Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Machtübernahme

Afghanistan: Taliban stellen ihre Regierung vor - Proteste reißen nicht ab

  • VonAgnes Tandler
    schließen

In Afghanistan demonstrieren weiterhin viele Frauen und Männer gegen die neuen Machthaber. Die neue Regierung in Kabul erinnert stark an die alte Taliban-Riege.

Kabul – Nach über drei Wochen präsentierte Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid in Kabul die neue Regierung, die stark an die alte Taliban-Riege der 1990er Jahre erinnert. Der Regierungschef, Mullah Mohammad Hasan Akhund, war damals stellvertretender Außenminister, eine eher unauffällige Figur in der Führung. Doch ein Kompromisskandidat ist er deswegen nicht. Sein Name steht auf der Sanktionsliste der Vereinten Nationen, was eine Anerkennung der Taliban in Afghanistan nicht einfach macht.

Die Regierung sei „provisorisch“, stellte der Taliban-Sprecher klar. Man werde „versuchen, Leute aus anderen Teilen des Landes mit einzuschließen“. Nicht das erste Mal bedienen sich die Islamisten der Taktik, Dinge im Unklaren zu lassen, um im Zweifel jeder Verantwortung zu entgehen. Auch die Frage nach einem Parlament oder gar Wahlen kann man bei einer nur vorübergehenden Regierung vermeiden. Die oberste Autorität der Taliban, Haibatullah Akhundzada, soll das Placet für die Besetzung gegeben haben. Allerdings ist der Phantom-Führer der Taliban seit 2019 nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen worden. Viele glauben, der Mullah sei längst tot. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Taliban den Tod ihres Anführers jahrelang geheim halten.

Frauenministerium aufgelöst – Pakistan muss zwischen Taliban-Führern schlichten

Als stellvertretender Regierungschef agiert Abdul Ghani Baradar, der als aussichtsreichster Kandidat für den höchsten politischen Posten gehandelt worden war. Offenbar war dies aber innerhalb der Taliban nicht durchsetzbar. Baradar schloss als Verhandlungsführer der Taliban das Friedensabkommen mit den USA in Doha. Zuletzt gab es Gerüchte, dass Baradar bei internen Kämpfen zwischen Taliban-Gruppen verletzt worden sei. Faiz Hameed, der Chef des pakistanischen Geheimdienstes ISI, besuchte am vergangenen Wochenende Kabul, offenbar um den internen Streit um die obersten Führungspositionen zu schlichten. Der ISI hatte schon in den 1980er Jahren islamistische Kämpfer gegen die Sowjetunion trainiert und hielt später schützend seine Hand über das Taliban-Regime.

Viele Frauen wie hier in Kabul gehen auf die Straße gehen, um für ihre Rechte auf Bildung und Arbeit zu demonstrieren.

Offenbar misstrauen die Pakistaner Baradar, der als unabhängiger Kopf gilt und 2010 schon geheim mit dem früheren afghanischen Regierungschef Hamid Karzai über eine Regierungsbeteiligung verhandelte. Dieser Vorstoß brachte Baradar acht Jahre Haft in Pakistan ein. Große Gewinner der neuen Regierung sind die Haqqanis. Sirajuddin Haqqani, der Sohn des Gründers des berüchtigten Terror-Outfits, soll das Innenministerium und damit auch die afghanische Polizei leiten.

Fünf Millionen US-Dollar Kopfgeld ausgesetzt – USA sucht künftigen Innenminister Afghanistans

Das FBI hat fünf Millionen US-Dollar Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Das sogenannte Haqqani-Netzwerk, das aus Pakistan heraus agiert, soll für etliche Attentate in Afghanistan, unter anderem auch für den Anschlag auf die deutsche Botschaft in Kabul 2017, verantwortlich sein und zudem gute Beziehungen zu Al-Kaida pflegen.

Von den 33 Mullahs in der Regierung betreffen US-Sanktionen vier. Zudem waren vier der neuen Minister im US-Marinestützpunkt Guantanamo völkerrechtswidrig inhaftiert, darunter auch Abdul Haq, der den afghanischen Geheimdienst leiten soll. Belehrungen über Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit werden bei ihm kaum auf Gehör stoßen.

Iran steht als Verlierer da – Regierung besteht fast nur aus Paschtunen

Das Frauenministerium ist aufgelöst. Stattdessen soll ein Ministerium „für Tugend und gegen das Laster“ den künftigen Kurs festlegen. Mehr als 90 Prozent der Regierung sind zudem ethnische Paschtunen – vorwiegend aus dem Süden. Hazaras, eine überwiegend schiitische Minderheit, sucht man ebenso vergebens wie Frauen. Auch Tadschik:innen, Usbek:innen und andere ethnische Gruppen, die etwa 60 Prozent der Bevölkerung ausmachen, sind kaum vertreten.

Während Pakistans Einfluss auf die neuen Herren in Kabul nicht wegzureden ist, steht Iran als Verlierer da. Das Nachbarland unterstützt Taliban-Führer im Westen, etwa in den Provinzen Helmand oder Nimruz.

Warnschüsse und Schläge bei Protesten – Taliban nicht in der Lage Proteste zu kontrollieren

Diese Gruppen sind militärisch gut gerüstet und verfügen durch den Drogenhandel über genügend Geld und Einfluss in der Region. Vermutlich werden sie sich nicht viel von der neuen Regierung in Kabul sagen lassen.

Die Taliban müssen nun die Probleme des 21. Jahrhunderts angehen. Wie wenig sie dafür gerüstet sind, zeigt ihre Reaktion auf die Demonstrationen in Kabul, Herat und anderen Großstädten. Es sind viele Frauen, die auf die Straße gehen, um sich ihre Rechte auf Bildung und Arbeit nicht wegnehmen zu lassen.

Anti-Taliban Demonstrationen – Zwei Menschen sollen ums Leben gekommen sein

Taliban-Kämpfer gaben am Dienstag Warnschüsse in die Menge ab und schlugen mit Stöcken und Gewehren auf Protestierende ein. Mindestens zwei Menschen sollen dabei ums Leben gekommen sein. Trotz Drohungen und Gewalt wurde auch am Mittwoch in Kabul wieder demonstriert. (Agnes Tandler)

Rubriklistenbild: © HOSHANG HASHIMI/AFP

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare