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Die Macht in Nahost: Russlands unfertiger Syrien-Einsatz

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Von: Stefan Scholl

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Ein Mann inspiziert im syrischen Bab al-Hawa angeblich durch russische Kampfflugzeuge verursachte Schäden im März.
Ein Mann inspiziert im syrischen Bab al-Hawa angeblich durch russische Kampfflugzeuge verursachte Schäden im März. © Anas Alkharboutli/dpa

Syrien ist für Russland wie ein permanenter Truppenübungsplatz: 68.000 Militärs sollen dort an Einsätzen teilgenommen haben – die Folgen sind Tausende Tote.

Damaskus – Wladimir Putin verbreitet Genugtuung. „Die Menschen vertrauen Ihnen“, versicherte er dem Kreml-Besucher Baschar al-Assad im September. „Trotz aller Tragödien der vergangenen Jahre verknüpfen sie den Prozess des Wiederaufbaus mit Ihnen.“ Gut sechs Jahre nach dem Beginn der russischen Militärintervention in Syrien, freut sich Wladimir Putin demonstrativ für seinen syrischen Amtskollegen: 90 Prozent des Landes würden wieder von dessen Armee kontrolliert. Und die Präsidentschaftswahlen hätten bewiesen, dass 95 Prozent der Bevölkerung hinter Assad stehen.

Die Strategie Russlands scheint aufgegangen zu sein: Mit seinem Einsatz rettete es Assads Autokratie vor dem Sturz, zerschlug außer einem Großteil der Strukturen des „Islamischen Staats“ auch die bewaffnete Opposition im Süden und im Zentrum des Landes. Russland hat sich als Machtfaktor in Nahost etabliert. „Wir haben eine Basis für Luft- und Landstreitkräfte und einen Marinestützpunkt in Syrien, kontrollieren den Ostteil des Mittelmeers“, zählt der Militärexperte Viktor Litowkin auf. „Wir haben geschafft, was den USA weder im Irak noch in Afghanistan gelungen ist.“

Russland-Einsatz in Syrien: Korruption und Kalkül

Allein bis Oktober 2018 wollte Putins Luftwaffe bei 40.000 Einsätzen 87.500 Terroristen getötet haben. Laut der „Syrischen Beobachtergruppe für Menschenrechte“ waren es bis Mitte 2019 aber über 11.500 Tote – und mehr als 8000 Zivilpersonen. Jedenfalls ist Syrien für Moskau permanenter Truppenübungsplatz: 68.000 Militärs, darunter fast alle Kampfpiloten Russlands, sollen dort an Einsätzen teilgenommen haben.

Aber damit hat es sich dann schon, denn der Wiederaufbau Syriens stockt. Nach Einschätzung Litowkins lässt man sich das dort stationierte Militär jährlich etwa zwei Milliarden Dollar kosten, aber die humanitäre Hilfe ist laut einer Studie des Atlantic Councils bestenfalls „unbeständig“. Putins Diplomat:innen wiederum fordern vom Westen Finanzhilfe für Assad. Die EU etwa investiert lieber in die nicht von Assad befreiten Gebiete – den von den Kurden und der USA kontrollierten Norden. Auch russische Medien berichten von der unverminderten Korruption durch Assads Clique, während über 80 Prozent des Volkes in Armut lebt und die Behörden im Sommer die Brotpreise verdoppelten. Assads Regime sei von Moskau abhängig, aber weiterhin permanent instabil, schreibt der britische Politologe Scott Lucas. „Russland steht vor den Nachwirkungen einer Mission, die noch gar nicht erfüllt ist.“ (Stefan Scholl)

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