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Taiwan ist mehr als nur eine Insel

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Von: Felix Lill

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Taipeh
Der Inselstaat kann vor allem mit seiner Halbleiter-Industrie punkten. © IMAGO / Panthermedia

Taiwans Halbleiter-Produktion wird für die Weltwirtschaft immer wichtiger – ein Angriff Chinas würde diverse Industriezweige in praktisch jedem Land der Welt in Gefahr bringen.

Im Konflikt von China und Taiwan geht es längst nicht mehr nur um die Geschichtspolitik. Zu Ende des chinesischen Bürgerkriegs 1949 flohen die besiegten Nationalisten nach Taiwan und riefen die Republik China aus, besser bekannt als Taiwan, was die siegreichen Kommunisten aber nie anerkannten. Neben dieser eher historischen Dimension des Streits steckt heute aber auch Geo- und Wirtschaftspolitik hinter den Verwerfungen.

Taiwan ist der weltweit mit Abstand wichtigste Produktionsstandort für Halbleiter, ohne die die Weltwirtschaft nicht mehr auskommt, weil sie in alle möglichen Elektroprodukte verbaut werden. Das Know-how ist hochkompliziert und -diversifiziert, lässt sich nur über mehrere Jahre erlernen, während derer sich das Geschäft auch noch ständig weiterentwickelt. Fachleute sind skeptisch, dass gerade bei den neueren Generationen von Mikrochips irgendein anderes Land mittelfristig Taiwan als Standort ersetzen könnte.

Weltweit würden Lieferketten zusammenbrechen

Dies ist ein weiterer Grund, warum das 1,4-Milliardenland China über die letzten Jahre immer vehementer beteuert hat, die 23-Millioneninsel Taiwan sei Teil Chinas.

Aber gerade deshalb könnten die Folgen eines Konflikt um Taiwan besonders dramatisch sein: Ein Krieg würde nicht nur unschätzbar wertvolle Produktionsanlagen in Gefahr bringen, wodurch auch die mit Taiwan eng verflochtene chinesische Volkswirtschaft leiden würde. Weltweit würden Lieferketten auf noch ganz andere Weise zusammenbrechen wie zuletzt inmitten der Pandemie. Diverse Industriezweige in praktisch jedem Land der Welt wären in Gefahr.

Hinzu kommt, dass China als ökonomisch aufstrebende Volkswirtschaft zu den größten Verliererinnen einer sich weiter desintegrierenden Globalisierung zählen würde. Und auch in diesem Wissen hat die derzeitige Reise von Nancy Pelosi quer durch Asien mehr Stopps als nur Taipeh. Die Route umfasst Singapur, Malaysia, Japan und Südkorea.

Pelosis Reise zu den wichtigsten Partner der USA im Indopazifik

Die letzten beiden Staaten gehören seit Jahrzehnten zu den wichtigsten strategischen Partnern der USA, in ökonomischer wie sicherheitspolitischer Hinsicht. Beide wurden zuletzt auch als Gäste zu einem Gipfel der Nato eingeladen.

Aus Japan, das seit Ende des Zweiten Weltkrieg eigentlich eine pazifistische Verfassung hat, war über die vergangenen Monate schon zu hören, dass man im Falle eines Krieges auf der Seite Taiwans stünde.

Der Stadtstaat Singapur, keineswegs eine Demokratie, ist wiederum eines der bedeutendsten Drehkreuze für Handel im indopazifischen Raum. Malaysia dient als bedeutende Werkbank für diverse Fertigungsindustrien und kooperiert militärisch mit den USA. Der Besuch Pelosis, die der in den USA regierenden Demokratischen Partei angehört, kann auch in diesen Ländern als freundlicher Gruß und Werben für Zusammenarbeit verstanden werden.

China hat hingegen kaum mächtige Verbündete

Im Frühjahr präsentierte US-Präsident Joe Biden mit dem noch vage formulierten „Indo-Paficic Framework“ ein Vorhaben, den indopazifischen Raum ökonomisch und sicherheitspolitisch stärker an die liberale Welt zu binden. China wiederum, das in der Welt bis auf Russland keinen mächtigen Verbündeten hat, sehr wohl aber ökonomisch eng mit der Weltwirtschaft verzahnt ist, geriete durch einen bewaffneten Konflikt Taiwan womöglich auch handelspolitisch in eine schwierigere Lage. In Peking dürfte man dies wissen, auch wenn es in den Drohgebärden nicht zu herauszuhören ist.

Weltweit steht deswegen immer mehr die Frage im Raum: Steuern die zwei größten Volkswirtschaften auf einen militärischen Konflikt zu?

China könnte den Taiwan-Konflikt mit Raketentests weiter eskalieren

Fachleute erwarten, dass die chinesische Reaktion auf den Taiwan-Besuch Pelosis auch militärische Dimensionen wie etwa Raketentests erreichen könnte. In Taiwans Gewässer und dessen Luftraum drang das chinesische Militär zuletzt ohnehin vermehrt ein. Zudem hat die Regierung Russlands, die seit Februar einen Angriffskrieg in der von westlichen Ländern unterstützten Ukraine führt, im Juni eine auch militärisch engere Zusammenarbeit mit China vereinbart.

Ein Krieg um Taiwan ist deshalb allerdings noch nicht wesentlich wahrscheinlicher geworden. Vielmehr scheint Chinas Staatspräsident Xi Jinping mit den immer wieder formulierten Kampfansagen auch sein Gesicht wahren zu wollen. Ein tatsächlicher militärischer Konflikt aber wäre nicht nur für die Menschen in Taiwan eine Katastrophe, sondern auch für China und alle anderen Staaten der Welt.

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