Gasse im südsudanesischen UN-Flüchtlingslager Protection of Civilians bei der Stadt Wau.
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Gasse im südsudanesischen UN-Flüchtlingslager Protection of Civilians bei der Stadt Wau.

Afrika

Neuer Anlauf zum Frieden im Südsudan

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Es wird der 13. Versuch sein, in dem jungen Staat die Waffen zum Schweigen zu bringen. Aber die strittigsten Punkte über Grenzziehungen sind nicht auf der Agenda der Kriegsgegner.

Am heutigen Samstag beginnt in der südsudanesischen Hauptstadt Juba ein weiterer Versuch, einen der verheerendsten Konflikte Afrikas zu beenden: Es handelt sich um den zwölften Anlauf, den seit über sechs Jahren tobenden Bruderkrieg im jüngsten Staat der Welt zu beenden. Südsudans Präsident Salva Kiir und sein einstiger Stellvertreter Riek Machar wollen eine gemeinsame Übergangsregierung bilden: ein mehrmals verschobener Schritt zur Befriedung des Südsudans, den ausländische Regierungen – unter anderen die USA – mit einem heute ablaufendem Ultimatum unter Androhung eines Wirtschaftsboykotts gefordert hatten.

Die beiden Kontrahenten verständigten sich am Donnerstag gleichsam in letzter Minute auf die Bildung dieser Übergangsregierung – allerdings wurden mehrere entscheidende Streitpunkte aus der Einigung vorerst ausgeklammert. Beobachter werten die Regierungsbildung als ein „erster Schritt auf einer noch langen Reise“. Dass der Friede tatsächlich sicher ist, muss allerdings bezweifelt werden.

Noch nicht geklärt ist zum Beispiel, wann und wie Kiirs und Machars Truppen in eine gemeinsame 84 000-köpfige Armee integriert werden: „Wie sollen diese, nachdem sie sich sechs Jahre lang gegenseitig abgeschlachtet haben, plötzlich zusammenarbeiten können?“, fragt der Südsudan-Kenner Peter Martell.

Auch der Streit um die künftige Gestalt des Landes wurde vertagt, obwohl die Aufteilung des Südsudans in Provinzen zu den wichtigsten Streitpunkten des Konflikts gehört. In dem erdölreichen Staat kann man mit Grenzziehungen neben dem politischen Einfluss auch die Verteilung des Reichtums bestimmen. Dieses Problem wird noch dadurch verschärft, dass die Konfliktparteien fast ausschließlich durch ethnische Zugehörigkeit definiert sind. Kiir gilt als Repräsentant der Dinka, die mit rund 15 Prozent die größte Gruppe im Vielvölkerstaat ausmachen, während Machar den zweitplatzierten Nuer (rund zehn Prozent) angehört. An dem Konflikt zwischen dem Dinka Kiir und dem Nuer Machar zerbrach im Jahr 2013 die „Südsudanesische Volksbefreiungsbewegung“ (SPLA) – auch wenn Machar vor allem die diktatorische Regierungsführung des 68-jährigen Präsidenten für den Bruderkrieg verantwortlich macht.

Nach einem jahrzehntelangen Bürgerkrieg mit Sudans arabisch dominiertem Norden war dem afrikanischen Süden des Landes schließlich eingeräumt worden, über seine Unabhängigkeit selbst entscheiden zu können. Bei einem Volksentscheid sprachen sich fast 99 Prozent der Südsudanesen im Januar 2011 für einen eigenen Staat aus. Der Jubel über die erkämpfte Freiheit wich jedoch zwei Jahre später dem Kriegslärm zwischen Kiir und Macher. Dinka- und Nuer-Soldaten lieferten sich im Dezember 2013 in Juba Straßenschlachten. Der Präsident behauptet, es habe sich um einen Coup-Versuch gehandelt; Machar spricht von einem Attentats-Versuch gegen ihn.

Danach brach ein Bürgerkrieg aus, der mindestens 400 000 Menschen das Leben und mehr als zwei Millionen die Heimat kostete – Afrikas größte Vertreibungswelle seit dem ruandischen Völkermord. Derzeit hungert die Hälfte der zwölf Millionen Südsudanesen oder ist auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

Beide Konfliktparteien ließen sich bis heute schwere Menschenrechtsverletzungen zuschulden kommen, die möglicherweise sogar als „Kriegsverbrechen“ behandelt werden müssten, befand eine von den Vereinten Nationen beauftragte Kommission in ihrem am Donnerstag veröffentlichten Bericht. Sowohl Kiirs wie Machars Truppen hielten insgesamt bis zu 19 000 Kindersoldaten unter Waffen, setzten Vergewaltigung als Mittel der Kriegsführung ein und schreckten auch vor dem absichtlichen Aushungern der Bevölkerung nicht zurück, heißt es in dem Kommissionsbericht. Der Kiir-Regierung wird außerdem vorgeworfen, „Millionen Dollar“ an öffentlichen Geldern geplündert zu haben.

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