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Hunderttausende wagen sich weiter auf den gefährlichen Seeweg.

Migration

Syrer und Iraker weichen nicht auf andere Mittelmeer-Route aus

Obwohl die Balkanroute weitgehend abgeriegelt ist, nutzen Iraker und Syrer den Weg über Afrika nach Italien offenbar kaum als Ausweichroute.

Trotz der geschlossenen Balkanroute entwickelt sich der Weg über das zentrale Mittelmeer von Afrika nach Italien bislang nicht als Ausweichroute für syrische und irakische Flüchtlinge nach Europa. Rund 47.600 Migranten trafen nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) bis Montag über diesen Seeweg in Italien ein - und damit in etwa so viele wie vor einem Jahr. Berücksichtigt man aber auch die anderen Mittelmeer-Routen, so wagten sich dieses Jahr bereits deutlich mehr Migranten auf den gefährlichen Seeweg: Etwa 204.000 Menschen erreichten so bislang Europa - das sind mehr als doppelt so viele wie im selben Zeitraum 2015, als bis Ende Mai knapp 88.000 Personen kamen.

156.000 Menschen trafen trotz geschlossener Balkanroute in Griechenland ein. Im Vorjahr waren dort bis Ende Mai 40.300 Menschen angekommen. Trotz des EU-Türkei-Abkommens sind die Zahlen also nicht niedriger - und das, obwohl den illegal Einreisenden nun die Abschiebung in die Türkei droht

Auch die Zahl derjenigen, die im Mittelmeer bei der Überfahrt ums Leben kamen, steigt rasant und lässt Hilfsorganisationen Alarm schlagen. Allein in der vergangenen Woche starben mindestens 880 Migranten, teilte das Flüchtlingshilfswerk UNHCR mit. Insgesamt kamen 2510 Menschen um als ihre oft nur behelfsmäßigen Schiffe kenterten. IOM gab die Zahl der Toten mit 2443 an - davon seien 2061 auf dem Weg nach Italien, 376 auf der östlichen Route nach Griechenland, und sechs auf der westlichen Route Richtung Spanien ertrunken. Insgesamt sei dies im Vergleich zu 2015 eine Steigerung um 34 Prozent.

Es droht ein besonders tödliches Jahr

Die Zahlen beider Organisationen beruhen auf Schätzungen, denen wiederum die Befragung von Überlebenden zugrunde liegt, da die Leichen der Ertrunkenen oft nicht gefunden werden. UNHCR-Sprecher William Spindler sagte in Genf, 2016 drohe zu einem "besonders tödlichen" Jahr auf den Meeren zu werden. Schleuser steckten die Menschen zunehmend in Boote, die kaum seetauglich oder für die lange Überfahrt nicht ausgelegt seien. Schon kurz nach der Abfahrt gerieten die Boote häufig in Seenot. Für Hilfskräfte sei es ein Rennen gegen die Zeit, vor dem Sinken der Schiffe vor Ort zu sein.

Einer IOM-Sprecherin in Berlin zufolge zeichnet sich nicht ab, dass Syrer und Iraker vermehrt das zentrale Mittelmeer Richtung Italien als Ausweichroute nutzen, etwa von Libyen aus. Bis Ende April seien die meisten Menschen in Italien aus der Sub-Sahara angekommen, vor allem aus westafrikanischen Ländern. Syrer seien gerade mal etwa 26 in Italien angelangt. Für den Mai zeichne sich keine Steigerung ab, genaue Zahlen lägen aber noch nicht vor. Betrug der Anteil an Syrern unter den in Italien ankommenden Menschen im vergangenen Jahr acht Prozent, liegt ihr Anteil nach IOM-Schätzungen jetzt bei weniger als 0,1 Prozent. Auch ein Sprecher des Bundesinnenministeriums in Berlin sagte, eine Ausweichroute für Syrer und Iraker über das zentrale Mittelmeer sei nicht erkennbar. (rtr)

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