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Südkorea will Gleichberechtigungs-Ministerium abschaffen – „zum Schutz von Frauen“

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Von: Felix Lill

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Frau muss wegen rotem Klebeband über dem Mund schweigen
In Rankings zur Emanzipation landet Südkorea regelmäßig auf den hintersten Plätzen bei den Industriestaaten. © Sorapop Udomsri/Imago

Südkoreas Präsident will das Gleichstellungsministerium abschaffen – dabei hat das Arbeit vor sich, denn in Rankings schneidet das Land schlecht ab.

Seoul – Dass Yoon Suk-yeol seine Versprechen nicht hält, kann man ihm kaum vorwerfen. Nachdem er in einem polemisch geführten Wahlkampf angekündigt hatte, Südkoreas Atomausstieg rückabzuwickeln, besuchte er bald nach seinem Amtsantritt einige Kraftwerke und lobte deren Zukunftsfähigkeit.

Gegenüber Nordkorea geht er wie angekündigt mit Zuckerbrot und Peitsche vor: Yoon nutzt eine Mischung aus Kampfansagen und Friedensangeboten, sofern der verfeindete Staat nördlich der Grenze sein Atomwaffenprogramm einstelle.

Südkorea: Abschaffung von Gleichberechtigungs-Ministerium „zum Schutz“

Dieser Tage lässt Südkoreas Präsident mit einem weiteren Schritt aufhorchen, den er schon im Wahlkampf versprochen hatte: die Abschaffung des Ministeriums für Geschlechtergleichstellung und Familie. Ende vergangener Woche erklärte Yoon, dem der Ruf eines Frauenfeinds vorauseilt, dass er das 2001 von der politischen Gegenseite gegründete Ministerium einstampfen werde. „Die Abschaffung des Genderministeriums soll dem Schutz von Frauen, Familien, Kindern und den sozial Schwachen dienen“, behauptete er gegenüber der Presse.

Von außen betrachtet ist der Schritt überraschend. International fällt Südkorea immer wieder wegen der starken Diskriminierung von Frauen auf. Im jährlich vom Weltwirtschaftsforum publizierten Gender Gap Report, der die Gleichstellung nach Geschlecht in den Bereichen Arbeitsmarkt, Politik, Bildung und Gesundheit vergleicht, landet Südkorea regelmäßig weit hinten. 2022 war es Rang 99 von 146 Ländern und damit einer der niedrigsten Platzierungen unter den Industriestaaten.

Vor allem auf dem Arbeitsmarkt besteht deutliche Ungleichheit. Frauen sind zwar kaum schlechter ausgebildet als Männer, leben aber wesentlich häufiger in prekären Verhältnissen. Der Gender Pay Gap von mehr als 30 Prozent ist der höchste unter den Industriestaaten. Deswegen, aber auch wegen wiederholter Fälle sexuellen Missbrauchs und Morden an Frauen, herrscht ein Konflikt im Land, der oft sogar als „Geschlechterkrieg“ bezeichnet wird.

Ministerium erzielte Erfolge bei Gleichstellung in Südkorea

Zu den politischen Profiteuren solcher Entwicklungen gehört Yoon Seuk-yol. Im März dieses Jahres wurde der Konservative mit hauchdünnem Vorsprung vor seinem liberalen Gegner Lee Jae-myung zu Südkoreas Präsidenten gewählt. Im Kampf um Stimmen hatte Yoon intensiv und letztlich erfolgreich um die Gunst von „Anti-Feministen“ geworben. Zentrales Argument war das Vorhaben, das Gleichstellungsministerium abzuschaffen, das in den Augen Yoons Männer als „potenzielle Sexverbrecher“ behandle.

Mehrmals hat Yoon unverblümt den Eindruck vermittelt, das Ministerium habe mehr Schlechtes als Gutes getan. Im Ministerium selbst sieht man das anders, woran sich auch mit dem Amtsantritt von Yoon Seuk-yol im Mai wenig geändert hat. Lee Jung-hyun, Sprecherin des Ministeriums, ließ noch im Sommer auf Anfrage wissen: „Das Ministerium hat in verschiedenen politischen Bereichen wie Geschlechtergleichstellung, Familie sowie Rechte und Interessen von Frauen Erfolge erzielt“.

Video: Feminismus

Südkoreas Parlament leistet Widerstand: Abschaffung von Ministerium nicht einfach möglich

Dazu gehöre die Reform des Zivilgesetzes 2005, womit das traditionelle Hojuje-System, nach dem der Mann das Familienoberhaupt war, abgeschafft wurde. 2008 folgte ein Gesetz zur Förderung von Frauen, die für Kinder ihre Erwerbstätigkeit unterbrochen hatten. Auch Unterstützungen für Alleinerziehende wurden unter Einfluss des Ministeriums zumindest etwas verbessert. Hinzu kam 2018 ein Gesetz zur Vorbeugung von sexuellem Missbrauch gegen Frauen.

Yoons Plan zur Abschaffung des Ministeriums lässt sich ohnehin noch nicht ohne Weiteres umsetzen. Im Parlament hat derzeit die von der liberalen Demokratischen Partei dominierte Opposition die Mehrheit, die Yoons Konservativer Partei nun hitzige Debatten abverlangen wird. Für den immer wieder populistisch auftretenden Yoon Suk-yeol aber ist die Sache längst zu einem Prestigeobjekt geworden, mit dem er denjenigen, denen er seinen Wahlsieg zu verdanken hat, ein Geschenk machen könnte.
(Felix Lill)

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