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Südafrika

Giftpilze der besonderen Art

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In Südafrika installiert ein chinesischer Konzern massenhaft Überwachungskameras.

Sie schießen wie riesige Pilze aus dem Boden: Sechs Meter hohe Masten, an deren reifengroßen Hüten Kameras befestigt sind. Sie breiten sich derzeit über ganz Johannesburg aus: Ihr bevorzugtes Biotop scheinen Wohngebiete und Straßenkreuzungen zu sein. Schon heute sind Hunderte der Überwachungspilze über die südafrikanische Metropole verteilt: Bis Ende 2019 sollen sich hier 16 000 Kameras befinden. Ihr Installateur, die Firma Vumacam, verspricht der Bevölkerung, dass ihr die Überwachungsgeräte ein schon lange verloren gegangenes Gefühl der Sicherheit zurückbringen wird: In einem Testbezirk soll die Zahl der Verbrechen nach Installation der elektronischen Augen um 90 Prozent zurückgegangen sein.

Die Johannesburger seien wesentlich mehr um ihre Sicherheit als um den Schutz ihrer Privatsphäre besorgt, hieß es von der Stadtverantwortlichen. Tatsächlich ergab die Umfrage eines TV-Senders unter rund 7000 Stadtbewohnern, dass 86 Prozent der Befragten nichts gegen die Totalüberwachung einzuwenden hatten. Eine Gesetzesnovelle, die den Umgang mit persönlichen Daten regeln soll, hat es bislang nicht durchs Parlament geschafft.

Schließlich war es die Privatfirma Vumatel – der Mutterkonzern von Vumacam –, die auf die Idee mit den Pilzen gekommen war: Sie hatte bereits weite Teile der Stadt mit Glasfaserkabeln für den Internetzugang durchzogen und wollte ihre Investition noch weiter vermarkten. Sie fragte bei privaten Sicherheitsunternehmen an, ob diese die Verbindungen nicht auch für ihre Zwecke nutzen wollten: Vumatel werde die Masten mit Kameras aufstellen und den Firmen ein Video-Signal für umgerechnet 40 Euro im Monat zur Verfügung stellen.

Die kommerziellen Ordnungshüter ließen sich nicht zweimal fragen: Schließlich können sie die Kosten mühelos auf ihre Kunden abwälzen. Die hochauflösenden Bilder der Kameras werden von intelligenter Software analysiert: Sie macht es möglich, Nummernschilder abzugleichen und gestohlene oder aus anderen Gründen markierte Fahrzeuge zu identifizieren – bis zu 480 Autos pro Minute. Bald soll auch die elektronische Erkennung von Gesichtern möglich sein. Schlechte Zeiten für Verbrecher – aber auch für Personen, die nur zur falschen Zeit am falschen Ort sind.

Die Vumatel-Tochter Vumacam verspricht zu verhindern, dass die privaten Sicherheitsfirmen die Videos speichern können: Wenn die Sheriffs archivierte Bilder sehen wollen, müssen sie das mit einem von der Polizei genehmigten Ersuchen beantragen. Das soll ausschließen, dass die Sicherheitsfirmen die Daten noch zu anderen Zwecken als der unmittelbaren Überwachung verwenden.

Nicht bekannt ist, was Vumacam selbst mit den gespeicherten Videos noch plant. „Daten sind die neuen Goldminen“, sagtt Thami Nkosi von der Nichtregierungsorganisation Right2Know: Die Firma könne mit ihren archivierten Schätzen viel verdienen.

Und dabei ist der Datenmissbrauch seitens Vumacam nicht einmal die größte Gefahr, die das Heer der Pilze für die Bevölkerung darstellt. Die investigative Journalistin Heidi Swart ging in einer monatelangen Recherche den Tücken nach, die von dem Einsatz der in China hergestellten Kameras ausgehen – und kam dabei zu erschreckenden Schlüssen. Nicht nur, dass die Aufzeichnungsgeräte für Hacker fast mühelos zu knacken sind: China kann darüber auch seine Datenbanken anreichern, die es für die Erfassung von Gesichtern braucht – und damit die eigene Bevölkerung oder die ausländischer Staaten noch effektiver kontrollieren.

Swarts Erkenntnisse erinnern an die Debatte um den chinesischen Mobilfunkriesen Huawei. Der weltgrößte IT-Konzern gefährde selbst die Sicherheit von Industrienationen, heißt es in Washington und London: Weshalb die USA die Verwendung von Huawei-Technologie auf heimischem Boden untersagten. Die Schwachstelle der Pilze in Johannesburg sind die Video-Kameras der chinesischen Firma Hikvision, die bereits zur Überwachung der kritischen Bevölkerung in Tibet sowie in der von aufständischen Uigur-Muslimen bevölkerten Xinjiang-Provinz eingesetzt werden. Die Multimilliarden-Dollar-Firma wird von der chinesischen Regierung kontrolliert und beherrscht inzwischen weltweit den Markt der Überwachungskameras. Nach den Recherchen Swarts haben die Aufzeichnungsgeräte Hikvisions in Sachen Sicherheit einen „zweifelhaften Leumund“: Selbst unerfahrene Hacker könnten sich in Windeseile übers Internet Zugang zu ihren Bildern verschaffen. Offen sei die Frage, ob die Firma diese Möglichkeit absichtlich geschaffen habe. Jedenfalls wurden auch die Hikvision-Geräte in den USA inzwischen verboten.

Dass China an allen möglichen Informationen auch aus Afrika interessiert ist, zeigt ein Abhörskandal im Sitz der Afrikanischen Union (AU) in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba. Dort stellten Techniker im Januar 2017 fest, dass über fünf Jahre hinweg täglich zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens riesige Datenmengen aus dem von den Chinesen gebildeten Hauptquartier des Staatenbunds nach Shanghai übertragen wurden. Der Fall trug wesentlich zum Misstrauen gegenüber chinesischen IT-Firmen wie Huawei bei.

Welches Interesse China an den Johannesburger Bildern haben könnte, macht eine Vereinbarung deutlich, die Peking nach Informationen des US-Magazins „Foreign Policy“ 2018 mit Simbabwes Regierung traf. Demnach stelle der bankrotte südafrikanische Staat der chinesischen Technologie-Firma CloudWalk Videos seiner Bevölkerung zur Verfügung, damit diese ihre Programme zur Gesichtserkennung verbessern könne. Bisher habe CloudWalks Technologie daran gekrankt, dass sie nur bleiche Gesichter erkennen konnte. Als Regenbogenstaat bietet Südafrika die breiteste Palette verschiedenster Physiognomen – ein ideales Terrain zur Erprobung lückenloser Überwachung.

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