Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Vertriebene Dinka tragen eine an Malaria erkrankte Verwandte zur Krankenstation im Flüchtlingslager Mingkaman. 	afp
+
Vertriebene Dinka tragen eine an Malaria erkrankte Verwandte zur Krankenstation im Flüchtlingslager Mingkaman. afp

Hunger in Afrika

Südsudan vor dem Kollaps

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
    schließen

Dem jüngsten Staat der Welt droht ein Völkermord. Angesichts der Katastrophe fordern Südsudan-Experten einen ungewöhnlichen Schritt.

Hunger, Krankheiten, Krieg – das jüngste Land der Welt steuert immer rasanter in die Katastrophe. Besonders erbittert wird derzeit in der Region um das Städtchen Kodok im äußersten Norden des Südsudans gekämpft. Dort haben nach Angaben der „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF) mehr als 40 000 Menschen ihre Dörfer verlassen und hausen jetzt bei Temperaturen über 40 Grad im Freien, das Wasser wird knapp. Wegen der Kämpfe können Hilfsorganisationen keine Laster mit Trinkwasser schicken, zahlreiche ausländische Experten wurden angesichts der Regierungsoffensive bereits in die Hauptstadt Juba zurückbeordert, das Hospital der „Ärzte ohne Grenzen“ musste geschlossen werden. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis hier eine Cholera-Epidemie ausbricht“, sagt MSF-Mann Marcus Bachmann: „Das Leben von Tausenden von Menschen steht auf dem Spiel.“ Unterdessen bereiten sich die Vereinten Nationen darauf vor, die bereits in drei Distrikten ausgerufene Hungersnot auf weitere Teile des Landes auszudehnen.

In der Hauptstadt Juba machen indes Putschgerüchte die Runde. Die Kommandostrukturen der Streitkräfte seien zusammengebrochen, meint der Chef einer von der Afrikanischen Union (AU) eingesetzten Beobachtermission, der ehemalige botswanische Präsident Festus Mogae. Statt der Zentralmacht gehorchten die Soldaten nur noch regionalen Warlords. Gleich mehrere Generäle kehrten in den vergangenen Wochen dem von Präsident Salva Kiir geführten Militär den Rücken und gründeten ihre eigenen Milizen. Den Regierungstruppen wird vorgeworfen, nur die Interessen einer Bevölkerungsgruppe, der Dinka, zu vertreten: Die UN sehen den Südsudan am Rand eines Völkermords.

Auch die Wirtschaft bricht zusammen. Die Inflationsrate rast auf tausend Prozent zu, die Banken verfügen über kein Bargeld mehr. Südsudans Budget wird zu mehr als 80 Prozent aus Erdöleinnahmen bestritten. Doch wegen des Krieges ist die Produktion des schwarzen Goldes auf ein Drittel gesunken, und auch die Erdölpreise sind im Keller. Nach Erkenntnissen einer UN-Kommission gibt die Regierung mindestens die Hälfte ihres Budgets, „vermutlich aber wesentlich mehr“, für Waffen aus.

Vor diesem Hintergrund haben prominente Kenner des Landes nun zu einem drastischen Schritt aufgerufen. Der Südsudan müsse so schnell wie möglich unter eine internationale Verwaltung gestellt werden, fordern die Direktorin des Washingtoner Afrika-Zentrums für Strategische Studien, Kate Almquist Knopf, und der frühere Koordinator des UN-Expertengremiums für den Südsudan, Payton Knopf: Genau so, wie das einst mit Kambodscha, Osttimor und dem Kosovo geschah. „Man kann sich kaum einen krasseren Fall einer räuberischen, die Souveränität des Staates missbrauchenden Elite als im Südsudan vorstellen“, heißt es in einem vom prominenten „Atlantischen Rat“ in Washington verbreiteten Meinungsbeitrag der Autoren. Die Aussicht, dass Ende 2017 die Hälfte der Bevölkerung entweder gestorben oder außer Landes geflohen sein könnte, stelle den Südsudan auf eine Stufe mit Ruanda oder Kambodscha. Angesichts des galoppierenden Staatskollapses sei eine internationale Verwaltung der einzige Weg, „um die Souveränität und territoriale Integrität des Landes zu schützen, seine Legitimation wiederherzustellen und seine Bevölkerung zu stärken.“

Völkerrechtlich ist das durchaus möglich. Nach Artikel 4 ihrer Verfassung kann die AU in einem Mitgliedsstaat intervenieren, wenn dort „Kriegsverbrechen, Völkermord oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ begangen werden – eine von dem Staatenbund beauftragte Kommission hat bereits derartig schwere Menschenrechtsverbrechen im Südsudan attestiert. Für die Einsetzung einer internationalen Verwaltung sei womöglich nicht einmal eine militärische Intervention nötig, meinen die Autoren: Denn Südsudans Zivilgesellschaft sei einem derartigen Vorstoß durchaus zugeneigt.

Trotzdem werden der Initiative politisch keine großen Chancen eingeräumt. Der UN-Sicherheitsrat konnte sich vergangene Woche nicht einmal auf ein Waffenboykott einigen: Die USA, England und Frankreich scheiterten daran, die für den Beschluss nötigen neun Ratsmitglieder zu gewinnen. Auch in der AU sieht es nicht besser aus: Dort streiten sich vor allem die Anrainer – Sudan, Äthiopien, Uganda und Kenia – schon seit Jahren erfolglos um eine gemeinsame Strategie. Einer internationalen Verwaltung werden sie dennoch aller Wahrscheinlichkeit nicht zustimmen. Denn vor der Preisgabe ihrer Souveränität schrecken Afrikas Präsidenten wie Monarchen zurück – schließlich könnten irgendwann auch sie selbst zu Opfern „äußerer Einmischung“ werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare