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Kurz vor ihrer Entlassung erklärt sich Byun Hee-soo öffentlich bei einer Pressekonferenz.

Diskriminierung

Südkorea: Geschasste Transfrau verklagt Militär

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Inm konservativen Südkorea schlägt der Fall der 22-Jährigen Ex-Soldatin Byun Hee-soo hohe Wellen – und wirft Fragen zum Umgang mit Minderheiten auf.

Jedem heranwachsenden Mann Südkoreas ist die Lage klar: Früher oder später wird er zur Waffe greifen müssen. Für rund 24 Monate muss er sein bisheriges Leben unterbrechen und dem Militär widmen. Denn das Vaterland verharrt seit 1950, als ein dreijähriger Krieg mit Nordkorea begann, formal noch immer im Kriegszustand mit dem Bruderstaat. In den Kasernen des Landes verkünden Offiziere jeden Morgen, dass man im Ernstfall neuer Kampfhandlungen bereit sein muss zur Verteidigung. Und dann müssen alle Soldaten mitziehen.

Doch zählen junge Männer noch als kampffähige Soldaten, wenn sie sich vor Ort als junge Frauen entpuppen? Diese Frage, die man in Südkoreas Verteidigungsministerium bisher für hypothetisch und irrelevant gehalten haben mag, ist gerade zu einem hochaktuellen Streitthema geworden.

Transfrau: Geschlechtsangleichende OP mitten im Wehrdienst

Die 22-jährige Unteroffizierin Byun Hee-soo wurde in einem männlichen Körper geboren und trat auch mit ihm ihren Dienst in der Kaserne an. Doch vor Ort litt sie so stark unter Depressionen, dass sie sich im November auf Anraten der Ärzte einer geschlechtsangleichenden Operation unterzog. Statt von ihren Vorgesetzten Unterstützung zu bekommen, wurde die Transfrau diese Woche entlassen. Sie sei nicht mehr fähig, angemessen zu dienen, hieß es.

In Südkorea schlägt das Thema nun hohe Wellen. Mehrere große Zeitungen berichten nicht nur über die Frage, ob sich das Militär dringend modernisieren müsse. Es geht auch um generelle Ungleichbehandlung in einem Land, das kein Antidiskriminierungsgesetz hat und sich schwer damit tut, von heterosexuellen Normvorstellungen abzuweichen. Byun Hee-soo, die seit Donnerstag keine Soldatin mehr ist, klagt nun vor Gericht gegen ihre Entlassung und will damit die gesamte Gesellschaft aufrütteln. Südkorea, so Byun, leide unter einen „tiefverwurzelten Intoleranz“ gegenüber Minderheiten.

Transgenderpersonen gelten häufig als „krank“

Das gilt wohl im Besonderen für das Militär, das im Land als besonders konservative Institution gilt. Viele andere Staaten – darunter Australien, Kanada, Neuseeland, Israel, Bolivien und diverse EU-Länder – lassen seit einiger Zeit Transgenderpersonen als Soldaten zu. In Südkorea aber, wo in den letzten Jahren so viel über Geschlechterfragen und Diskriminierung diskutiert worden ist, dass einige schon von einem „Gender War“ sprechen, wird vielerorts noch auf anderem Niveau gestritten. „LGBT-Personen begegnen in Korea am Arbeitsplatz, in der Politik und in der Familie immer noch Vorurteilen. Ihnen wird überall das Leben schwergemacht“, sagt Na Young, Vorsitzende der Anti-Diskriminierungs-NGO Share. Transgenderpersonen würden sogar häufig als krank bezeichnet.

Das bestätigt sich durch einen Bericht der Nachrichtenagentur Yonhap, laut dem Byun Hee-soo vom Militär als „behinderte Person“ betrachtet wird. Zugleich wirkt der Schritt von Byun, ihre Geschlechts-OP nicht vor oder nach der Zeit beim Militär anzugehen, sondern ausgerechnet während ihres Wehrdienstes, auf viele wie eine Provokation. Auf einer Pressekonferenz in Uniform, bevor ihre Entlassung wirksam wurde, verneinte Byun diesen Verdacht unter Tränen: „Ich dachte, ich würde meinen Armeedienst fertigmachen, danach die Geschlechts-OP machen und dann später als weibliche Soldatin neu einsteigen. Aber meine Depression wurde zu stark.“

Transfrau will zum Militär

Ob sie nun noch zurück ins Militär kann, ist ungewiss. Frauen dürfen sich zwar freiwillig melden. Aber ein Offizieller des Militärs ließ bereits verlauten, dass eine Transfrau beim Eignungstest womöglich durchfallen würde. Dabei fragen sich manche Koreaner, ob Südkoreas Militär nicht vielmehr froh darüber sein sollte, dass Byun Hee-soo überhaupt Soldatin sein will. Während nämlich körperlich guttrainierte Popstars und Profisportler immer wieder nach Wegen suchen, sich um den Wehrdienst drücken zu können, hat sie betont, es sei schon als Kind ihr größter Traum gewesen, ihr Land mit Stolz zu verteidigen.

Die geschasste Soldatin hat auch schon einen konkreten Vorschlag gemacht, wie das funktionieren könnte: Ihr sei völlig klar, dass das Militär noch nicht ganz bereit sei, Transgendersoldaten zu akzeptieren. Aber beim Respektieren von Menschenrechten gebe es schon Fortschritte. Byun Hee-soo schwebt nun offenbar eine Stelle als Inklusionsbeauftragte vor: „Wenn man mich auf Grundlage meiner persönlichen Erfahrungen engagiert, könnte das eine positive Auswirkung für das gesamte Militär haben.“

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