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„Symbolische“ Strafe für KZ-Sekretärin gefordert

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Von: Joachim F. Tornau

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Die KZ-Sekretärin Irmgard F. erscheint am Dienstag im Gerichtssaal in Itzehoe.
Die KZ-Sekretärin Irmgard F. erscheint am Dienstag im Gerichtssaal in Itzehoe. © MARCUS BRANDT/AFP

Im Stutthof-Prozess plädiert die Staatsanwaltschaft für eine Bewährungsstrafe wegen Beihilfe zum Massenmord: „Angeklagte war durchgängig von essenzieller Bedeutung“.

Wie viel Irmgard F. von dem mitbekommt, was da gerade über sie gesprochen wird, ist wie immer schwer zu sagen. Mal sinkt der Kopf der 97-Jährigen langsam nach unten, dann reißt sie plötzlich die Augen weit auf, als würde sie erschrecken. Seit mehr als 13 Monaten wird der Seniorin vor dem Landgericht in Itzehoe der sehr späte Prozess gemacht: Weil sie einst im nationalsozialistischen Konzentrationslager Stutthof das war, was man heute eine Chefsekretärin nennen würde, wird ihr Beihilfe zum Massenmord vorgeworfen.

Als Staatsanwältin Maxi Wantzen am Dienstag ihren Schlussvortrag hält, macht sie zweierlei deutlich: dass sie die Schuld der Angeklagten auch strafrechtlich für erwiesen hält. Dass aber jede jetzt noch verhängte Strafe nur „symbolisch“ sein könne: „Wir können und wollen nicht wiedergutmachen, was die deutsche Justiz über Jahrzehnte versäumt hat.“

Stutthof-Prozess: Im Plädoyer fällt immer wieder das Wort „lebensfremd“

Selbst Paul Werner Hoppe, der für den zehntausendfachen Mord vor allem an Jüdinnen und Juden verantwortliche Kommandant von Stutthof, dem Irmgard F. von 1943 bis 1945 als Schreibkraft diente, wurde zu lediglich neun Jahren Gefängnis verurteilt und dann sogar noch vorzeitig entlassen. NS-Täter, die weiter unten in der Befehlskette standen, blieben gänzlich straffrei. Erst seit dem Urteil gegen den Sobibor-Wachmann John Demjanjuk 2011 kann auch zur Rechenschaft gezogen werden, wer als kleines Rädchen die nationalsozialistische Mordmaschinerie am Laufen hielt.

Staatsanwältin Wantzen möchte diese veränderte Rechtsprechung nun erstmals auf die Zivilangestellte eines KZ angewendet sehen. „Die Angeklagte war durchgängig von essenzieller Bedeutung für die Erfüllung der menschenfeindlichen Ziele, die mit dem Lager verfolgt wurden“, erklärt sie. „Der reibungslose Ablauf konnte nur in geordneten Verwaltungsstrukturen sichergestellt werden.“ Ein Dokument, das das Wissen der damals noch keine 20 Jahre alten Stenotypistin um das mörderische Geschehen belegen würde, gibt es zwar nicht. Die Angeklagte selbst hat im Ermittlungsverfahren behauptet, sich bloß an Bestellungen von Gartenbedarf zu erinnern, und im Prozess konsequent geschwiegen. Doch Wantzen hat für die Vorstellung, dass Irmgard F. ahnungslos gewesen sein könnte, nur ein Wort, es kommt in ihrem Plädoyer immer wieder vor: „lebensfremd“.

Stutthof-Prozess: Urteil im Dezember erwartet

Acht Überlebende des Lagers bei Danzig sind im Prozess als Zeug:innen aufgetreten, niemand von ihnen kannte die Sekretärin des Kommandanten. Doch wovon sie eindringlich berichten konnten, das waren die alltägliche Gewalt, der Hunger, das Sterben, der Gestank verbrennender Leichen. „Ich war eine einzige Wunde“, sagte Chaim Golani. Sie sei „neidisch“ gewesen auf die Toten, weil sie es schon hinter sich gehabt hätten, sagte Towa-Magda Rosenbaum, auch sie aus Israel per Video zugeschaltet. Irmgard F., meint die Staatsanwältin, hätte das alles nicht übersehen können. Zumal sie, wie sich die Verfahrensbeteiligten bei einem Besuch in Stutthof selbst überzeugen konnten, aus ihrem Dienstzimmer im ersten Stock der Kommandantur einen guten Überblick über weite Teile des Lagers gehabt habe.

Wantzen fordert, die Angeklagte wegen Beihilfe zum Mord in 10 484 Fällen zu verurteilen. So viele Menschen mindestens wurden in Stutthof während ihrer Dienstzeit ermordet, hingerichtet per Genickschuss, vergast mit Zyklon B, umgebracht durch die lebensfeindlichen Bedingungen im Lager. Das verlangte Strafmaß aber bleibt, wie angekündigt, symbolisch: zwei Jahre Jugendstrafe, weil Irmgard F. zur Tatzeit noch so jung war, ausgesetzt zur Bewährung. Mit dem Urteil wird kurz vor Weihnachten gerechnet.

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