Helfer an der Front

Der Krieg in Syrien hat den Geist des Volkes zerstört

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„Am Ende sind doch alle nur Menschen“, sagt Sherwan Bery, er hilft gemeinsam mit anderen Retterinnen und Rettern in Syrien Opfern auf allen Seiten. Ein Gespräch.

  • Kurdischer Roter Halbmond hilft Opfern in Syrien
  • Sherwan Berry koordiniert Einsatz von Ambulanzen und Erstrettern
  • Viele Ärzte und Pflegekräfte sind inzwischen vor dem Krieg geflohen

Sherwan Bery, 31 Jahre alt, studierte bis 2013 Dentalmedizin in Damaskus. Als Zahnarzt arbeitete der junge Jeside aber nur kurz. Noch im gleichen Jahr schloss er sich dem just gegründeten Kurdischen Roten Halbmond (KRC) an und war fortan als Rettungssanitäter im syrischen Bürgerkrieg unterwegs.

Inzwischen ist Bery „health manager“ beim KRC und koordiniert den Einsatz von Ambulanzen und Erstrettern und sorgt dafür, dass in Hospitälern und Flüchtlingslagern Platz und Unterstützung für die Geretteten vorhanden ist. In Deutschland war er jüngst unterwegs auf Einladung von Medico International und anderen Organisationen und Initiativen.

Doktor Bery, Rettungskräfte gehören zum Bild jeder größeren Stadt im friedlichen Westen. Sie erinnern den Menschen im Alltag an das nicht Alltägliche, an den Notfall. Das wäre in Nah- und Mittelost nicht anders, gäbe es dort Frieden. Der Kurdische Rote Halbmond (Kurdish Red Crescent, KRC) aber wurde im Krieg gegründet. Sein Alltag wird nie mit dem von Rettungskräften im Westen vergleichbar sein. Wie begann das alles für den KRC?

Wir fingen buchstäblich mit nichts an. Wir hatten nicht mal richtige Ambulanzen. Wir nahmen Lastwagen, rissen deren Einrichtung raus und setzten Gestelle für Bahren ein. Wir haben immer spontan auf die jeweils gerade auftretende Situation reagiert. Und da wir uns in einem Krieg bewegen, sind wir immer noch dabei, eine Struktur aufzubauen, um beispielsweise auf individuelle Fälle wie einen Herzinfarkt zu reagieren. In jedem solchen Fall müssen wir auch an unsere eigene Sicherheit denken. Manche Gegenden – alles natürlich mögliche Einsatzorte für zivile individuelle Rettungseinsätze – sind einfach nicht sicher. Deshalb vertrauen wir in den meisten Fällen darauf, dass lokale Kräfte uns zuerst rufen.

Gilt das auch für Hilfe in den Flüchtlingslagern?

Natürlich. Wir übernehmen eine Menge Krankentransporte von den Lagern zu Hospitälern, Lazaretten oder Hilfestationen, wenn jemand intensivere medizinische Hilfe benötigt. Generell reagieren wir aber mehr auf die eher vorhersehbaren Krisen wie Gefechte oder Belagerungen als auf die spontanen zivilen Notfälle.

Unter dem IS zu leben, hieß ja nicht, automatisch auf seiner Seite zu sein

Findet man Rettungssanitäter des KRC in der vordersten Linie?

Unser Fokus liegt auf den zivilen Opfern, aber das bedeutet nicht, dass wir nicht auch verwundeten Kombattanten helfen. Bei den Kämpfen um Rakka hatten wir mit unserem Sponsor vereinbart, dass 70 Prozent der von uns Geretteten oder Behandelten Zivilpersonen würden sein müssen. Bei den übrigen 30 Prozent blieb es uns selbst überlassen, wem wir helfen. Das hieß also: Kämpfer von allen Seiten; wir halten uns strikt an die Vorgabe des Internationalen Roten Kreuzes, niemals Partei zu ergreifen. Aber damit das praktisch durchgesetzt werden kann, haben wir uns immer bemüht, mit allen Seiten ein gutes Einvernehmen zu haben, natürlich vor allem mit den kurdischen Behörden und ihrem Militär, aber auch mit den Syrischen Demokratischen Streitkräften, der Freien Syrischen Armee, Assads Truppen und auch mit Kämpfern des „Islamischen Staates“. In der Regel haben die Kampfeinheiten ihre eigenen Sanitäter, aber wenn die Verlustzahlen steigen, dann werden wir schon zu Hilfe gerufen. Damit das aber funktioniert, müssen sie alle unsere Neutralität und Unabhängigkeit akzeptieren.

Wie war es in Rakka?

Nun, wir waren da erstmal nicht die einzigen. Internationale Organisationen wie die berühmten Médecins Sans Frontières waren auch aktiv, aber wir als Lokale hatten ihnen gegenüber doch einen gewissen Vorteil.

Inwiefern?

Die Leute nahmen eher unsere Hilfe an als die der fremden Gruppen. Wobei wir natürlich nur „lokal“ waren im Sinne von nicht von außerhalb Syriens. Das war uns jederzeit bewusst, und so arbeiteten wir schon früh mit den eigentlichen Bewohnern der Stadt und Region Rakka zusammen. Wobei jeder von ihnen zuvor unter dem IS-Regime gelebt hatte, weshalb einige Sicherheitsüberprüfungen notwendig wurden, bevor man sie in die humanitäre Arbeit integrieren konnte. Am Ende war unser Ansatz der richtige, denn wir konnten alle unsere dort zusammengezogenen Rettungsteams ersetzen durch lokal rekrutierte. Unter dem IS zu leben, hieß ja nicht, automatisch auf seiner Seite zu sein, viele hatten vor dessen Kämpfern einfach nur Angst.

Syrien: Der Belagerung Rakkas ging eine lange Planungsphase voraus

Kam der Angriff auf Rakka für die Menschen dort überraschend? Die IS-Hochburg war ja nicht hermetisch abgeschirmt.

Wohl kaum. Der Belagerung Rakkas ging eine lange Planungsphase voraus. Jeder wusste Bescheid, und jeder konnte sich also auf die Schlacht einstellen. Wir genossen die Unterstützung der Europäischen Union und anderer europäischer Partner, so dass wir mit 15 Ambulanzen und Rettungsteams östlich und westlich der Stadt – wo die Hauptangriffe stattfinden sollten – bereitstehen konnten. Wir hatten da auch Schutzkleidung mit dabei. Der IS besaß in Rakka die industriellen Voraussetzungen, um chemische Kampfstoffe herzustellen, also gingen wir kein Risiko ein. Wir haben in Rakka viele wirklich schlimme Fälle gesehen, Zivilisten, Soldaten der Koalition, IS-Kämpfer – eigentlich war das aber auch alles wie überall. Am Ende sind doch alle nur Menschen. Menschen mit Freunden, Familie, Angehörigen. Manche Organisationen wollen nur Zivilisten versorgen – aber so funktioniert das nicht. Jeder ist ein Mensch. Krieg ist doch einfach nur sinnlos.

Offiziell gilt Rakka als ein Höhepunkt des Anti-Terror-Kampfes.

Informationen und Spenden: www.medico.de

Ja, das war es auch. Und es war gut, die Herrschaft des Terrors dort zu beenden und damit die ganze Welt ein bisschen sicherer vor dem IS zu machen. Aber es war nicht einfach. Es gab so viele zivile Opfer. Die Zivilbevölkerung wurde nicht unbedingt absichtlich beschossen, aber gelitten hat sie trotzdem. Und der IS benutzte Zivilisten als Schutzschilde für seine Kämpfer.

Gibt es für Sie jemals so etwas wie einen normalen Arbeitstag?

Nun, ich bin seit kurzem öfters im Büro, um dort Koordinierungsarbeit zu leisten, ich bin also nicht mehr so oft im Feld wie zu der Zeit, als ich Rettungssanitäter war. Aber in diesem Krieg gibt es kein echtes Hinterland, nirgends gibt es das. Eine Explosion gleich neben dem Hauptquartier des KRC? Das kann durchaus passieren. Und dann musst du helfen wie überall sonst auch.

Das ist durch die türkische Invasion sicher keinen Deut besser geworden.

Als die Türken im Norden Syriens einmarschierten, waren wir in 24-Stunden-Bereitschaft. Und wir stellten extra ein Team ab, das nur Verlustzahlen, Verletzungen der Menschenrechte und generelle Informationen zu den militärischen Bewegungen sammelte. Damit die dann von den zuständigen Stellen oder von interessierter Seite weiter verarbeitet werden können. In der ersten Woche war es wirklich schrecklich. Selbst wenn man mal schlafen konnte, dann immer nur ganz leicht. Dann wurde eine Waffenruhe vereinbart – die aber natürlich keine war; es gab halt bloß etwas weniger Verwundete und Tote als zuvor. Und zwischendrin flüchteten mehr als 200.000 Menschen aus den Kampfzonen im Norden, und wir mussten uns ihrer mitten in der Flucht annehmen. Außerdem wurden die internationalen Hilfsorganisationen abgezogen, weil sie ansonsten zu Zielen hätten werden können – sie werden von Damaskus nicht anerkannt. Auf einmal landete alles in unserem Schoß. Da ist es nur gut, dass dann Menschen aus der jeweiligen Umgebung direkt helfen wollen, egal wie.

in Syrien sehen Sie Kinder, denen Beine oder Arme abgerissen wurden

Und so war es schon lange bevor die Türken kamen.

Absolut. Die Menschen in Syrien sind jetzt alle nur noch müde des Krieges. Vielleicht gilt das sogar mehr für Leute wie uns. Wissen Sie, unter Friedensbedingungen würde ein Arzt vielleicht 15 Patienten am Tag sehen. Nicht mehr als das, weil es ansonsten für beide Seiten psychologisch belastend werden könnte. Aber in Syrien sehen Sie Kinder, denen Beine oder Arme abgerissen wurden, Kinder, die ihre Mutter verloren haben, Mütter, die ihre Kinder verloren haben ... Dort können Sie nicht einfach sagen: Ich hab meine Quote für heute erfüllt, ich geh jetzt nach Hause. Da arbeitet einer unserer Chirurgen dann auch mal drei Tage durch, vielleicht mal mit einer Stunde Schlaf zwischendurch.

Wie lange kann man das durchhalten?

Der Hölle von Rakka entkommen: Retter des Kurdischen Roten Halbmondes untersuchen im September 2017 ein Mädchen, das aus der Stadt herauskommen konnte.

Viele Ärzte und Pflegekräfte sind inzwischen vor dem Krieg geflohen – und wer wollte es ihnen verübeln? Jeder verdient die Chance auf eine friedliche Existenz. Aber die, die bleiben, haben dann umso mehr Arbeit. Das gilt gleichermaßen für Mediziner und Pfleger wie für Fahrer, Verwalter und Putzkräfte, für jeden. Es gibt ein arabisches Sprichwort: Wenn du etwas brauchst, kannst du es nicht geben. Es muss einmal eine Verschnaufpause geben. Wenn man für das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR arbeitet, dann gibt es nach einem Monat Arbeit vor Ort immer zwei Wochen Ausruhen irgendwo anders. Egal, was du da gerade wie stehen und liegen lässt, du gehst. Die Menschen vor Ort, die können nicht weggehen. Dieser Krieg dauert nun schon viel zu lange. Er hat nicht nur das ganze Land zerstört, er hat auch den Geist des Volkes zerstört.

in Syrien flauen die Kämpfe ab

Viele im Westen sehen den syrischen Bürgerkrieg als einen internen Konflikt, der regionale und internationale Interessen, die USA, den Iran, Russland, die Türkei anzog, und nun nur auf der internationalen Ebene noch gelöst werden kann.

Es hat die Gelegenheiten gegeben, als Damaskus und die Selbstverwaltung vielleicht nicht gleich Frieden schließen wollten, aber doch ein Ende des Kämpfens vereinbaren. Aber sie hängen von äußeren Interessen ab: USA, Iran, Russland ... Und im Hintergrund dräut immer eine türkische Militäraktion. Und da hört es nicht einmal auf. Der russisch-ukrainische Konflikt spielt am Rande eine Rolle, ebenso die Kontroverse zwischen der Türkei und den USA wegen des Deals über russische Raketensysteme und neue amerikanische Kampfjets ... Irak und Israel haben ihre Finger auch irgendwo in dem ganzen Durcheinander drin. Diese jüngste Phase des Konflikts, die türkische Invasion, scheint von langer Hand vorbereitet worden zu sein, mit ausländischer Hilfe und Einverständnis, keine Frage. Denn in Syrien selbst flauen die Kämpfe ab.

Ein Ende des Bürgerkriegs?

Ich kann sein Ende durchaus sehen. Nur seine Konflikte werden dadurch nicht gelöst werden.

Interview: Peter Rutkowski

Bei einem Raketenangriff im Irak ist ein US-Zivilist ums Leben gekommen. Der Vorfall könnte zur Eskalation zwischen den USA und dem Iran führen.

Die Situation im syrischen Idlib eskaliert erneut. Bei einem Luftangriff sind zahlreiche türkische Soldaten getötet worden.

Rubriklistenbild: © AFP/Aaref WATAD

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