1. Startseite
  2. Politik

Taiwan wappnet sich

Erstellt:

Von: Felix Lill

Kommentare

Einer von sieben taoistischen Altären, die im taiwanesischen Taoyuan im Dezember für Friedensgebete errichtet wurden. Foto: Sam Yeh/AFP.
Einer von sieben taoistischen Altären, die im taiwanesischen Taoyuan im Dezember für Friedensgebete errichtet wurden. Foto: Sam Yeh/AFP. © afp

Eine mögliche Invasion durch die Volksrepublik China bestimmt die politische Debatte und die Stimmung im Land.

Als Wen Liu von ihrer neuen Freizeitbeschäftigung erzählt, wird ihre Stimme lauter, ihr Sprechtempo höher. „Ich habe gelernt, wie man am klügsten klettert, und wie die Logistik kritischer Güter funktioniert.“ Wen Liu, im Hauptberuf Professorin für Ethnologie an der Academia Sinica in Taipeh, lernt gerade eine andere Welt kennen. „Ich habe auch an einem Militärkurs teilgenommen.“ Und sie habe viele Personen in ihrem Bekanntenkreis, die schon mit einer Softgun trainiert haben.

Wen Liu berichtet von einer gestiegenen Sensibilisierung für die Bedrohungslage: „Bis vor kurzem wollte niemand über Krieg sprechen.“ Das sei nun anders. Mehrere Nichtregierungsorganisationen haben begonnen, Kurse zur Selbstverteidigung anzubieten. „Das Teilnehmerfeld ist erstaunlich divers“, sagt Wen Liu. „Da sind längst nicht nur Militärgeeks. Auch junge Mütter. Und viele, die gar nicht wirklich politisch denken.“ Menschen eben, die sich schützen wollten.

In Taiwan, einer 24-Millioneninsel südlich des chinesischen Festlandes, gilt die Gefahr eines Krieges dieser Tage als absolut real. Die Volksrepublik China betrachtet das demokratisch regierte Taiwan, das sich infolge des Bürgerkrieges zwischen Kommunisten und der Nationalistischen Partei abgespalten hat, als Teil seines eigenen Territoriums, Staatsoberhaupt Xi Jinping hat mehrmals die „Vereinigung“ mit Taiwan angekündigt – notfalls unter Zwang. Was bisher oft wie das Bellen eines vorlauten Hundes klang, wirkt seit einigen Monaten wesentlich bedrohlicher. „Russlands Invasion der Ukraine hat vielen Menschen die Augen geöffnet“, sagt Wen Liu.

Nicht nur sind die Verteidigungskurse nachgefragt, Kriegsszenarien prägen auch die politische Debatte. Abgeordnete fordern längere Haftstrafen für Personen, die mit Akteuren aus Festlandchina auf eine Weise kooperieren, die die Sicherheit Taiwans gefährde. Zudem könnte der Wehrdienst auf ein Jahr erhöht werden. Häufig wird der Gegenseite entweder Verharmlosung oder Kriegstreiberei vorgeworfen.

Auf den ersten Blick wirken die militärischen Chancen für Taiwan verschwindend gering: Festlandchina ist flächen- und bevölkerungsmäßig ungleich größer und hat ein viel stärkeres Militär. Auch jüngste Aufrüstungsversuche der taiwanischen Regierung können daran kaum etwas ändern. Doch die USA und Japan haben zu verstehen gegeben, Taiwan bei einer Invasion beizustehen. Und der Ukraine-Krieg hat gezeigt, was militärische Unterstützung ausmachen kann.

Die harte Linie, die Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen und ihre Demokratische Fortschrittspartei (DPP) gegenüber Peking fahren, stößt aber auf Kritik aus dem Lager der heute oppositionellen Nachfolgepartei der Militärdiktatur, KMT. „Die DPP versteht nicht, wie man eine gute Verbindung zu Peking unterhält“, sagt Chieh-cheng Huang von der National Policy Foundation, einem Thinktank der KMT. Die DPP mache Politik damit, China zu provozieren: „Das ist sehr unklug!“ Huang kritisiert auch, die Regierung müsse sich deutlicher zu den NGOs positionieren, die nun die Bevölkerung trainieren und damit eigentlich Staatsaufgaben übernähmen. Die Kurse selbst seien ohnehin naiv. Stattdessen sei Deeskalation geboten: „Wir haben seit 64 Jahren keinen bewaffneten Konflikt gehabt, China seit 1979 nicht. Wir beide würden wie Amateure kämpfen! Was soll das?“

Trotzdem zeigt eine Umfrage des taiwanischen Magazins Global Views Monthly im September, dass fast zwei Drittel der taiwanischen Bevölkerung einen Krieg befürchten. Zudem sorgen sich mehr als 55 Prozent der Unternehmen, durch die Spannungen auf dem wichtigen Markt in Festlandchina diskriminiert zu werden. Und Mitte des Jahres ergab eine Umfrage des Instituts für Nationale Verteidigung und Sicherheitsstudien, dass fast drei Viertel der Menschen für Taiwan in den Krieg ziehen würden. Gut die Hälfte wäre im Kriegsfall auch optimistisch.

Dazu gehört auch Wen Liu. „Ich glaube, Taiwan hat eine gute Chance, sich selbst zu verteidigen“, sagt sie entschlossen. „Grundsätzlich ist es schonmal schwierig, eine Insel zu erobern.“ Anders als bei Russlands Invasion in der Ukraine ließe sich Taiwan nicht mit Panzern einnehmen. Die Rolle von Streitkräften in der Luft und auf dem Wasser wäre größer. Und Liu, die sich seit einiger Zeit vermehrt mit Verteidigungsexperten austauscht, glaubt, dass Taiwan auch dank möglicher Hilfe anderer Staaten gut aufgestellt wäre.

Mehr Sorgen als das Militärische macht ihr die politische Situation. „Wir sind so zerstritten. Wie stark wir im Kriegsfall wären, hängt auch davon ab, wer dann gerade regiert.“ Wen Liu, die der derzeit regierenden DPP nahesteht, wäre weniger optimistisch, falls die KMT an der Macht wäre. „Der politische Wille, wirklich zu kämpfen, wäre dann geringer, fürchte ich.“ Die KMT beteuert, es würde dann gar nicht zum Krieg kommen

In einer Sache scheinen sich beide Lager einig zu sein: Sofern Peking wirklich eine Invasion startet, käme es auf den Zusammenhalt aller Menschen in Taiwan an. Und dann wäre jede Vorbereitung der Bevölkerung besser als gar keine.

Auch interessant

Kommentare