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Tag der Freude oder der Schmach?

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Die Fregatte „HMAS Paramatta“ der Royal Australian Navy vor dem berühmten Opernhaus von Sydney.
Die Fregatte „HMAS Paramatta“ der Royal Australian Navy vor dem berühmten Opernhaus von Sydney. © afp

Der Widerstand gegen Australiens umstrittenen Nationalfeiertag nimmt zu. Der lange Kampf der Indigenen um Anerkennung als „First Nation“ trägt Früchte.

Am 26. Januar feiert Australien seinen Nationalfeiertag. Den Indigenen ist aber nicht zum Feiern zumute, sie sind aber nicht die einzigen. Die kritischen Stimmen mehren sich gegen den 26. Januar als Datum des Nationalfeiertags. Dieses Datum markiert die Ankunft der sogenannten „Ersten Flotte“ im heutigen Sydney. Für die meisten Ureinwohner:innen ist der Tag jedoch der „Tag der Invasion“. Deswegen wird seit Jahren um das Datum gestritten. In diesem Jahr zeigen nun einige Firmen und Institutionen Solidarität mit den Indigenen.

Für ein Teil der Einwohner:innen des Landes ist der „Australia Day“ eine Gelegenheit gemeinsame Werte in den Fokus zu setzen. Das so typische „Mateship“ - die Kameradschaft - und Fairness - Gerechtigkeit, zwei Konzepte, auf die Australier:innen sehr stolz sind. Viele gehen an den Strand, besuchen Hafenparaden, Feuerwerke oder grillen mit der Familie und Freund:innen. Der Feiertag könnte eine rundum positive Angelegenheit sein – wäre da nicht das Datum, auf das er fällt. Denn der 26. Januar markiert auch den Tag vor 235 Jahren, an dem die „Erste Flotte“, die britische Sträflinge nach Australien brachte, in der Sydney Cove landete, und Kapitän Arthur Phillip den britischen Union Jack hisste.

Australiens Nationalfeiertag: kein Tag zum Feiern

Vor allem für Indigene markiert das Datum die Invasion der Briten in ihrem Land. Sie kämpfen schon seit langem um eine Anerkennung als „First Nation“. Die Debatte um den Feiertag wird in Australien seit Jahren geführt, doch in diesem Jahr zeigen nun deutlich mehr Firmen und Institutionen ihre Solidarität mit den „First Nations“ – den Menschen, die den Kontinent als erstes bevölkerten.

Die University of Wollongong, ein paar Kilometer südlich von Sydney gelegen, ermöglicht ihrem Personal am 26. Januar zu arbeiten. „Für unsere First Nations-Kolleg:innen ist es kein Tag zum Feiern – sie sehen ihn als Invasionstag“, erklärte die Vizekanzlerin der Universität, Patricia Davidson, in der australischen Ausgabe des „Guardian“. Arbeitnehmer:innen die sich an diesem Tag dafür entscheiden zu arbeiten, können den Feiertag an einem anderen Tag ausgleichen.

Australiens Nationalfeiertag: kulturelle Spannungen

Einige große Unternehmen haben ähnliche Richtlinien eingeführt: Das Telekommunikationsunternehmen Telstra und das Öl- und Gasunternehmen Woodside erlauben es ihren Mitarbeiter:innen, entweder den gesetzlichen Feiertag oder den Urlaub an einem anderen Tag ihrer Wahl zu nehmen. Die Consulting-Firmen Deloitte, KPMG und Ernst & Young folgten auch dem Beispiel, so wie der Bergbaugigant BHP, der Superfonds Australian Ethical und der australische Fernsehsender Channel 10.

Davidson vermutet, dass noch andere Universitäten ihrem Modell folgen werden, um damit der indigenen Bevölkerung – den „Aboriginal People“ wie auch den Inselbewohner:innen der Torres Strait-Inseln – Unterstützung zu zeigen. Für Davidson markiert der 26. Januar nicht nur die Invasion, sondern kennzeichnet den Beginn der Kolonialisierung und Gräueltaten. „Dies werfe ein Licht auf die Realität der australischen Geschichte.

Australiens Nationalfeiertag: Stolz der Nation

Wie auch in den Vorjahren wird die Debatte um den Nationalfeiertag auch auf der politischen Ebene geführt. Lidia Thorpe, eine indigene Senatorin der Grünen Partei, schrieb auf dem Kurznachrichtendienst Twitter: „Wer feiert an diesem 26. Januar Invasion, Mord und Diebstahl?“ Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten und zeigen, wie sehr das Datum des Nationalfeiertages das Land spaltet.

So argumentierte ein Internetnutzer mit der „langen Tradition“, mit einer „Stärkung des Identitätsgefühls“ und „dem Stolz auf die Nation“. Er befürchtete, dass eine Änderung des Datums zu noch „größerer Spaltung und kulturellen Spannungen“ führen würde. „Indem der Australia Day am selben Tag gefeiert wird, können alle Australier:innen zusammenkommen, um die Geschichte und den Stolz der Nation zu feiern, unabhängig von ihrem kulturellen oder ethnischen Hintergrund“, schrieb der Kommentator. Ein anderer verwies dagegen auf die negativen Ereignisse, die mit dem Datum in Verbindung stehen: „Dieses ‚Land‘ ist auf Rassismus und Völkermord aufgebaut – das sind die Werte und Symbole des 26. Januar.“ Die Debatten um das Datum des Nationalfeiertages kochen seit Jahren regelmäßig hoch. Zahlreiche Personen, vor allem indigene Menschen, nutzen den Tag, um zu demonstrieren.

Die australische Regierung zeigte sich bis jetzt diesbezüglich wenig solidarisch. Ihr Engagement konzentriert sich derzeit vollkommen auf die Einführung einer sogenannten „indigenen Stimme“ im Parlament. Damit sollen die Ureinwohner:innen mehr Mitspracherecht bei Themen erhalten, die sie betreffen. Derzeit ist ein Volksentscheid über das neue Gremium in Vorbereitung. Zuletzt hielt Australien 1967 einen Volksentscheid ab, um gegen die Diskriminierung der Ureinwohner:innen vorzugehen.

Australiens Nationalfeiertag: Hohe Suizidraten

Jetzt soll sich das australische Volk erneut für seine „First Nations“ starkmachen. Noch ist kein Termin für den Volksentscheid anberaumt, doch ähnlich wie der „Australia Day“ offenbart die Thematik die tiefe Kluft im Land, wenn es um die Belange der Indigenen geht. So ist über die vergangenen Wochen eine heftige Debatte im Land entbrannt. Auch die sogenannte „Uluru-Erklärung aus dem Herzen“ – auf Letztere hatten sich die „First Nations“ nach einer Konvention im Jahr 2017 geeinigt – hatte auf dieses Mitspracherecht im Parlament gepocht.

Die Ureinwohner:innen im Land sind bei vielen Themen benachteiligt. Der „Closing the Gap“-Bericht, der die Fortschritte der Ureinwohner:innen im Land analysiert, zeigte erneut auf, dass Indigene bei etlichen Themen hinter dem Rest Australiens hinterherhinken: Nach wie vor sind im Verhältnis mehr indigene Kinder in Fremdbetreuung und auch die hohe Suizid- und Haftrate in der indigenen Bevölkerung gibt Grund zur Sorge.

Gestohlene Generationen

Tausenden Ureinwohner:innen in Australien wurden zwischen 1910 und 1970 ihre Kinder weggenommen. Sie wurden entführt, in weiße Pflegefamilien oder in christliche Missionen gegeben. Viele der geraubten Kinder sahen ihre Eltern oder Geschwister nie wieder.

Ziel war, die Kinder nach den Vorstellungen weißer Einwander:innen „umzuerziehen“. Sobald sie im Heiratsalter waren, wurden sie mit Weißen zwangsverheiratet.

Innerhalb von drei Generationen sollten die Aborigines auf diese Weise assimiliert werden. Viele sahen damals in diesem Vorgehen einen Akt der Fürsorge.

Die australische Politik der Assimilation verbot den Ureinwohner:innen darüber hinaus, ihre eigene Sprache zu sprechen und ihre Kultur zu leben.

In den 1990er Jahren verarbeiteten immer mehr Aborigines das Unrecht, das den Menschen seinerzeit angetan wurde, in Theaterstücken, Romanen, Bildern und Liedern. Die australische Öffentlichkeit hinterfragte damals zum ersten Mal auf breiter Basis die Geschichte ihres Landes. Heute werden die Betroffenen in Australien als „Stolen Generations“ (Gestohlene Generationen) bezeichnet.

Seit 2022 können davon Opfer dieser Politik entschädigt werden, indem auf Antrag eine einmalige Zahlung von 75 000 australischen Dollar (etwa 47 000 Euro) erhalten.

Die Entschädigungen für die „Gestohlene Generation“ sind Teil eines Plans der Regierung, der mit einer Milliarde australischen Dollar die massive soziale Benachteiligung der Indigenen beheben soll. Zudem haben Indigene die Möglichkeit, ihre Geschichte auf Wunsch vertraulich leitenden Mitarbeitenden der Regierung zu erzählen, das Erlebte anerkennen zu lassen und eine persönliche oder schriftliche Entschuldigung für ihre Entführung und das daraus resultierende Trauma zu erhalten.

Die Ureinwohner:innen lebten bereits zehntausende Jahre auf dem australischen Kontinent, lange bevor die Briten ihre Kolonialherrschaft errichteten. Heute machen die Indigenen nur noch etwa drei Prozent der rund 25 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner aus. Indigene sind weiter stark benachteiligt, was Gesundheit, Einkommen und Bildung angeht. sd mit afp

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