Täglich eine Stunde an die frische Luft

Die Haftbedingungen der RAF-Gefangenen in Hamburg / Hungerstreik und Protestschreiben

Von Karl-Heinz Krumm

"Wir werden diesen Streik", steht am Ende des sorgfältig mit Schreibmaschine getippten Zwei-Seiten-Papiers, "nicht noch einmal abbrechen, bevor - von den entsprechenden internationalen Organisationen garantierte - Lebensbedingungen hergestellt sind." Verfaßt wurde das Protestschreiben von Helmut Pohl (34), seit 1974 Häftling im Hamburger Untersuchungsgefängnis und als Mitglied der RAF zu fünf Jahren Freiheitsentzug verurteilt wegen unerlaubten Waffenbesitzes, Vorbereitung eines Sprengstoffanschlages und Urkundenfälschung. Als Sprecher von vier der insgesamt neun in Hamburg einsitzenden Terroristen übergab Pohl am Morgen des 13. März schweigend einem Beamten die jüngste Hungerstreik-Erklärung; die seit diesem Tag ebenfalls hungernden Häftlinge Wolfgang Beer (Strafmaß viereinhalb Jahre), Werner Hoppe (zehn Jahre) und Bernd Geburtig (fünf Jahre) begnügten sich mit einem einfachen Zettel: 'Wir befinden uns seit heute im Hungerstreik'. Ein neuer Protest also der in bundesdeutschen Gefängnissen einsitzenden verurteilten oder beschuldigten Terroristen, ein Protest aber auch, der sich von früheren Hungerstreiks wesentlich unterscheidet: Verweigerten damals auf ein lautloses Kommando hin fast alle der in bundesdeutschen Gefängnissen einsitzenden RAF-Häftlinge die Nahrung, protestieren gegenwärtig nur 14 Terroristen in sechs Haftanstalten gegen ihre 'Isolation', fordern nur diese 14 die Zusammenfassung der RAF-Häftlinge zu interaktionsfähigen Gruppen und eine internationale Kommission, die den Tod von Baader, Ensslin und Raspe in Stammheim untersuchen soll. Und es dauerte immerhin zwölf Tage, nämlich vom 10. März, als in Köln Karl-Heinz Dellwo und Elise Krabbe mit dem Hungern begannen, bis zum 22. März, als sich in Zweibrücken Grasshoff und Jünschke der Aktion anschlossen.

Ein Abbröckeln der RAF-Geschlossenheit, erste Anzeichen für beginnende, individuelle Einsichten? Die Experten wagen in dieser heiklen Frage keine sichere Prognose, doch deuten immerhin Hamburger Erfahrungen an, daß sich einzelne RAF-Gefangene behutsam vom Gruppenzwang zu lösen beginnen, und man deshalb sogar ihre Eingliederung in den 'normalen Vollzug' wagte.

Pohl, Hoppe, Beer und Geburtig aber gelten in Hamburg nach wie vor als "harter Kern" (Arno Weinert, Leiter des Strafvollzugs), für den besondere Sicherheitsvorkehrungen nach wie vor unerläßlich sind, obwohl sich gerade die Hamburger Justizbehörde um eine differenzierte Betrachtung der heiklen Problematik bemüht. Von einem 'Zielkonflikt' spricht deshalb auch Hamburgs liberaler Justizsenator Gerhard M. Meyer, wenn er eine Integration der hungernden vier RAF-Gefangenen in die Fuhlsbütteler Vollzugsanstalt für gegenwärtig indiskutabel hält, weil 'wir dann in Fuhlsbüttel viele Lockerungen und Außenkontakte wieder reduzieren müßten, die wir mühsam genug durchgesetzt haben'.

Im Klartext: Die Hamburger fürchten, daß ihnen diese vier nach wie vor fanatisch agierenden und als gefährlich eingestuften RAF-Häftlinge den erfolgreichen und liberalen Vollzug in Fuhlsbüttel ruinieren könnten - ein Nachteil also für viele, ohne daß positive Ergebnisse kalkulierbar wären. So blieb und bleibt zunächst für Meyer und seinen Vollzugsleiter Weinert allein die Alternative, diese Gruppe von verurteilten Terroristen (nur Bernd Geburtig ist noch Untersuchungshäftling) in der Untersuchungshaftanstalt zu verwahren, eine Alternative, die zwangsläufig enge Grenzen und Möglichkeiten setzt, schon weil die Bedingungen einer Untersuchungsanstalt anders aussehen als im Strafvollzug.

Gleichwohl haben die Hamburger, im Gegensatz zu Stammheim etwa, darauf verzichtet, die RAF-Häftlinge in abgeschotteten Spezialabteilungen des Hauses unterzubringen. Pohl, Hoppe und die anderen sitzen in 28,5 Quadratmeter großen Zellen im unteren Flur, wo neben ihnen weitere 30 Gefangene, 'Gefährliche', wie es heißt, aber mehr noch 'Gefährdete', also Häftlinge, denen Freitod-Gedanken attestiert werden, untergebracht sind. Die Einrichtung ihrer Zellen deutet keineswegs auf 'fidelen Knast' hin, wie es oft mit Blick auf Stammheim kritisiert wurde, aber auch nicht auf die von den Gefangenen behauptete totale 'Isolation' ohne jede Sicht- und Geräuschkontakte.

Die Zellen: Ein kleiner Schrank mit persönlichen Utensilien, Zeitungen Büchern, dahinter die Pritsche mit Matratze, die freilich die meisten RAF-Häftlinge, um den Status eines 'Kriegsgefangenen' zu dokumentieren, auf den Boden legen. Hinter der Pritsche ein kleiner Tisch, Papiere darauf und eine Schreibmaschine, kahle Wände ohne persönliche Bilder oder Ruhepunkte für das Auge. Ein Klo in der Ecke neben der Tür, ein Plastikbehälter für den Abfall, ein Waschbecken mit kaltem Wasserzufluß und einem kleinen Spiegel darüber - unter dem Bett ein, zwei Pappkartons mit Persönlichem, das Fenster zwar mit zwei Reihen rostiger Gitterstäbe gesichert, aber ohne Sichtblende.

Eine einfache, ärmliche Haftwirklichkeit, die allerdings nicht ein dumpfes Vor-sich-her-Brüten bedingt: Fast jeder der RAF-Häftlinge hat ein eigenes Radio, empfängt mehrere Tageszeitungen und Zeitschriften, die untereinander ausgetauscht werden können. Dazu Bücher, private oder aus der gut bestückten Anstaltsbibliothek ausgeliehene, zehn bis zwanzig etwa, weil man auch in Hamburg die früher üblichen Bücherberge in den Zellen abbaute, um 'mehr Übersicht in den Zellen zu bekommen'.

Der Tagesablauf freilich unterscheidet sich vom Knastalltag eines 'normalen' Gefangenen nicht unerheblich. Aus Sicherheitsgründen dürfen die RAF-Gefangenen an keiner Gemeinschaftsveranstaltung teilnehmen, die in dem alten und engen Gemäuer allerdings ohnehin recht sparsam durchgeführt werden: Auch die anderen Untersuchungshäftlinge können nur einmal in der Woche zum gemeinsamen Fernsehen zum Gottesdienst und zum Einkauf. Für Pohl, Hoppe und Beer bedeutet also - betrachtet man die Bestimmungen des Strafvollzugsgesetzes - schon die Unterbringung in einer U-Haftanstalt zwangsläufig erschwerte Bedingungen: Nach dem Wecken um 6 Uhr Frühstück, danach irgendwann im Laufe des Tages eine Stunde frische Luft, stets zu zweit, auf dem von der hohen Mauer und dem Zellentrakt begrenzten, etwa 30 mal 50 Meter großen Hof mit dem spärlichen Grün in der Mitte.

Nachmittags dann werden die RAF-Häftlinge für zwei Stunden zu zweit in ihren Zellen, wie es amtlich heißt, 'zusammengeschlossen', wobei die Wahl des jeweiligen Gesprächspartners ihnen selbst überlassen bleibt. Dazu jede Woche einige Briefe von Freunden und Angehörigen, einmal im Monat eine Stunde Besuch 'von draußen'. Arbeit, wie sie eigentlich von Strafgefangenen verlangt werden muß, haben die inhaftierten Terroristen in Hamburg bisher abgelehnt; ohnehin, sagen die Verantwortlichen, kann die U-Haftanstalt nur primitive Beschäftigung anbieten, etwa das Zusammenstecken von Kugelschreibern.

Pohl und die anderen nennen in ihrem Protestbrief diese Haftbedingungen einen 'Versuch zur Vernichtung'. Eine detaillierte Erörterung ihres Haftalltags freilich lehnten sie ab: nur gemeinsam, ließ Pohl wissen, würde man ein Gespräch führen wollen, oder nach 'vorheriger Einreichung schriftlicher Fragen'. So blieben also die Türen ihrer Zellen geschlossen; dreimal am Tag wiederholt sich das Ritual des Schweigens: die Beamten zeigen den Wagen mit den Mahlzeiten und rollen zur nächsten Zelle, wenn ihnen ein Kopfschütteln die Fortsetzung des Hungerstreiks signalisiert.

'Sprache und Verhalten der RAF-Gefangenen', sagt der Anstaltsleiter, 'sind ruhig und zivilisiert geworden.' Der Hungerstreik geht also weiter, wie lange, weiß niemand. Derweil betreiben Justizsenator Meyer und Vollzugsleiter Weinert, die mit den zwangsläufig begrenzten Haftbedingungen der RAF-Häftlinge keineswegs rundum zufrieden sind, intensiv den Ausbau einer kleinen Spezialabteilung in Fuhlsbüttel voran: 'Vom Sommer ab', sagt der Senator, 'werden wir in Fuhlsbüttel diesen Häftlingen mehr Bewegungs- und Freizeitmöglichkeiten gewähren können' - um sie später (vielleicht) ganz in den normalen Strafvollzug zu integrieren. Viel Zeit dazu verbleibt allerdings nicht: Wolfgang Beer steht bereits im August dieses Jahres, Helmut Pohl im Herbst nächsten Jahres zur Entlassung an.

FR vom 1. April 1978

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