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Schlacht um Charkiw: Symbolische Siege für beide Seiten

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Von: Peter Rutkowski

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Ukrainische Soldaten gehen in einem Wald bei Charkiw vor.
Ukrainische Soldaten gehen in einem Wald bei Charkiw vor. © dpa

Im Ukraine-Krieg sichern ukrainische Streitkräfte Charkiw und stoßen an die Landesgrenze vor. In Mariupol ergeben sich angeblich nun erste Verwundete den Russen.

Charkiw – Natürlich ist es militärisch nicht unbedeutsam – aber seine symbolische Wirkung (und also seine politische) ist von immenser Bedeutung: Ukrainische Truppen erreichen vor Charkiw die Grenze zu Russland. Anfang vergangener Woche standen dort noch russische Verbände, schoss russische Artillerie hinein in die zweitgrößte Stadt der Ukraine. Im Jargon heißt das „sturmreif schießen“, und dabei werden keine Unterschiede zwischen zivilen und militärischen Zielen gemacht. Das hat nicht Methode, das ist Usus, nicht nur in der Ukraine.

Aber nun scheint das für Charkiw ausgestanden zu sein. Die russische Artillerie wurde bereits im Laufe der vergangenen Woche nach Süden zum Donbass hin umgruppiert, Infanterie und motorisierte Verbände zogen nach oder wurden von den nachstoßenden Ukrainern zurück über die Grenze getrieben.

Die Ukraine scheint den Krieg zumindest nicht mehr zu verlieren

Neben der realen Erleichterung für die geschundene Bevölkerung und Besatzung Charkiws kann die Entwicklung als unzweideutiges Zeichen für die Außenwelt gewertet werden: Seht her, der Entsatz von Kiew war kein Einzelfall, die ukrainischen Streitkräfte halten weiterhin nicht die Invasoren in Schach, sondern können sie auch schlagen. Deshalb sollte der Westen seine wirtschaftlichen wie militärtechnischen Anstrengungen verstärken, Russland weiter isolieren, die Ukraine weiter ausrüsten. Der Verteidiger könnte diesen Krieg vielleicht doch gewinnen...

Oder zumindest nicht mehr verlieren, wie das Viele auch im Westen noch bis vor kurzem annehmen wollten. Moskau ist lange nicht vernichtend geschlagen. Am Montag (16. Mai) schlug der ukrainische paramilitärische Grenzschutz einen russischen Vorstoß in der nördlichen Oblast Sumy zurück. Im Südwesten war Odessa wieder Ziel von Raketen und Bomben: Das Kommando Süd der ukrainischen Streitkräfte berichtete von mindestens drei verletzten Zivilpersonen, eine davon ein Kind. Zudem sei Feuer ausgebrochen. Ziel war demnach eine zuvor schon angegriffene und beschädigte Brücke über der Mündung des Flusses Dnjestr.

Ukraine-Krieg: Luftwaffen haben es auf Brücken abgesehen

Im Gegenzug hat die ukrainische Luftwaffe offenbar eine Brücke über den Inhulez, einen Nebenfluss des Dnjepr zerstören können. Wie auch nördlich des Donbass erschweren die vielen Flussläufe den von russischer Seite gesuchten Bewegungskrieg. Die Flüsse sind für beide Seiten quasi natürliche Verteidigungsstellungen. Dementsprechend ging es am Montag im Süden des großen Frontbogens wie auch im Donbass nicht wirklich vor noch zurück. Die ukrainischen Truppen halten noch ungefähr zehn Prozent der Oblast Luhansk. Moskau behauptet nach seinen zahlreichen Rückschlägen, „die Befreiung des Donbass“ sei von Anfang an sein Ziel gewesen. Dessen Eroberung erscheint realistisch.

Nicht zuletzt dank der indirekten Hilfe aus Belarus. Die Lukaschenko-Diktatur bindet nämlich nach Einschätzung britischer Geheimdienste mit der Stationierung von Truppen an der Grenze zur Ukraine vermutlich militärische Kräfte des Nachbarlands. Minsk wolle Spezialkräfte, Luftabwehr-, Artillerieeinheiten sowie Raketenwerfer zu Übungsplätzen im Westen des Landes schicken, hieß es am Montag in einem Bericht des Verteidigungsministeriums in London. Entgegen anfänglicher Spekulationen seien weißrussische Truppen aber bislang nicht in Kampfhandlungen verwickelt.

Kaum Pause im Ukraine-Krieg: Wenig Zeit für Evakuierungen

Nach tagelangen Verhandlungen haben sich das russische und das ukrainische Militär nach Angaben aus Moskau darauf geeinigt, Verletzte aus dem Asowstal-Werk in Mariupol herauszuholen. Das Verteidigungsministerium in Moskau teilte am Montag mit, dass nun eine Feuerpause gelte und „ein humanitärer Korridor“ geöffnet werde. Die ukrainischen Kämpfer sollten allerdings in der von prorussischen Separatisten kontrollierten Stadt Nowoasowsk im Osten der Ukraine medizinisch versorgt werden.

Kiew hat stets gefordert, die Verletzten auf von der Ukraine kontrolliertes Gebiet oder in ein Drittland zu überstellen. Bereits am Morgen hatten prorussische Separatisten gemeldet, dass die ersten Ukrainer sich ergeben und das Stahlwerk verlassen hätten – eine weiße Fahne schwenkend. Kiew dementierte das zunächst.

Angesichts wahrscheinlich zehntausender nach Russland verschleppter Zivilpersonen aus den eingenommenen Gebieten und ihrem anschließenden Verschwinden, darf man auf nichts Gutes hoffen, wenn die hilflosen Verwundeten in die Hände der Gegenseite geraten. (Peter Rutkowski mit dpa)

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