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Flucht nach Frankreich: Frau mit Kind im Februar 1939 am Col de Perthus.

Interview

„Täter und Opfer gleichgestellt“

  • vonClara Gehrunger
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Pädagoge Enrique Díez über die Verharmlosung des Bürgerkriegs in Schulbüchern und die meist unbeachtete Rolle der Frauen.

Herr Díez, wie geht man an spanischen Schulen mit den Repressionen unter dem Franco-Regime um?

Allgemein gesagt ist es ein Thema, das im Schulunterricht kaum zur Sprache kommt. Das erzählen uns immer wieder Schülerinnen und Schüler. Dabei sind der Bürgerkrieg und die Diktatur ein Bestandteil des Lehrplans. Aber im Geschichtsunterricht arbeitet man sich mit der Vorgeschichte chronologisch voran und wiederholt regelmäßig, so dass viele Lehrkräfte nie bei der neueren Geschichte ankommen. In den vergangenen Jahren hat sich das etwas verbessert. Aber es ist ein umstrittenes Thema in der spanischen Zivilgesellschaft, deswegen wird es, wenn überhaupt, nur mit Fingerspitzen angerührt. So bleiben Teile der Unterdrückung während der Diktatur, die immerhin 40 Jahre andauerte, weiterhin im Verborgenen.

Zur Person

Enrique Javier Díez Gutiérrez (57) ist Professor an der Fakultät für Erziehungswissenschaften der Universität León. Er ist spezialisiert auf Bildungspolitik und Bildungsorganisation und hat Schulbücher auf den Umgang mit der franquistischen Vergangenheit seines Landes untersucht. Mit seinen Kollegen hat er eine öffentlich zugängliche Alternative zu existierenden Schulbüchern nach den Vorschlägen des neuen Gesetzes zur „demokratischen Erinnerung“ erarbeitet.

Enrique Javier Díez Gutiérrez.

Zum Beispiel?

Die Guerillabewegungen der sogenannten Máquis gegen die Diktatur kommen meist nur oberflächlich vor. Und immer nur in Hinsicht auf den Widerstand der Männer. Dagegen beachtet kaum jemand die Frauen, die den antifranquistischen Kampf nicht nur unterstützten, sondern selbst aktiv teilnahmen. Ganze 20 Jahre kämpften die Máquis gegen Franco und doch schenkt man im Unterricht dem moderateren politischen Widerstand deutlich mehr Aufmerksamkeit und Beachtung. So gesehen kann man von einer doppelten Unterdrückung sprechen. Einerseits die Folter, die Erniedrigungen und die systematischen Vergewaltigungen von Frauen. Andererseits, daran denken wir selten, löscht das Schweigen diese Menschen aus der kollektiven Erinnerung. Auch das ist eine Form der Unterdrückung.

Welche Rolle spielen die Schulbücher?

Im Endeffekt bestimmen Schulbücher, welche Themen auf welche Art im Unterricht vorkommen. Das wirkt sich auf die kollektive Erinnerung zukünftiger Generationen aus. Zwar kann die Schulleitung im Lehrplan Vorgaben machen, aber letztendlich sind die Lehrmaterialien entscheidend. In Spanien gibt es vier große Verlagsgruppen, die für die Schulbücher und deren Inhalt verantwortlich sind. Und diese Gruppen sind eng mit großen Firmen und der katholischen Kirche verwinkelt. Deren Einfluss darauf, was gelehrt wird und was nicht, ist also groß. Entsprechend gibt es in Schulbüchern auch keinen Hinweis darauf, dass die Kirche die Repressionen 40 Jahre lang legitimiert hat.

Faschistengruß in Madrid: Franquisten nach dem Sieg, März 1939. AFP

Was ist Ihnen bei Ihren Untersuchungen der Schulbücher besonders aufgefallen?

Viele folgen der sogenannten Theorie der Äquidistanz. Das heißt, dass sie Täter und die Opfer gleichstellen. Da ist kein Unterschied zu erkennen zwischen den für die Diktatur Verantwortlichen und den Menschen, die auf demokratische Weise versuchten, die Republik zu verteidigen. Der Bürgerkrieg wirkt so wie ein Konflikt zwischen Brüdern. In manchen Büchern steht noch immer, der Bürgerkrieg sei wegen des Chaos der Zweiten Republik ausgebrochen, und dass die Diktatur für Ordnung sorgte.

Sie arbeiten auch an der Produktion von Dokumentarfilmen mit.

Ja. In einem der Filme ging es um Republikaner in einem franquistischen Konzentrationslager in der Provinz León. Diese Doku haben wir einer Schulklasse in der betroffenen Stadt gezeigt. Wir waren total überrascht, denn bis auf eine einzige Schülerin wusste keins der Kinder von dem Leid, das ihre Familien während der Diktatur erfahren hatten. Wir haben ihnen den Ort gezeigt, wo ihre Großväter Sklavenarbeit in Minen geleistet hatten. Es war ein emotionaler Moment, weil viele erkannten, dass man ihnen einen Teil ihrer eigenen Familiengeschichte verheimlicht hatte.

Interview: Clara Gehrunger

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