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Die meisten Menschen in den USA ziehen laut einer Gallup-Umfrage die lebenslange Haftstrafe der Hinrichtung vor.
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Die meisten Menschen in den USA ziehen laut einer Gallup-Umfrage die lebenslange Haftstrafe der Hinrichtung vor.

USA

Tag gegen die Todesstrafe: „Der Fall Rocky Myers zeigt, wie fehlerhaft viele Prozesse sind“

  • Friederike Meier
    VonFriederike Meier
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Trotz zweifelhafter Beweise sitzt der Schwarze US-Amerikaner Rocky Myers seit 30 Jahren in Haft und wartet auf die Todesstrafe. Kein Einzelfall, sagt ein Experte von Amnesty International.

USA - Rocky Myers könnte hingerichtet werden, obwohl viel darauf hindeutet, dass er unschuldig ist. Der Schwarze US-Amerikaner aus der Kleinstadt Decatur in Alabama sitzt seit dem Jahr 1994 – also seit fast 30 Jahren – in der Todeszelle und wartet auf seine Hinrichtung. Myers wurde zum Tode verurteilt, weil er seine weiße Nachbarin Ludie Mae Tucker erstochen haben soll.

Wie die US-amerikanische Zeitung The Nation berichtet, klingelte in der Nacht des vierten Oktober 1991 ein Mann an ihrer Tür. Er müsse telefonieren, er sei in einen Autounfall verwickelt gewesen. Die Person kam in die Wohnung – Ludie Mae Tuckers Cousine im Nebenzimmer hörte, wie sie zu ihm sagte, ihr Ehemann sei nebenan. Der Täter stach auf Ludie Mae Tucker und dann auch auf ihre Cousine ein – Tucker starb an ihren Verletzungen.

Zeugenaussagen deuteten zunächst auf einen anderen Mann hin. Doch nachdem ein weiterer Zeuge namens Marzell Ewing der Polizei erzählt hatte, einen kleinen, stämmigen Mann gesehen zu haben, änderten die zwei ursprünglichen Zeugen ihre Aussage und gaben an, Rocky Myers gesehen zu haben. Ewings widerrief seine Aussage später. Doch Myers konnte – möglicherweise aufgrund seiner psychischen Behinderung – nicht alle Ungereimtheiten der Tatnacht erklären.

Todesstrafe in den USA: Amnesty International warnt vor Rassismusproblem in der Justiz

Hinzu kommt: Obwohl Tucker ihren Nachbarn Rocky Myers kannte und der Polizei, bevor sie starb, noch von ihrem Angreifer erzählte, nannte sie seinen Namen nicht der Polizei. Außerdem wusste Myers, dass Tucker nicht verheiratet war – es hätte für sie also keinen Sinn ergeben, zu behaupten, ihr Mann sei im Nebenzimmer. Keiner der Fingerabdrücke am Tatort passten zu denen von Myers und er beteuerte stets seine Unschuld.

Trotzdem stimmten die Geschworenen mit neun zu drei Stimmen für eine lebenslange Haftstrafe. Der Richter setzte sich darüber hinweg und wandelte das Urteil in eine Todesstrafe um. Diese Praxis der Richtenden wurde zwar 2017 in Alabama abgeschafft – allerdings nicht rückwirkend, sodass sich am Fall von Rocky Myers nichts ändert.

Die Geschworenen waren fast ausschließlich weiß, einer von ihnen nannte Myers nach dem Urteil einen „Gangster“ und begründete seine Empfehlung mit rassistischen Beleidigungen.

„Das ist leider ein sehr typischer Fall“, sagt Sumit Bhattacharyya, USA-Experte bei der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. „Sehr oft sind die Jurys, die Todesurteile aussprechen, ausschließlich mit weißen Menschen besetzt.“ Laut dem US-amerikanischen Death Penalty Information Center waren 34 Prozent der Menschen, die seit 1976 hingerichtet wurden, Schwarz. In der Bevölkerung hingegen liegt der Anteil der Schwarzen US-Amerikanerinnen und -Amerikaner bei 13 Prozent.

Noch auffälliger wird das Missverhältnis, wenn man die Hinrichtungen betrachtet, die seit 1976 wegen Morden zwischen Schwarzen und Weißen vollzogen wurden: Auf 21 Hinrichtungen für Morde von Weißen an Schwarzen kommen 297, in denen ein Schwarzer Täter einen weißen Menschen umgebracht hatte. Mordfälle mit sowohl weißen als auch Schwarzen Opfern wurden nicht mitgezählt. Die Richtenden scheinen es also häufiger mit der Todesstrafe zu sanktionieren, wenn das Opfer weiß war. „Die Justiz ist da nicht blind, sie unterscheidet zwischen Schwarz und weiß“, sagt Bhattacharyya.

Rocky Myers Fall ist aber noch aus einem anderen Grund typisch. Denn im Jahr 1998, nach dem Todesurteil, bot ein Rechtsanwalt an, ihn während der Berufung zu vertreten. Weil der Anwalt aufhörte, für ihn zu arbeiten, es Myers aber nicht sagte, erfuhr er nicht von der verlorenen Berufung und verpasste eine Frist, um seine Verurteilung anzufechten.

Der Fall Rocky Myers: 30 Jahre in der Todeszelle trotz dubioser Beweislage

„Der Fall Rocky Myers zeigt auch, wie fehlerhaft viele Prozesse sind“, sagt Experte Bhattacharyya. „Eine Studie aus dem Jahr 2000 hat ergeben, dass 68 Prozent der erstinstanzlichen Todesurteile fehlerhaft sind. Viele Pflichtverteidiger haben außerdem keine Erfahrung mit Todesurteilen.“

Besonders die ehemaligen Südstaaten der USA hängen noch an der Todesstrafe. Virginia war in diesem Jahr der erste Südstaat, der sie abgeschafft hat. Alabama hingegen, ist laut einem Bericht aus dem Jahr 2015 der Bundesstaat, in dem im Vergleich zur Einwohnerzahl die meisten Menschen zu Tode verurteilt werden.

Insgesamt sieht Sumit Bhattacharyya die Todesstrafe in den USA allerdings auf dem Rückzug. „Wenn Joe Biden die Todesstrafe auf Bundesebene abschaffen würde, würde er damit zu einem Trend beitragen, den es in den USA ohnehin schon gibt“, erklärt er. Immerhin hat Biden die Todesstrafe auf Bundesebene im Juli wieder ausgesetzt, nachdem sein Vorgänger Donald Trump nach 17-jähriger Unterbrechung 13 Menschen hinrichten ließ.

In 23 der 50 Staaten ist die Todesstrafe inzwischen außer Kraft gesetzt. „Wir werden noch erleben, wie sie überall in den USA abgeschafft wird. Sie ist teuer, bringt nichts und ist ungerecht.“ In der Tat gibt es laut einer Metastudie des Kriminologen Dieter Folter keinen empirischen Beweis dafür, dass die Todesstrafe durch Abschreckung Kapitalverbrechen wie etwa Morde verhindert. Im Jahr 2020 wurden laut dem jährlichen Bericht von Amnesty International 26 Prozent weniger weltweite Hinrichtungen bekannt als im Vorjahr. Damit sei der niedrigste Stand seit mehr als zehn Jahren erreicht.

Thomas Hensgen warnt allerdings davor, aus dieser Zahl zu viel herauszulesen. Er ist Experte für die Todesstrafe bei Amnesty International. „Was wir sehen, ist nur die Spitze des Eisbergs.“ Einige Länder, wie etwa die USA oder Japan machten ihre Hinrichtungen transparent. „In anderen Ländern, wie etwa in China, können wir die Zahlen nur schätzen. Wir wissen aber, dass die jährlichen Hinrichtungen dort in die Tausende gehen. Das macht es schwer, einen Trend auszumachen.“

„Wir sehen nur die Spitze des Eisbergs“: Amnesty International-Experte über die Todesstrafe

Dennoch ist er überzeugt: „Insgesamt ist die Todesstrafe auf dem Rückzug.“ Viele Staaten schafften sie ab, weil sie nicht mit den Menschenrechten konform ist. „Andere halten formal an der Todesstrafe fest, wenden sie aber nicht mehr an“, sagt Hensgen.

Im Fall von Rocky Myers in Alabama bleibt nun als letzte Hoffnung, dass die republikanische Gouverneurin von Alabama Kay Ivey ihn begnadigt, was eher unwahrscheinlich scheint.

Im Jahr 2012 hatte Rocky Myers bereits ein Datum für seine Hinrichtung, doch seine Anwältin schaffte es laut The Nation, seinen Namen in einen Rechtsstreit einzubringen, der das Protokoll für die umstrittene Giftspritze in Frage stellt. Inzwischen hat der Staat zugestimmt, die Erstickung durch Stickstoffgas als Option anzubieten. Wenn das Protokoll dafür fertig ist, könnte Rocky Myers, der in diesem Jahr 60 Jahre alt wurde, einen neuen Termin erhalten.

„Es gibt eine Diskussion darüber, welche Art der Hinrichtung angeblich humaner ist. Aber die Todesstrafe selbst ist nicht human“, kritisiert Amnesty-Experte Bhattacharyya. „Die Frage muss heißen: Wie kann der Strafvollzug die Menschenrechte wahren?“ Rocky Myers sagte im Februar 2019 in einem Telefoninterview mit The Nation: „Wenn ich bete, sage ich Gott, dass ich Angst habe. Ich zeige es bloß nicht, weil es anderen Menschen nichts nützt. Aber in meinem Kopf, in meinem Herzen und in meinem Magen habe ich Angst.“ (Friederike Meier)

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