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Syrien-Konflikt: Syrische Kämpfer bei der Ankunft in der Provinz al-Hasaka.

Türkei

Syrien-Konflikt wird zur Gefahr für die türkische Wirtschaft

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Erdogans Invasion in Nordsyrien verstärkt die Sorge vor einer erneuten Währungskrise in der Türkei.

Das Geschäft schien bereits in trockenen Tüchern: Rund 1,5 Milliarden Euro wollte Volkswagen in ein neues Werk in der Türkei investieren. Die Verträge waren unterschriftsreif. Dann marschierte die türkische Armee in Nordsyrien ein – und VW legte die Pläne erst einmal auf Eis.

Nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus politischen Gründen: „Die Bilder, die wir aus Nordsyrien sehen, sind entsetzlich“, sagte Stefan Weil, der als Ministerpräsident des Landes Niedersachsen im VW-Aufsichtsrat den zweitgrößten Aktionär des Autokonzerns vertritt. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass VW unter diesen Bedingungen in der Türkei eine Milliardeninvestition vornimmt“, sagte der SPD-Politiker.

Selbst wenn die Investition einstweilen nur zurückgestellt und nicht annulliert ist, bedeutet die Entscheidung einen schweren Rückschlag für die Türkei. Wenn VW zögert, könnten auch andere ausländische Investoren kalte Füße bekommen. Dabei sah es noch vor wenigen Wochen so aus, als habe die angeschlagene türkische Wirtschaft das Schlimmste überstanden. Die Lira, die im vergangenen Jahr fast ein Drittel ihres Außenwerts verloren hatte, stabilisierte sich. Die Inflation, die auf dem Höhepunkt der Währungskrise fast 25 Prozent erreichte, fiel im September erstmals seit zwei Jahren unter die Zehnprozentschwelle. Die türkische Zentralbank senkte die Leitzinsen, um die Konjunktur anzukurbeln.

Aber mit der Syrien-Invasion verfinstert sich der ökonomische Horizont wieder. Eine Sorge ist, dass die Militäroperation zu höheren Haushaltsdefiziten führen wird. Ohnehin droht das Budget infolge der staatlichen Konjunkturprogramme aus dem Ruder zu laufen. Ende September lag der Fehlbetrag mit 90 Milliarden Lira bereits deutlich über dem Jahresziel von 80,6 Milliarden. Höhere Haushaltsdefizite könnten zu steigenden Leitzinsen führen und der Wirtschaft dringend benötige Liquidität entziehen. Schwächt sich das Wirtschaftswachstum ab, droht ein Anstieg der Arbeitslosenquote, die mit 14 Prozent ohnehin schon sehr hoch ist.

Seit Beginn der Militäroperation verlor die Lira gegenüber dem Dollar zeitweilig mehr als drei Prozent. Setzt sich die Abwertung fort, könnte die Inflation bald wieder über die Zehnprozentmarke schießen. Auch für die Tourismusbranche, die sich gerade von der schweren Krise der Jahre 2016 und 2017 zu erholen beginnt, ist der Vorstoß nach Syrien eine schlechte Nachricht.

Noch kann Staatschef Recep Tayyip Erdogan hoffen, dass die allgemeine Kriegsbegeisterung die Bevölkerung von steigenden Preisen und wachsender Arbeitslosigkeit ablenkt. Bis auf die prokurdische HDP unterstützen alle Oppositionsparteien die Offensive. Im Ausland ist die Militäroperation dafür umso umstrittener. Viele Juristen sehen in ihr eine völkerrechtswidrige Invasion. Die Bundesregierung prüft eine Einschränkung der Exportkredit-Bürgschaften für die Türkei. Nach einem Bericht der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hat die Europäische Investitionsbank ihr Neugeschäft mit der Türkei fast gänzlich eingestellt. Überdies könnten der Türkei scharfe Sanktionen des US-Kongresses ins Haus stehen. Außerdem sollen die Visabestimmungen für die türkische Führung verschärft und ihr Vermögen in den USA eingefroren werden.

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