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Die Berliner Initiative „Sudan Uprising Germany“ wirft Militärkadern Kriegsverbrechen und der EU Zusammenarbeit mit den alten Kräften vor.
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Die Berliner Initiative „Sudan Uprising Germany“ wirft Militärkadern Kriegsverbrechen und der EU Zusammenarbeit mit den alten Kräften vor.

Afrika

Sudans Militär wird mächtiger

  • Fabian Scheuermann
    vonFabian Scheuermann
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Die Kampagne „End Janjaweed“ wirft der EU Zusammenarbeit mit kriminellen Milizen im Sudan vor. Eine Aktivistin, die anonym bleiben will, gibt Auskunft.

Keine Gnade für die Verbrecher“ skandierten die Menschen im Frühsommer 2019 im Zentrum der sudanesischen Hauptstadt Khartum, als der damalige Präsident und Diktator Omar al-Baschir nach monatelangen Massenprotesten im Land schließlich vom Militär aus dem Amt geputscht wurde. Al-Baschir muss sich nun zwar vor Gericht für seine Taten verantworten und es konnten seit 2019 im Land echte Fortschritte in Richtung Demokratisierung erzielt werden. Doch etablierte Militärkader sitzen weiterhin in wichtigen Positionen. Die Berliner Initiative „Sudan Uprising Germany“ wirft ihnen Kriegsverbrechen vor und der EU Zusammenarbeit mit den alten Kräften vor. Um diese Zusammenhänge bekannter zu machen, haben die Aktivist:innen jetzt die Kampagne „End Janjaweed“ gegründet.

Frau M., Sie haben mit anderen Aktiven von „Sudan Uprising Germany“ gerade die Kampagne „End Janjaweed“ gegründet. Es geht Ihnen dabei um die Dschandschawid-Milizen, die in der Region Darfur an Kriegsverbrechen beteiligt waren. Hunderttausende Menschen wurden dort allein zwischen 2003 und 2012 umgebracht. Warum kommt die Kampagne jetzt, wo sich der Sudan demokratisiert?

Wir wollen von Deutschland aus die Revolution im Sudan unterstützen, die Ende 2018 begonnen hat und andauert. Die Milizen heißen zwar nicht mehr „Dschandschawid“ (in englischer Schreibweise Janjaweed), aber das heißt nicht, dass sie verschwunden wären. Im Gegenteil. Die Milizen heißen jetzt „Rapid Support Forces“ (RSF) und ihre Macht wird von Tag zu Tag größer. Ihr Kommandeur, Mohammed Hamdan Daglo – alias Hemedti – ist de facto der zweite Mann im Staat. Er ist einer der reichsten Menschen im Sudan und inszeniert sich sehr professionell in den Sozialen Medien. Um die Wirtschaft im Sudan steht es trotz Aufhebung der Sanktionen nicht gut und Daglo spielt sich als Retter in der Not auf. Seine Macht wächst.

INITIATIVE:

Die Kampagne „End Janjaweed“ der Initiative „Sudan Uprising Germany“ wird unterstützt von der Bewegungsstiftung und von Medico International. sudanuprising.com/endjanjaweed.

Mehr als 6000 Menschen mit sudanesischen Wurzeln leben in Deutschland. Genauere Zahlen hat das Statistische Bundesamt nicht, da Sudan und Südsudan bis 2019 nicht immer separat als Herkunftsländer geführt wurden. (fab)

Den RSF wird auch vorgeworfen, am 3. Juni vergangenen Jahres ein Massaker unter Demonstrierenden in Khartum verübt zu haben. Mehr als 100 Menschen kamen dabei zu Tode.

Ja, genau. Und wir wollen mit der Kampagne daran erinnern, wer die RSF sind. Wir können zwar nicht die Politik im Sudan beeinflussen, aber die Diskurse in Deutschland und Europa vielleicht schon.

Die Not der Flüchtlinge aus Darfur.

Der EU werfen Sie Zusammenarbeit mit Hemedtis Milizen vor, weil im Rahmen des „Better Migration Management“-Programms der EU und in Form des regionalen Operationszentrums Khartum viele Millionen Euro zur Kontrolle der Migration – manche Leute sagen: Beschränkung – in das Land fließen. Diese Programme wurden zu Beginn der Revolution kurzzeitig pausiert, sind nach FR-Informationen aber schon lange wieder angelaufen.

Genau. Viele Menschen aus Ost- und Zentralafrika, die nach Europa wollen, müssen den Sudan durchqueren. Und das will die EU verhindern. Dabei ist es kein Geheimnis, dass es ausgerechnet Hemedtis „Rapid Support Forces“ sind, die die sudanesischen Grenzen kontrollieren. Jene Milizen also, die Al-Baschir in den 2000ern aus arabischstämmigen Nomadenvölkern rekrutierte, mit Waffen ausstattete und ideologisierte und die dann in mehrere Regionen des Sudan entsandt wurden, um dort Terror und Schrecken zu verbreiten. Der Völkermord in Darfur ist vielen Leuten heute noch ein Begriff. Das ist im Sudan aber ein total sensibles Thema, weil die RSF-Milizen wirklich viel Macht haben. In Jahrzehnten der Diktatur wurde ein krasser Geheimdienst aufgebaut und diese Strukturen existieren natürlich weiter. Es ist immer noch gefährlich, dort über die Rolle der RSF zu reden.

LANDESKUNDE:

Die Geschichte des Sudan beginnt als „Königreich Kush“ um 1070 vor Christi Geburt. Zu Beginn des Mittelalters war der Nachfolgestaat Nubien christlich geprägt. Im Hochmittelalter erfolgte dann die Islamisierung.

Der moderne Sudan entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als ägyptische Truppen das Land beherrschten, die dann von Islamisten vertrieben wurden. Diese wurden schließlich von britischen Expeditionstruppen geschlagen. Fortan wurde der Sudan (inklusive des heutigen Südsudan) offiziell als ägyptische, tatsächlich aber als britische Kolonie geführt.

1956 erlangte der Sudan seine Unabhängigkeit durch einen Militärputsch. Die von Großbritannien finanzierte Zivilregierung ließ sich durch die ägyptische Revolution von 1952 nicht länger aufrechterhalten. Dem ersten Putsch folgte sogleich ein zweiter. Seitdem wechselten militärische Staatsstreiche und Bürgerkriege vor allem im Süden des Landes einander ab. (rut)

Die Europäische Kommission betont gegenüber der FR, dass zwar die sudanesische Polizei und das Innenministerium bei der Kontrolle der Migration im Sudan unterstützt werden, dass die RSF als Teil des Militärs aber kein Geld aus den besagten EU-Programmen erhalte.

Klar: Die EU wird Hemedti das Geld nicht direkt in die Hand drücken. Aber sie gibt das Geld an einen Staat, dessen Übergangsregierung von der EU zwar hoch gelobt wird, in dem das Militär – und somit auch die RSF – aber immer noch das Sagen hat. Es existieren Videoaufnahmen von einer Rede Hemedtis, in der er sagt, dass ihm die EU dafür danken solle, dass seine Soldaten die Grenzen überwachen und die Migranten davon abhalten, Europa zu erreichen. Das muss kritisiert werden. Ebenso muss kritisiert werden, dass zum Beispiel das Land Niedersachsen Anfang des Jahres eine Regelung aufgehoben hat, die besagte, dass nur in Ausnahmefällen Menschen in den Sudan abgeschoben werden dürfen.

Wie geht es mit Ihrer Kampagne nun weiter?

Ursprünglich wollten wir in Berlin eine Reihe von Demonstrationen organisieren – etwa vor dem Auswärtigen Amt und vor dem Ministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Aber das geht nun wegen Corona nicht so richtig. Wir konzentrieren uns deshalb jetzt erst einmal auf digitale Inhalte. Unsere Webseite ist gerade an den Start gegangen und wir planen, dort regelmäßig Berichte über die Lage im Sudan zu veröffentlichen. Erst auf Englisch, bald auch auf Deutsch und Arabisch. Wir wollen von hier aus unseren Teil zur positiven Entwicklung im Sudan beitragen.

Interview: Fabian Scheuermann

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