+
Auf der Flucht: eine Familie aus dem ostafghanischen Gasni.

Afghanistan

Taliban belagern Kabul

  • schließen

Mindestens 48 Menschen werden bei einem Selbstmordanschlag in Kabul getötet. Afghanistans Streitkräften wächst die Sicherheitslage zwei Monate vor den Parlamentswahlen über den Kopf.

Einen Tag nach der Abschiebung von mehr als 40 Afghanen aus Deutschland nach Kabul sind bei einem Selbstmordanschlag in einem schiitischen Viertel der afghanischen Hauptstadt mindestens 48 Menschen getötet worden. Es gebe außerdem 67 Verletzte, teilten die Sprecher des Innen- und des Gesundheitsministeriums übereinstimmend mit. Laut Polizei sprengte sich ein Attentäter, der zu Fuß kam, im Westen Kabuls in einem Bildungszentrum in die Luft. Von den zahlreichen tödlichen Anschlägen der vergangenen Monate besonders in städtischen Regionen wurden viele der sunnitischen Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) zugeschrieben.

Damit steht die Zentralregierung weiter enorm unter Druck, auch wenn das tagelange Blutvergießen in der afghanischen Stadt Gasni nach fünftägigen Kämpfen abklang. Nahe des Markts in dem Ort Baghlan im Norden der afghanischen Hauptstadt und nur einen Steinwurf vom wichtigsten Militärstützpunkt der USA am Hindukusch entfernt, töteten die radikalislamischen Talibanmilizen nach Angaben eines Vertreters der lokalen afghanischen Behörden 40 Soldaten. In der fernen Faryab-Provinz ergaben sich Anfang der Woche gar 50 Soldaten, nachdem ihnen trotz tagelangen Flehens um Verstärkung die Munition ausging.

Taliban üben heftige Kritik am Roten Kreuz

In dem nur knapp 100 Kilometer von Kabul entfernten Gasni, das die Talibanmilizen am Wochenende bis auf einige Regierungsgebäude im wesentlichen überrannten, kamen laut UN-Schätzungen mindestens 150 Zivilisten ums Leben. Etwa 200 Regierungssoldaten wurden getötet. Auch die Talibankämpfer, die mit ihrem Sturm auf Gasni die Sicherheitskräfte trotz vieler Warnzeichen überraschten, mussten einen hohen Blutzoll zahlen. Afrasiab Khattak, ein Senator im benachbarten Pakistan, verlangte von den Streitkräften seines Landes Aufklärung über die Beteiligung von Landsleuten. In den sozialen Medien waren Berichte aufgetaucht, wonach die Talibanmilizen in Gasni gefallene Kämpfer in ihrer pakistanischen Heimat beerdigten.

Die Taliban übten heftige Kritik am Roten Kreuz und am Roten Halbmond. Ihr Vorwurf: Die Helfergruppen hätten nur zögerlich verwundete und gefallene Mudschaheddin abtransportiert. Die Taliban kündigten deshalb ein Übereinkommen mit dem Roten Kreuz auf, das die Sicherheit der Helfer garantieren sollte.

Bei ihrer Attacke auf Gasni nutzten die Extremisten die Schwäche der 350.000 Mann geschätzten afghanischen Armee ANA aus, die bereits seit dem Abzug westlicher Kampftruppen vom Hindukusch Ende des Jahres 2014 deutlich wurde. Die Streitkräfte sind aufgrund massiver Korruption, interesseloser Kommandeure und schwerer Verluste in weiten Teilen demoralisiert.

Eine ursprünglich 30.000 Mann starke, aus Armee und Geheimdienst zusammengesetzte Kommandotruppe wurde mittlerweile zwar aufgestockt. Mangels finanzieller Mittel sprang Indien ein, um dringend benötigte Kampfhubschrauber anzuschaffen. Dennoch können die Kommandos ihrer „Feuerwehrrolle“ wegen der immer zahlreicheren Zwischenfälle kaum gerecht werden, und das trotz massiver Luftunterstützung durch die USA.

„Lange waren die Taliban nicht in der Lage, gleichzeitig in mehreren Landesteilen großangelegte Attacken zu starten“, erklärte ein Militärexperte in Kabul der FR, „das scheint sich aber nun zu ändern.“ Zugleich ziehen die Talibanmilizen allmählich einen immer engeren Ring um die Hauptstadt Kabul. Zuvor hatten sie Ende Juli im Süden der Provinz Jowsjan einen Ableger der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) besiegt.

Die überwiegend aus Usbekistan stammenden früheren Mitglieder der „Islamischen Bewegung Usbekistan“ (IMU) waren vor Jahren aus Wasiristan in Pakistan geflohen. Nach ihrer blutigen Niederlage gegen die Taliban lief die IS-Truppe von Darsab zur afghanischen Armee über.

Dennoch wird die Lage der Regierung immer schwieriger, und das zwei Monate vor den für 20. Oktober, mit dreieinhalbjähriger Verspätung, geplanten Parlamentswahlen. Unklar ist, ob sich Präsident Ashraf Ghani überhaupt bis zu den Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr wird im Amt halten können.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion