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Indigene Bewohnerinnen des Regenwaldes erleben die Brutalität der Umweltzerstörung jeden Tag.
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Indigene Bewohnerinnen des Regenwaldes erleben die Brutalität der Umweltzerstörung jeden Tag.

Gewalt gegen Frauen

„Frauen sind von stabilen Klimaverhältnissen abhängig“

  • Bascha Mika
    VonBascha Mika
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Der 25. November ist Internationaler Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Juliane Schmucker von Plan International erzählt, warum hinter Menschenhandel und Misshandlung oft eine noch größere Bedrohung steckt – der Klimawandel

Frau Schmucker, der heutige Tag macht auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam. Auch der Weltklimagipfel in Glasgow hatte das Thema auf der Agenda. Was haben denn Gewalt gegen Frauen und Umweltzerstörung miteinander zu tun?

Darauf hätten wohl viele Menschen keine spontane Antwort. Dabei gibt es tatsächlich sehr viele Zusammenhänge. Der Klimawandel ist ja nicht nur eine Bedrohung an sich, sondern auch ein Multiplikator der bestehenden Ungleichheit zwischen Männern und Frauen.

Ungleichheit und gewalttätige Männer existieren auch ohne Umweltzerstörung.

Richtig. Aber die Klimakatastrophe verschärft diese Ungleichheiten um ein Vielfaches und verstärkt die Missstände. Das betrifft zum Beispiel den Zugang zu Bildung, zu Ressourcen und zu sozialen Leistungen. In vielen Ländern des globalen Südens geht es um einen Teufelskreis aus Armut, Anfälligkeit und Ausgrenzung – doch nicht nur im Süden, auch im Norden.

Worunter leiden Frauen dann konkret?

In vielen Ländern sind sie traditionell für Aufgaben zuständig, die von stabilen Klimaverhältnissen abhängig sind. Zum Beispiel in der Landwirtschaft oder bei der Versorgung mit Wasser und Brennholz. Solche Aufgaben können schwieriger und gefährlicher werden, wenn die Wege durch Umweltzerstörung weiter werden, weil Frauen dann eher Angriffen ausgesetzt sind. Zudem erhöht sich die finanzielle Not, wenn die Ressourcen knapper werden. Frauen sind diesem Stress stärker ausgeliefert, weil sie meist für die Nahrungsbeschaffung zuständig sind. Auch Männer sind dann gestresst, wodurch die häusliche Gewalt zunimmt. Und wenn es wenig zu essen gibt, bekommen Mädchen und Frauen von dem wenigen noch weniger ab ...

Juliane Schmucker

Zur Person

Juliane Schmucker ist stellvertretende Abteilungsleiterin der Internationalen Programmabteilung bei der Kinderrechtsorganisation Plan International Deutschland e.V. in Hamburg.

Ihr Schwerpunkt ist die Planung und Umsetzung von Projekten und Programmen der Internationalen Entwicklungszusammenarbeit und der humanitären Hilfe, inbesondere für die Rechte von Mädchen und jungen Frauen.

Heißt das, sie hungern mehr als Männer?

So ist es in vielen Ländern tatsächlich. Dabei bräuchten Frauen, wenn sie schwanger sind, ja eigentlich eine bessere Versorgung. Hinzu kommt, dass Mädchen und Frauen oft keine Bildung oder Ausbildung haben und deshalb auch keine Möglichkeit, sich ein eigenes Einkommen zu verschaffen. Das öffnet Tür und Tor für Zwangsprostitution oder auch Zwangsverheiratung.

Mädchen und Frauen werden dann nicht selten gegen Vieh verkauft. Sie sind weniger Wert als Kühe oder Schafe?

Das ist der einzige zulässige Schluss. Aber Eltern verkaufen ihr Kind natürlich nicht gern. Das ist die pure Not ...

... warum wird dann nicht auch mit den Jungs Handel getrieben?

Auch das kann passieren, obwohl Jungs häufig zu anderen Zwecken verkauft werden, zum Beispiel als Kindersoldaten. Aber natürlich sind Mädchen von dieser Form der Gewalt besonders betroffen – oft auch ohne Zutun der Eltern. Wenn bei Naturkatastrophen Kinder von den Eltern getrennt werden, sind es Menschenhändler, die die Mädchen aufgreifen und verkaufen.

In welchen Ländern sind Frauen durch Klimazerstörung besonders von Gewalt betroffen?

Wir von Plan International arbeiten vor allem in Ländern des Globalen Südens. Die sind nicht alle arm, aber häufig von Naturkatastrophen heimgesucht – von Erdbeben über Tsunamis, von Dürren bis zu Überflutungen. Die ganze Sahel-Region leidet unter Dürren oder derzeit auch Madagaskar.

Wenn es nicht nur um arme Ländern geht – welche Strukturen fördern die Gewalt gegen Frauen?

Politisch instabile Systeme zum Beispiel oder Flüchtlingswanderungen. Migration ist eine der Hauptfolgen des Klimawandels und wird sich in den kommenden Jahren noch verschärfen. Männer migrieren, um Geld zu verdienen. Frauen werden häufig allein zurückgelassen und sind dann noch anfälliger für Übergriffe und Ausbeutung. Außerdem sind allein reisende Frauen auf der Flucht gewalttätigen Männern ausgesetzt. Für diese Frauen muss es sicherer werden, aber auch für die zurückgebliebenen.

Gibt es weitere strukturelle Bedingungen, die Mädchen und Frauen gefährden?

Wenn sie kaum Zugang zu Bildung und Ausbildung haben. Oder wenn es kein funktionierendes Gesundheitswesen gibt und es an Schutzsystemen mangelt. Wenn Frauen Unrecht geschieht, wissen sie häufig nicht, an wen sie sich wenden können, weil es keine Beschwerde- oder Meldesysteme gibt. Oder es besteht kein Vertrauen in die staatlichen Instanzen. In Ländern mit traditionellen Geschlechterhierarchien sind Frauen von den Folgen des Klimawandels besonders betroffen.

Lesen Sie mehr zu unserem Schwerpunkt:

Hatespeech: Wenn sich Frauen öffentlich über Klimawandel, Feminismus oder Extremismus äußern, müssen sie mit einem Sturm von Drohungen und Beleidigungen rechnen. Die Vereine „ichbinhier“ und „Hate Aid“ wollen das Netz nicht diesem Hass überlassen.

Die Macht des Öls: Abholzung im Regenwald treibt viele indigene Männer in die Städte – und Frauen in die Abhängigkeit. Eva Tempelmann berichtet über den Notstand in Peru.

Zwangsprostitution: In Nigeria zwingen Dürre und Ernteausfälle Familien dazu, ihre Töchter zu verkaufen. Viele von ihnen landen in Italien auf dem Straßenstrich.

Wie in Thailand. Bei dem Tsunami 2004 gab es sehr viel mehr weibliche als männliche Opfer. Wie kommt das?

Thailand ist ein gutes Beispiel. Während die Männer im Landesinneren auf den Feldern gearbeitet haben, waren die Frauen während des Tsunamis im Haus bei den Kindern. Und die Häuser stehen häufig sehr nah am Strand. Außerdem sind die Frauen nicht nur für die Kleinen verantwortlich, sondern auch für die Alten und Kranken. Das heißt, sie können nicht einfach alleine fliehen, wie es vielen Männern gelungen ist, die oft auch noch ein Fahrzeug zur Verfügung hatten.

Hatten die thailändischen Frauen überhaupt Informationen, wurden sie gewarnt?

Vermutlich nicht, und das ist typisch. In diesem Bereich arbeitet Plan International sehr intensiv. Wir schauen, was bei einer Umweltkatastrophe in einer Gemeinde passieren könnte und wovon Frauen und Kinder besonders betroffen wären. Wir kartieren die Gefahren und Risiken und versuchen, Gemeinden widerstandsfähiger zu machen, ihre lokale Anpassungsfähigkeit zu stärken. Es sind Übungen in Resilienz: Wie können sich Frauen und Kinder vorbereiten? Wo sind die Fluchtwege? Wo können sie sich verstecken? Wo sind sie halbwegs sicher?

Bei Katastrophen suchen Mädchen und Frauen seltener Schutz in Notunterkünften als Männer. Dabei sind sie doch nicht weniger hilfebedürftig.

Das nicht. Aber Notunterkünfte sind für Frauen häufig nicht sicher. Das fängt damit an, dass die Wege zu den sanitären Anlagen nachts dunkel sind, so dass ihnen aufgelauert werden kann. Sie haben dann Angst, in den Unterkünften zu bleiben. Hinzu kommt der Mangel an Hygiene und medizinischer Versorgung. Es geht also darum, auch Notunterkünfte geschlechtergerecht zu gestalten.

Es gibt Regionen in Afrika, da müssen Frauen Sex gegen Fisch verkaufen. Diese Ausbeutung hat sogar einen eigenen Namen: Jaboya-System. Wie kann es sein, dass Männer sich über den Fisch auf dem Tisch freuen, den ihre Frauen und Töchter mit dem eigenen Körper erkauft haben?

Was hilft’s zu sagen, dass es den Männern egal ist und sie an allem schuld sind? Auch Männer leiden unter der Not und sind häufig so sozialisiert, dass sie die Gewalt gegen Frauen hinnehmen. Deshalb muss man bei diesen traditionellen Vorstellungen ansetzen und sehr eng mit Männern zusammenarbeiten.

Statt den Frauen zu helfen?

Hier geht es ja um einen Mangel an Ressourcen, aber auch um Machtverhältnisse. Deshalb muss man auch die Frauen unterstützen, damit sie eigene Einkommensquellen haben. Sobald Frauen über eigenes Geld oder eigenes Land verfügen ...

... oder eigenen Fisch ...

... genau! Dann müssen sie sich solcher Erpressung und Gewalt nicht mehr aussetzen. Dennoch muss man auch mit Männern kooperieren, ihr Bewusstsein für diese Art der Ausbeutung stärken und – soweit es ein funktionierendes Rechtssystem gibt – die Justiz miteinbeziehen, damit die Gewalt gegen Frauen Konsequenzen hat.

Wir sprechen die ganze Zeit von Frauen als Opfer. Aber sie wehren sich ja auch aktiv gegen Umweltzerstörung. Wie ergeht es Klimaaktivistinnen?

Diese Frauen sind besonderen Gefahren ausgesetzt – selbst in Deutschland. Wenn sich Aktivistinnen für den Schutz natürlicher Ressourcen einsetzen und mächtige Wirtschaftsinteressen stören, ist der erste Schritt, sie mundtot zu machen. In Südamerika, von Kolumbien bis Mexiko, verschwinden Umweltaktivisten manchmal von einem Tag auf den anderen oder werden ermordet. Und das betrifft Frauen in besonderem Maße. Vielleicht, weil sie häufig die Hüterinnen der Ressourcen sind und sich gegen Umweltzerstörung besonders engagieren.

Um die Verhältnisse zu ändern, bräuchte es gelebte Geschlechtergerechtigkeit. Dazu müsste das ganz große Rad gedreht werden. Doch wo lässt sich sofort ansetzen, um die Gewalt gegen Mädchen und Frauen einzudämmen?

Man kann mit der Gleichbehandlung von Jungen und Mädchen schon sehr früh anfangen. Dadurch, dass beide die Möglichkeit haben, zur Schule zu gehen und Bildung zu erlangen. Dadurch, dass Mädchen gegenüber Jungen in der Familie nicht schlechter gestellt werden. Auf Gemeindeebene kann man Angebote für Männer schaffen, die sie mit einbinden und in die Pflicht nehmen – zum Beispiel in der Kinderbetreuung. Wenn Kinder es so zu Hause und in der Schule erleben, besteht eine gute Chance, dass sich Geschlechterrollen perspektivisch ändern.

Interview: Bascha Mika

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