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Die Macht der Massen - sind sie zu stark für das iranische Regime?

Interview zu Iran

"System wird sich nicht halten können"

Der Konfliktforscher Klaus Schlichte spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über Chancen des Widerstands, Elitenmacht und Auslands-Ohnmacht. "Der Mythos der islamischen Revolution trägt nicht mehr."

Herr Schlichte, wo hat eine Revolte wie die jetzt im Iran schon zum Erfolg geführt?

Im Iran selbst vor 30 Jahren, als das Schah-Regime gestürzt wurde. Dann natürlich in den Staaten des früheren Ostblocks, auch der DDR. Aber dort hatten wir einen anderen internationalen Kontext.

Inwiefern?

Osteuropa hatte Ende der 80er schon eine Reihe von Volksaufständen hinter sich, die sich gegenseitig beeinflusst und begünstigt haben: der Prager Frühling 1968, die Solidarnosc-Bewegung und so weiter. Ab Ende der 80er entwickelte sich dann eine regelrechte Kettenreaktion, auch der Westen hat da stark mitgemischt. Der Iran dagegen ist international isoliert wegen des Konflikts um seine Atompolitik. Teheran ist von außen bedrängt und weiß das auch. Deshalb würde brachiale Einmischung von außen die Protestbewegung mit Sicherheit gefährden.

Das heißt, Barack Obamas Zurückhaltung ist richtig?

Absolut. Ich gehe noch weiter: Ohne die Entmilitarisierung der US-amerikanischen Iran-Politik unter Obama wäre die jetzige Protestdynamik nicht möglich. Und nehmen Sie Georgien und die Ukraine: Die massive Einmischung des Westens dort hat den altkommunistischen Konservativen erst Argumente geliefert und sie innenpolitisch stark gemacht.

Schauen wir in den Iran rein. Die Protestbewegung hat sich spontan entwickelt und ist ohne gewachsene Strukturen. Was heißt das für ihren Erfolg?

Es sieht eher nach einer Phase innerhalb eines langsamen Wandels aus. Offenbar unterstützen ja die Basaris, also die wirtschaftlich starke und einflussreiche Gruppe der Händler, die Proteste bisher nicht offen. Das war vor 30 Jahren anders und hat wesentlich zum Sturz des Schahs beigetragen.

Also eher schlechte Aussichten?

Nicht unbedingt. Die Revolte zeigt, dass sich das System nicht wird halten können. Der Mythos der islamischen Revolution trägt nicht mehr. Die Leute glauben einfach nicht mehr dran, wenn sie sehen, dass Revolutionswächter zu Bonzen geworden sind. Die jungen Menschen wollen eine andere Realität: Freiheit, soziale Aufstiegschancen, gutes Leben.

Gibt es Parallelen in anderen Ländern?

Einige. In Algerien war der Mythos des Unabhängigkeitskriegs ebenfalls nach 30 Jahren erschöpft und das Land wirtschaftlich am Boden - bei den Wahlen 1991/92 hätte ja erstmals die islamistische FIS gewonnen, wären sie nicht vom Regime gestoppt worden. In Jugoslawien hielt sich der Titoismus gerade bis zu Titos Tod, war aber vorher schon bürokratisch verkrustet. Nach Tito zerfiel der Vielvölkerstaat endgültig.

Was hilft einer Protestbewegung noch, neben verbrauchten nationalen Mythen?

Der sogenannte Elitensplit: Innerhalb der Machtelite sollte sich ein Flügel bilden, der Modernisierung will. Ganz wichtig außerdem: Hält sich der Sicherheitsapparat zurück oder kippt das Ganze in Richtung Gewalt? Da ist die Lage im Iran prekär, denn die Gesellschaft ist stark durchmilitarisiert. Ähnlich war es in Jugoslawien: Da waren große Teile der Bevölkerung geradezu Gewaltexperten und der Bewaffungsgrad hoch. Das begünstigte die Balkankriege.

Muss eine Demokratiebewegung arme Schichten integrieren, um sich durchzusetzen?

Nicht unbedingt. Auch in der Ukraine oder bei der Rosenrevolution in Georgien war nicht die große Masse die treibende Kraft, sondern hauptstädtische Eliten.

Und die Führungsfiguren? Mir Hussein Mussawi, Leitfigur der Oppositionellen im Iran, stammt aus dem Establishment.

Das ist eher ein Vorteil. Es gibt nur wenige Beispiele dafür, dass eine fundamentaloppositionelle Bewegung auf Dauer Erfolg hatte. Auch Fidel Castro zum Beispiel kam aus der gehobenen Mittelschicht. Eine siegreiche Opposition muss ja als Regierung bestehen, und das kann sie besser, wenn sie Machterfahrungen und Kontakte in der Machtelite hat. Auch langes Exil ist da schädlich. Nehmen Sie den Kongo: Laurent Kabila war rund zehn Jahre im Exil, bevor er nach dem Sturz des Diktators Mobutu Präsident wurde. Kabila hatte ausländische Hilfe, aber keine Hausmacht und wurde am Ende ermordet. Sein unerfahrener Sohn und Nachfolger kann das Land bis heute nicht zusammenhalten.

Bei den Protesten im Iran spielt das Internet eine wichtige Rolle. Bildet sich da eine neue Waffe für Freiheitsbewegungen?

Das kann man noch nicht sagen, das Phänomen ist zu jung. Ich zweifle aber, dass es die Strukturen von Politik wesentlich verändern kann. Zwei Drittel der Menschheit haben ja keinen Zugang zu elektronischen Medien.

Was, wenn das Mullah-Regime den Aufstand gewaltsam niederschlägt? Ist die Hoffnung auf Öffnung dann erst mal tot?

Nicht unbedingt. China zum Beispiel: Das Regime hat sich mit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens vor 20 Jahren auch selbst sehr geschadet. Es hat sich nachhaltig delegitimiert, vor allem in China selbst. Wahrscheinlich gäbe es ohne das Massaker von 1989 heute nicht mal eine nennenswerte Debatte über chinesische Menschenrechtsverletzungen. Die Schuld eines Regimes brennt sich ein in den Köpfen der Menschen.

Interview: Ursula Rüssmann

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