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Demonstranten in Khartum bedrängen das zunehmend desorientierte Militär der alten Eliten.

Machtkampf im Sudan

Sudans Militär zerbricht in Fraktionen

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Sudans Bevölkerung will weiter demonstrieren. Gleichzeitig versuchen die Generäle, ihre Pfründe zu retten.

Im Machtkampf zwischen Sudans Generälen und den Hunderttausenden von Demonstranten, die ihre Proteste vor dem Hauptquartier der Armee in Khartum auch am Wochenende fortsetzten, vermochte die Opposition wichtige Teilerfolge zu erzielen: Nachdem der Chef des Militärrats, Awad Ibn Auf, bereits am Freitagabend – nur einen Tag nach seiner Ernennung – dem weniger umstrittenen General Abdel Fattah al-Burhan seinen Platz überließ, legte am Samstag auch Geheimdienstchef Salah Abdalla (alias Salah Gosh) sein Amt nieder. Ihm werden unter anderem brutale Vergehen an Demonstranten zur Last gelegt. Sein Rücktritt ermöglichte es der Sudanesischen Berufsvereinigung SPA, die als wichtigster Organisator der Protestwelle gilt, ihre Verhandlungsführer für Gespräche mit den Streitkräften zu benennen: Ein erstes Treffen zwischen der „Allianz für Frieden und Wandel“ und dem Militärrat fand bereits am Samstag statt.

Schon zuvor hatten die Militärs deutlich konziliantere Töne angeschlagen. Im Fernsehen kündigte Al-Burhan die „Entwurzelung des Regimes“ des gestürzten Präsidenten Omar al-Baschir an, die „Umstrukturierung der staatlichen Organisationen“ sowie die Aufhebung der Ausgangssperre und Einhaltung der Menschenrechte. Der General befürwortete auch eine Zivilregierung – die allerdings unter der Aufsicht des Militärrats agieren soll.

Dagegen beharrt die SPA auf dem kompletten Rückzug der Armee aus der Politik und auf der strafrechtlichen Verfolgung von Mitgliedern des Al-Baschir-Regimes wegen Menschenrechtsverbrechen. Die Berufsvereinigung kündigte die Fortsetzung ihrer Proteste und einen Generalstreik an, „bis die Macht in vollem Umfang dem Volk übertragen“ werde. Im Militär halten die Differenzen unterdessen an. Dafür spricht auch die Berufung des Chefs der paramilitärischen Rapid Support Forces, Mohamed Hamdan (alias Hemeti) zum Vizechef des Militärrats, der wie Gosh als Hardliner gilt und während des Bürgerkriegs in Darfur zahlreiche Menschenrechtsverbrechen begangen haben soll. Hemetis Miliz wird auch für Übergriffe auf Demonstranten in den vergangenen vier Monaten verantwortlich gemacht. Gespräche zwischen SPA und Militärrat werden durch die Präsenz von Leuten wie Hemeti erheblich erschwert.

Der gewerkschaftsähnlichen Berufsvereinigung gehören vor allem Mittelständler – Ärzte, Lehrer und Anwälte – an, die vom wirtschaftlichen Zusammenbruch des Landes besonders hart getroffen wurden. Die Proteste begannen im Dezember, als die Regierung auf Anraten des Weltwährungsfonds die Subventionen für Benzin und Grundnahrungsmittel kürzte. Die Abspaltung des Südsudans vor acht Jahren brachte Khartum um einen Großteil seiner Erdöleinnahmen. Dem Devisenmangel wurde begegnet mit einer rigorosen Sparpolitik und der Verpachtung großer Agrarflächen an Investoren vornehmlich aus den Golfstaaten. Gleichzeitig galt es, den aufgeblähten Sicherheitsapparat weiter zu finanzieren: Mehr als die Hälfte des Staatsetats geht dafür drauf.

Al-Baschir verstand es in den 30 Jahren seiner Herrschaft, die verschiedenen Teile des Sicherheitsapparates gegeneinander auszuspielen und so seine Macht zu sichern. Doch nun treten die Spannungen unter den Heerführern offen zutage: Beobachter schließen noch immer nicht aus, dass Hardliner wieder die Oberhand gewinnen und den Aufstand der Bevölkerung gewaltsam unterdrücken.

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