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Die Bewohner der Siedlung Netiv Haa?vot haben sich rund um das Gemeinschaftshaus versammelt.

Israel

Die tägliche Angst vor dem Morgen

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Israels Oberstes Gericht stuft ein Beduinendorf und eine israelische Siedlung als illegal ein und ordnet den Abriss an. FR-Korrespondentin Anja Reich hat die Menschen dort besucht.

An einem heißen Sommertag stehen die Beduinen-Schüler von Khan Al-Ahmar im Spalier vor ihrer Schule. Sie tragen weiße Mützen und T-Shirts, auf denen „Save my school“ steht, „Rettet meine Schule“. Die Landschaft ist kahl, Sand und Geröll, dazwischen Hütten, Katzen, Ziegen, ein Esel, die Schnellstraße von Jerusalem zum Toten Meer führt direkt am Dorf vorbei. Durch das Spalier laufen politische Aktivisten, Lehrer, Dorfbewohner, gleich soll noch der palästinensische Bildungsminister kommen. Die Kinder harren tapfer in der Hitze aus. Sie wissen, was von ihrem Auftritt abhängt.

Am 24. Mai 2018 hat Israels Oberstes Verfassungsgericht entschieden, Khan al-Ahmar abzureißen: 35 Hütten, die Moschee, den Gemeinschaftsraum, die Schule. Alles soll weg. Die Begründung des Gerichts: Das Dorf wurde illegal gebaut, es gibt keine staatliche Genehmigung. Jeden Tag kann es soweit sein.

Fälle zeigen, wie in besetzten Gebieten um Land gekämpft wird

Man kann sich kaum einen größeren Gegensatz zwischen dem armen Beduinendorf und der schicken Siedlung Netiv Haa’vot vorstellen, aber an diesem Sommertag haben die beiden Ortschaften etwas gemeinsam. Denn auch in Netiv Haa’vot, 25 Kilometer südlich von Khan al-Ahmar, kämpfen Schüler gegen eine Gerichtsentscheidung. Es ist 19 Uhr, auf der Bühne singt ein Chor ein schwermütiges Lied über den Verlust von Heimat. Ein Mädchen sagt, sie wisse nicht, warum die Häuser abgerissen werden. Sie verstehe nur, dass es etwas damit zu tun habe, dass sie in einer Siedlung wohne. Das Mädchen ist vielleicht zehn Jahre alt. Es hat lange Haare und trägt ein T-Shirt, auf dem steht: „Warum zerstören um der Zerstörung willen?“

Im September 2016 hat das Oberste Verfassungsgericht entschieden, 15 Häuser in Netiv Haa’vot abzureißen, zweistöckige Einfamilienhäuser, komplett ausgebaut, mit mehreren Schlafzimmern, Bädern, Terrassen, Garagen, Luftschutzbunkern. Die Begründung des Gerichts: Die Häuser wurden illegal gebaut. Schon morgen in aller Frühe könnte die israelische Armee mit Baggern und Planierraupen anrücken.

Zwei Gerichtsentscheidungen, zwei Protestaktionen, zwei Ortschaften, deren Bewohner für den Erhalt kämpfen. Es gibt keinen direkten Zusammenhang, es ist Zufall, dass die Proteste am selben Tag stattfinden. Aber beide Fälle zeigen, wie in den besetzten palästinensischen Gebieten jeden Tag um Land gekämpft wird und wie irrational die Entscheidungen mitunter sind in einer Region, in der sich jeder auf eine andere Grenze beruft.

Es ist nicht leicht, den Überblick zu behalten und Gewissheiten zu finden. Auch das zeigen die beiden Fälle. Beduinen gehören zu einer muslimischen Minderheit, sie lassen sich dort nieder, wo das Land fruchtbar ist. Aber die Beduinen von Khan al-Ahmar leben schon lange nicht mehr als Nomaden. Wenn sie den Ort wechseln, dann nur, weil sie dazu gezwungen werden. Genauso wenig scheinen die Siedler von Netiv Haa’vot ins Bild zu passen. Man stellt sich religiöse Fanatiker vor und trifft auf Familien, die auch in einem New Yorker Vorort oder im Prenzlauer Berg leben könnten.

Joop Waterman steht auf der Straße, ein kleiner entrüsteter Mann mit weißen Haaren, Brille und kurzärmligem Hemd, und überlegt, in welcher Sprache er sich entrüstet. Am liebsten natürlich auf Hebräisch, aber er kann auch Holländisch und Englisch sprechen, und sogar Deutsch. „Alles auf der Schule gelernt“, sagt er. Waterman kommt aus Holland, wohnt seit 1984 in Israel, seine Tochter ist hier geboren, in dieser Siedlung, sie ist hier zur Schule gegangen, hat geheiratet, Kinder bekommen und ja, sie hat sich mit ihrem Mann zusammen ein Haus gebaut, eins der 15 Häuser, die schon morgen abgerissen werden könnten.

Waterman zeigt auf einen flachen Bau aus Sandstein, ganz oben auf dem Hügel, die Türen stehen offen, auf dem Dach weht eine Israelfahne, an der Fassade hängen Plakate. Menschen gehen rein und raus, umarmen sich, diskutieren, niemand kann glauben, dass es morgen soweit sein könnte, dass ein israelisches Gericht einer Klage von Palästinensern folgt und gegen seine eigenen Leute vorgeht.

Netiv Haa’vot liegt zwischen Jerusalem und Hebron

Netiv Haa’vot liegt zwischen Jerusalem und Hebron, nur ein paar Kilometer von Bethlehem entfernt, ein Ort mit Schulen, Kindergärten, Sportplätzen, der zum Siedlungsblock Gusch Etzion gehört. Die Sträucher am Straßenrand duften nach Rosmarin, die Häuser haben hübsche Vorgärten und große Dachterrassen. Nach dem Völkerrecht ist Netiv Haa’vot illegal, wie alle jüdischen Siedlungen in den Palästinensergebieten.

Die israelische Regierung aber fördert den Siedlungsbau. Investitionen und Bauprojekte werden mit bis zu 70 Prozent subventioniert, Schulen und Kindergärten unterstützt, Lehrer haben höhere Gehälter als anderswo. Rund 400.000 Israelis leben in Siedlungen. Zwei Drittel der Bewohner, sagen Umfragen, ziehen aus wirtschaftlichen Gründen in eine Siedlung, nicht aus Überzeugung. Das Leben ist besser und erschwinglicher als in den überfüllten israelischen Großstädten. Schwierig wird es nur, wenn Palästinenser nachweisen können, dass ihnen Land gehört. Privateigentum schützt vor Siedlungsbau, auch nach israelischem Recht.

Die Watermans wissen das. Sie haben deshalb erstmal einen Wohnwagen auf dem Grundstück aufgestellt und drei Jahre darin gewohnt. Als nichts passierte, fingen sie an zu bauen. Außenposten nennt man die Häuser, die auf diese Art entstehen; sind es mehrere, spricht man von wilden Siedlungen. Vor anderthalb Jahren wurden in Amona, einer wilden Siedlung bei Ramallah, 50 Familien aus ihren Häusern geworfen. Die Armee rückte mit einem Großaufgebot an, es gab heftige Auseinandersetzungen, Hunderte wurden verletzt.

Die Bewohner von Netiv Haa’vot haben versprochen, sich nicht mit Gewalt zu wehren. Ihnen wurden Ersatzquartiere und Entschädigungen von insgesamt 60 Millionen Schekel zugesagt. Trotzdem wird es auch hier am nächsten Tag zu Gewalt kommen, Jugendliche werden sich in den Häusern verschanzen, Soldaten angreifen, es wird Verletzte geben. Aber an diesem Abend bleibt es ruhig, die Proteste erinnern mehr an ein Volksfest, mit Straßenabsperrungen, Dixieklos und Busladungen mit Siedlern aus den Nachbarorten. Eine Band spielt, über der Bühne sind drei Leinwände angebracht, in den Häusern gibt es Snacks und Getränke.

Joop Waterman regt sich vor allem darüber auf, dass das Haus seiner Tochter abgerissen wird, obwohl nur eine kleine Ecke auf Privateigentum steht. „Sehen Sie“, ruft er, geht in das Kinderzimmer seiner Enkeltochter und zeigt auf ein Winnie-the-Pooh-Poster an der Wand. „Darum geht es, um diese Ecke.“ Die Schwiegereltern kommen dazu, ebenfalls Holländer. Sie erzählen, dass sie ihre Kinder jüdisch erzogen haben, sie lernten hebräisch, gingen in die Synagoge. Mit 18 reiste ihr Sohn nach Israel, es gefiel ihm, er blieb, ging hier zur Armee, studierte, fand Arbeit in einer Logistikfirma, und als er eine Frau aus Netiv Haa’vot kennenlernte, zog er zu ihr. In die Siedlung.

Fanden die Eltern das nicht schwierig?

Zu Anfang ja, sagt der Vater, aber den jungen Leuten sei das egal. Der Vater lächelt, ein entschuldigendes Lächeln. Er lebt mit seiner Frau inzwischen selbst in einer Siedlung nicht weit von hier, weil das Klima gut ist und sie die Enkelkinder öfter sehen. Die Familieninteressen sind wichtiger als die Bedenken. Jeder sieht nur seine eigenen Interessen. Das ist in jeder Stadt so, in jedem Land. Aber nirgendwo ist es so extrem wie hier.

Bevor die Beduinen nach Khan al-Ahmar kamen, lebten sie in der Negev-Wüste. Arabische Hirtennomaden aus dem Jahalin-Stamm, die während des Krieges 1948 flohen oder vertrieben wurden. Einige ließen sich in der Nähe von Jerusalem nieder. Das Gebiet wurde damals von Jordanien kontrolliert, seit den Oslo-Friedensverhandlungen gehört es zur Zone C, es liegt auf der palästinensischen Seite, zuständig aber ist die israelische Zivilverwaltung. Bauen darf man hier nicht, dennoch entsteht eine Siedlung nach der anderen. Siedler erhalten Baugenehmigungen, die Beduinen nicht.

Menschenrechtsorganisationen laufen Sturm

Immer wieder haben sie Anträge gestellt, immer wieder bekamen sie Absagen. Nun sollen sie geräumt werden, und Menschenrechtsorganisationen laufen Sturm. Sie befürchten, dass Israel das Beduinendorf weghaben will, um das Gebiet zwischen Ost-Jerusalem und dem Westjordanland zu annektieren. Damit wäre eine Zwei-Staaten-Lösung so gut wie unmöglich.

Eid Khamis, Sprecher der Beduinen von Khan al-Ahmar, sagte in einem Fernsehinterview, der Abriss seines Dorfes sei genauso schwerwiegend wie der Umzug der US-Botschaft nach Jerusalem. Ein Beduine, der wie ein Politiker redet. Auch das erwartet man nicht unbedingt in einem Dorf, in dem die Menschen in Verschlägen wohnen, wo es keine befestigten Straßen gibt und kein fließendes Wasser. Die Moschee ist ein Blechcontainer, die Schule wurde 2009 mit Hilfe einer italienischen Menschenrechtsorganisation aus Sand und Reifen gebaut.

170 Schüler zwischen sechs und 14 Jahren lernen hier. Jetzt sind Ferien, die Schüler kommen trotzdem, zum Sommercamp. Eid Khamis steht auf dem Schulhof, in Hose und Hemd, die Haut braun gebrannt, unter der Nase ein Schnauzer. Er ist 51 Jahre alt und in dem Dorf geboren wie seine sieben Kinder. Die beiden jüngsten sind hier auf die Schule gegangen, die anderen mussten bis nach Jericho laufen, 17 Kilometer, jeden Tag. Fünf Kinder aus dem Dorf starben auf dem Schulweg bei Verkehrsunfällen. Eid Khamis spricht nicht besonders gut Englisch, aber die Geschichte der Reifenschule erzählt er fast fließend, so oft hat er sie Journalisten, Politikern und Menschenrechtlern erzählt.

Sogar Martin Schulz war hier, als er noch EU-Präsident war. Und auch heute zum Protesttag sind wieder alle da. Sie parken mit ihren Autos auf dem staubigen Platz in der Mitte des Dorfes, verteilen Petitionen, schütteln dem palästinensischen Bildungsminister die Hand. Die israelische Zivilbehörde hat den Beduinen ein neues Zuhause angeboten, in Abu Dis, einer palästinensischen Stadt an der Mauer von Jerusalem. Jede Familie soll 250 Quadratmeter Bauland bekommen, mit Wasser, Strom, Kanalisation. Die Beduinen lehnen das Angebot ab, sie sagen, in dem neuen Dorf sei nicht genug Platz, um die Tiere weiden zu lassen. Außerdem liege es direkt neben einer Müllkippe.

Stimmung in Khan Al-Ahmar ist angespannt

Die Stimmung in Khan Al-Ahmar ist angespannt. Neulich wurden bei Protesten vier Menschen verletzt. Die Armee stellte in Sichtweite des Dorfes Radlader ab, mit denen die Häuser abgerissen werden sollen. Die Polizei sperrte das Dorf ab, selbst EU-Diplomaten, die mit ihrem Besuch die Beduinen unterstützen wollten, wurden abgewiesen. Vorangetrieben wurde die Klage gegen das Dorf von den benachbarten Siedlern aus Kfar Adumim, die ihre Siedlung erweitern wollen.

Umso größer war die Überraschung, als die Beduinen neulich Besuch bekamen, von ihren Nachbarn. 15 Siedler boten ihnen ihre Unterstützung an und setzten eine Petition gegen den Abriss des Dorfes auf. Sallai Meridor, ehemaliger US-Botschafter und ebenfalls Siedler in Kfar Adumim, twitterte, es breche ihm das Herz, mitansehen zu müssen, wie Menschen vertrieben werden, die vor ihnen, den Siedlern, hier waren. „Was ist mit uns passiert? Warum lassen wir das zu?“

Auch in Netiv Haa’vot, der Siedlung bei Bethlehem, gibt es einen Überraschungsbesuch. Der Kinderchor hat die Bühne verlassen, als ein Mann im Anzug erscheint. Bildungsminister Naftali Bennett. Leute klatschen, pfeifen, unsicher, was der Auftritt bedeutet. Naftali Bennett ist Vorsitzender der Siedlerpartei „Jüdisches Heim“, aber unternimmt nichts gegen den Abriss der Häuser. Bennett sagt, dies sei ein schwarzer Tag für den Ort, für Israel. Er nennt den Abriss illegal und absurd und verspricht, Netiv Haa’vot um 350 Häuser zu erweitern. Genau hier, auf diesem Berg. Joop Watermans Tochter wird sich bald ein neues Haus bauen können, noch schöner, noch größer als das alte.

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