In Brasilien wird weiter gestorben - doch Präsident Jair Bolsonaro hält an seiner ignoranten Politik gegenüber der Krankheit und ihren Opfern fest. Er hält Covid-19 für eine „leichte Grippe“ und lehnt Schutzmaßnahmen ab.
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Beerdigungen auf dem Friedhof Nossa Senhora Aparecida in Manaus: In Brasilien wird weiter gestorben - doch Präsident Jair Bolsonaro hält an seiner ignoranten Politik gegenüber der Krankheit und ihren Opfern fest. 

Südamerika

Gefährliche Zwickmühle

  • Klaus Ehringfeld
    vonKlaus Ehringfeld
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Die Infektionszahlen steigen dramatisch, trotzdem lockern erste südamerikanische Staaten die Vorschriften.

Lateinamerika hat sich in den vergangenen Tagen zum neuen Epizentrum der Corona-Pandemie entwickelt. Während sich in Europa vielerorts immer weniger Menschen anstecken, steigen die Fallzahlen zwischen Mexiko und Argentinien und in der Karibik weiter deutlich an. Dennoch beginnen einige Länder jetzt, die Einschränkungen zu lockern.

Brennpunkt ist nach wie vor Brasilien. In den vergangenen Tagen starben fast 1000 Menschen täglich, bis zu 30.000 steckten sich jeden Tag neu an. Mittlerweile gibt es in Brasilien mehr als eine halbe Million Infizierte und rund 30.000 Verstorbene. In vielen Städten arbeiten die Krankenhäuser an der Belastungsgrenze. Die Behörden richten provisorische Kliniken in Fußballstadien ein und lassen neue Friedhöfe anlegen.

„Nur eine Frage der Zeit“

Aber Präsident Jair Bolsonaro hält an seiner ignoranten Politik gegenüber der Krankheit und ihren Opfern fest. Er hält Covid-19 für eine „leichte Grippe“ und lehnt Schutzmaßnahmen ab.

Bis zum Pfingstwochenende waren in ganz Lateinamerika mehr als 50 000 Menschen in Verbindung mit dem Virus gestorben, mehr als eine Million Infektionen registriert. Peru, Ecuador, Chile und vermutlich bald auch Mexiko geraten nach Einschätzung internationaler Gesundheitsorganisationen an die Grenze der Kapazität ihrer Gesundheitssysteme. Aber mit Besserung ist vorerst nicht zu rechnen. Die Panamerikanische Gesundheitsorganisation erwartet, dass die Pandemie zunächst mindestens auf dem aktuellen Niveau bleiben wird.

Denn in der Region kommen gleich mehrere Probleme zusammen, die eine schnelle Ausbreitung der Lungenerkrankung begünstigen: die große Armut, gepaart mit prekären Wohnverhältnissen von Millionen Menschen, verantwortungslose Regierungen sowie schlecht ausgestattete öffentliche Gesundheitssysteme. „Es war nur eine Frage der Zeit, bis Corona in Lateinamerika verheerende Auswirkungen haben würde“, sagt die Epidemiologin Ana Diez Roux von der Drexel-Universität im US-Bundesstaat Pennsylvania.

Gleichzeitig steigt der Druck auf die Regierungen, die strengen Ausgangssperren zu lockern, weil die fragilen Volkswirtschaften vieler Staaten nach mehr als zwei Monaten zu kollabieren drohen. Vor allem die Millionen Lateinamerikaner, die ohne soziale Absicherung und von dem leben, was sie täglich erarbeiten, wollen nicht länger zu Hause bleiben. „Wenn uns nicht das Virus tötet, tut es der Hunger“, kritisieren die Menschen.

So dürfen in Mexiko seit Montag die Bauwirtschaft, Teile der Automobilindustrie, der Bergbau und einzelne Lebensmittelproduzenten wie Brauereien die Arbeit wieder aufnehmen. In Brasilien lockert der Bundesstaat São Paulo die Restriktionen. Seit Montag öffnen nach und nach wieder die Büros, Geschäfte und Einkaufszentren. Auch Venezuela lässt langsam wieder erste wirtschaftliche Aktivitäten zu.

Vorschnelle Lockerungen können allerdings verheerende Auswirkungen haben. In Chile öffneten die Behörden in der Hauptstadt Santiago vorzeitig wieder Shoppingmalls, woraufhin die Infektionszahlen in der Gegend so dramatisch stiegen, dass sich zeitweilig alle 24 Sekunden ein Mensch ansteckte. Inzwischen gilt in der chilenischen Hauptstadt wieder eine strikte Ausgangssperre.

Keine Weltregion wird von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie so hart getroffen wie Lateinamerika. Die Volkswirtschaften werden in diesem Jahr um 5,3 Prozent schrumpfen, wie die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika berechnete. Das werde 29 Millionen Menschen in die Armut treiben.

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