zu müssen“, so Jensen.

„Wir haben auch viele Nationalitäten, aber alle sind im Tarifvertrag. Die meisten sind Dänen, etwa 70 Prozent, gefolgt von Polen mit 15 Prozent, das sind aber nur grobe Schätzungen, und dann haben wir zwischen fünf und zehn Prozent deutsche Gastarbeiter. Auch Rumänen und Bulgaren gibt es.“

7,4 Stunden Arbeit pro Tag

Ein weiterer wichtiger Punkt seien die besseren Unterkünfte für dänische Fleischarbeiter. Mit der Unterbringung der Arbeiter haben die dänischen Unternehmen nichts zu tun. In Dänemark ist es nicht möglich, dass eine Fleischfirma ihre Angestellten dazu verpflichtet, in einer bestimmten Unterkunft zu wohnen – vor allem nicht, dass den Beschäftigten dafür ein Betrag von ihrem Mindestlohn abgezogen wird. Jensen hat den Eindruck, dass die Gastarbeiter in Deutschland beengter wohnen, sich etwa das gleiche Bett teilen, und dafür unterschiedliche Schichten annehmen.

„Wir haben nur 7,4 Stunden Arbeit pro Tag maximal, Arbeitnehmer haben dann mehr Freizeit und wollen auch deshalb besser wohnen“, sagt Jensen. Sie kämen nicht nur zum Schlafen nach Hause wie in Deutschland.

Viel Wert werde auf die hohen dänischen Hygienestandards wie Handschuhe und Masken gelegt – auch schon vor der Corona-Krise. Während der Krise wurde der Abstand zwischen den Arbeitern vergrößert, zum Teil wurden sie mit Plastikvorhängen isoliert. Auch die Pausen wurden gestaffelt, so dass immer nur wenige Mitarbeiter auf größerem Raum gemeinsam Pause machen können. Statt wie früher Buffets in den Kantinen anzubieten, würden nun vorbereitete Portionen von Kantinenmitarbeitern auf Tellern ausgegeben.

„In Deutschland sind vermutlich einige oder mehrere ungünstige Faktoren zusammengekommen und haben zu den Ausbrüchen geführt. Ich denke, vor allem die Angst der Mitarbeiter vor Lohnausfall und Kündigung im Krankheitsfall ist eines der wichtigsten Probleme in Deutschland“, meint Jensen.

Doch die hohen Standards in Dänemark – beziehungsweise die niedrigen in Deutschland – haben ihren Preis: Im gnadenlosen Wettkampf um immer niedrigere Kosten habe Dänemark in den vergangenen 15 bis 20 Jahren rund 4000 bis 5000 Arbeitsplätze an Deutschland verloren, heißt es bei der NFF. „Die Deutschen haben uns sozusagen auskonkurriert, sie haben die Kosten so weit gesenkt, unter anderem beim Lohn, dass wir nicht mithalten konnten“, formuliert es Jensen.

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