Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Reisende aus Taiwan auf dem Weg in den Urlaub: Wegen der niedrigen Infektionszahlen ist das erlaubt.
+
Reisende aus Taiwan auf dem Weg in den Urlaub: Wegen der niedrigen Infektionszahlen ist das erlaubt.

Corona

Corona und Digitalisierung in Taiwan: Programmieren fürs Gemeinwohl

  • Alicia Lindhoff
    VonAlicia Lindhoff
    schließen

Taiwan scheint die Corona-Pandemie gut zu bewältigen – auch weil das Land von Beginn an auf digitale Technologien setzt.

Nur etwas mehr als 1000 registrierte Covid-19-Infektionen im ganzen Land, nur zehn Todesopfer – und das alles ohne Lockdown: Die bisherige Pandemie-Bilanz Taiwans lässt Staatsoberhäupter in aller Welt vor Neid erblassen. Und sie macht neugierig. Denn trotz seiner Insellage war zu Beginn der Pandemie keineswegs ausgemacht, dass der ostasiatische Staat so glimpflich davonkommen würde. Im Gegenteil: Im Januar 2020 erstellte Modellrechnungen ließen befürchten, dass Taiwan nach China am schwersten betroffen sein würde. Immerhin liegt die Insel unmittelbar vor der chinesischen Küste, außerdem leben und arbeiten mehr als eine Million der gut 23 Millionen Taiwaner und Taiwanerinnen dauerhaft in der Volksrepublik oder pendeln regelmäßig zwischen den beiden Seiten der Taiwanstraße.

Der Erfolg Taiwans hat viele Gründe. Hier soll es aber vor allem um einen Bereich gehen, der oft als wichtige Säule der taiwanischen Covid-19-Strategie beschrieben wird: der Einsatz digitaler Technologien.

Taiwan nutzt künstliche Intelligenz im Kampf gegen Corona

Zu den vielen Beispielen, wie Taiwan etwa Datenanalyse und künstliche Intelligenz nutzt, gehört ein Frühwarnsystem, das in Echtzeit Krankenhaus- und Medienberichte, aber auch Beiträge auf Social-Media-Plattformen beobachtet – und bei den leisesten Anzeichen einer sich anbahnenden Pandemie Alarm schlägt. Genau das tat es schon Ende Dezember 2019, als die ersten Berichte des später verstorbenen Whistleblowers Li Wenliang aus Wuhan auftauchten. Die durch den verheerenden Sars-Ausbruch 2003 sensibilisierten taiwanesischen Behörden reagierten sofort: Reisende aus der Region wurden noch am selben Tag bei der Einreise getestet, ab Januar war die Einreise aus Wuhan verboten. Kurz darauf wurden auch der Rest Chinas und weitere Staaten als Risikogebiete ausgezeichnet.

Bis heute ist die Einreise stark eingeschränkt; wer doch ins Land darf, muss für 14 Tage in Quarantäne. Ob die eingehalten wird, kontrollieren die Behörden rigoros – mithilfe von Handyortung. Um die Kontakte von tatsächlich Infizierten zurückzuverfolgen, interviewt ausgebildetes Personal die Betroffenen und gleicht die Informationen dann mit Daten aus Mobilfunkzellenabfragen und zum Teil sogar von Überwachungskameras ab. Außerdem hat der kleine Inselstaat früh die Datenbanken seiner Einwanderungsbehörde mit jenen des staatlichen Gesundheitssystems verknüpft. Ärztinnen und Ärzte bekommen eine automatisierte Warnmeldung, wenn die Person, die sie behandeln, in den vorangegangenen zwei Wochen aus einem Risikogebiet eingereist ist.

Experte über Corona-Datenerhebung: Staatliche Überwachung „weniger realistisch“

Aus europäischer Sicht sind viele dieser Schritte – von der Kontrolle persönlicher Standortdaten bis zur Integration zweier so sensibler staatlicher Datenbestände – schwer vorstellbar. Und auch im Land selbst regt sich durchaus Kritik. Doch ein Vergleich des Vorgehens in Taiwan mit der digitalen Komplettüberwachung, die etwa in China an der Tagesordnung ist, geht ins Leere.

Nicholas Martin vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) hat die digitalen Krisenstrategien des Landes analysiert. Er schätzt die Wahrscheinlichkeit, dass die Pandemie zum Aufbau bleibender staatlicher Überwachung missbraucht wird, als „weniger realistisch“ ein. Jeder der Schritte sei eindeutig gesetzlich reguliert und zeitlich begrenzt, die Verarbeitung aller sensiblen Daten auf die Pandemiebekämpfung beschränkt. Abgesehen davon zeigten Studien ein hohes Vertrauen der taiwanischen Bevölkerung in die Corona-Strategie ihrer Regierung. Martin warnt davor, diese Zustimmung mit der „Mär vom ‚gehorsamen Asiaten‘ oder ‚konfuzianischem Kollektivismus‘“ zu erklären, wie es immer wieder geschieht. Im Gegenteil: „Das Land ist eine streitbare Demokratie mit aktiver Zivilgesellschaft und starken Protestbewegungen.“

Taiwan schreitet in der Corona-Pandemie mit digitalen Innovationen voran

Tatsächlich sind einige von Taiwans bemerkenswerten digitalen Innovationen aus genau dieser Zivilgesellschaft entstanden, die seit langem ihre Demokratie gegen chinesische Vereinnahmungsversuche verteidigt. Heute mischen sich Millionen von Bürgerinnen und Bürgern – darunter viele Programmierer:innen – aktiv in die Politik ein. Dort werden Gesetzesvorschläge eingebracht und diskutiert, es gibt Tools zur Visualisierung des taiwanischen Haushalts oder Crowdsourcing-Projekte, um Parteispenden transparenter zu machen.

NameTaiwan
Einwohner 23,57 Millionen (2020)
KontinentAsien
HauptstadtTaipeh

Das Gesicht dieser demokratisch-digitalen Kultur ist spätestens seit der Pandemie Audrey Tang, Digitalministerin Taiwans und treibende Kraft hinter vielen Innovationen. Sie ist keine Berufspolitikerin, sondern stammt selber aus der Szene der sogenannten Civic hackers. Bis heute verbringt sie mehr Zeit in Taipehs „Social Innovation Lab“ als in ihrem offiziellen Büro. Sie will die Regierung öffnen – nicht nur, indem sie all ihre Meetings frei verfügbar im Netz streamt, sondern auch, indem Know-how und Ideen von außen ihren Weg ins Zentrum der Macht finden, frei nach ihrem Lieblingsmotto „Hack Democracy“.

Taiwan: Bürger entwickelt Corona-App, Digitalministerin baut Idee aus

Ein Beispiel: In der Frühphase der Pandemie klapperten überall im Land Menschen Geschäfte ab, um Masken zu kaufen. Es kam zu Menschenaufläufen, Chaos und Engpässen. Um Abhilfe zu schaffen, sammelte ein unabhängiger Programmierer in einer nächtlichen Aktion alle Daten über Verkaufsstellen und Maskenvorräte, die er online finden konnte. Daraus baute er eine App zusammen, die anzeigte, wo in der eigenen Umgebung noch Masken verfügbar waren. Die App war ein lückenhaftes Provisorium. Doch sie zeigte, wie groß der Bedarf war: Schon nach wenigen Stunden hatten Zehntausende die App heruntergeladen – auch Digitalministerin Audrey Tang. Sie griff die Idee auf und schlug noch am selben Tag ihren Regierungskolleg:innen vor, die Echtzeit-Daten zu Liefermengen und Vorräten der staatlich verteilten Masken frei zugänglich ins Netz zu stellen. Stichwort: Open Data.

Innerhalb kürzester Zeit stürzten sich Hacker auf den Datensatz und programmierten Dutzende digitale Anwendungen und „Mask Maps“. Die Regierung führte sie zusammen, besserte nach anfänglicher Kritik mehrfach nach. Heute hat Taiwan ein Online-System, über das alle Bürger:innen jederzeit einsehen können, wie groß ihr Masken-Kontingent noch ist – Masken sind rationiert, um Hamsterkäufe zu vermeiden – und wo in der Nachbarschaft sie sie abholen können. Wer das Haus nicht verlassen kann, bekommt sie sogar nach Hause geliefert.

Deutschland könnte in der Corona-Pandemie von Taiwan lernen

Beispiele für solche „öffentlich-privaten Partnerschaften“ gibt es viele – ob beim Monitoring großer Menschenansammlungen im öffentlichen Raum oder beim Kampf gegen Fake-News und Corona-Gerüchte.

Könnte Deutschland vom Modell Taiwan lernen? Nicholas Martin vom Fraunhofer-Institut seht verschiedene Ansatzpunkte: Die aktive Einbindung der Zivilgesellschaft, die Perspektive auf Technologie als Unterstützung menschlicher und politischer Entscheidungen, nicht als Selbstzweck. Und vor allem: die gesellschaftliche Aushandlung, wie Gesundheitsschutz und individuelle Freiheitsrechte gegeneinander abgewogen werden sollen. Taiwan habe die Jahre nach Sars für diese Diskussion genutzt. „Bei uns beginnt sie erst.“ (Alicia Lindhoff)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare