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Sudan schlittert in die nächste Krise

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Proteste gegen die Militärregierung in Khartum.
Proteste gegen die Militärregierung in Khartum. © AFP

Die blutigen Zusammenstöße im Darfur erinnern an den vergangenen Bürgerkrieg

Der Konflikt in den Darfur-Provinzen, der während der inzwischen gescheiterten Demokratisierung des Sudans weitgehend beigelegt war, flammt wieder auf. Am Wochenende gab es in Kereneik in der Provinz West-Darfur blutige Zusammenstöße zwischen arabischen Reiter-Milizen und bewaffneten Kämpfern der afrikanischen Bevölkerungsgruppe der Massalit: Sie sollen mindestens 168 Tote und 98 Verletzte gefordert haben. Am Montag griff die Gewalt auch auf die Provinzhauptstadt El Geneina über: Dort wurde auch ein von den Ärzten ohne Grenzen unterstütztes Krankenhaus überfallen. In der Notaufnahme der Klinik sei es zu einer Schießerei gekommen, teilte die Hilfsorganisation mit: Ein Mitarbeiter des Hospitals sei dabei ums Leben gekommen.

Die Eskalation soll von einem Streit zwischen Angehörigen der Massalit und arabischen Nomaden ausgelöst worden sein: Letzteren warfen die afrikanischen Farmer Viehdiebstahl vor und töteten zwei der Reiter-Nomaden. Die Rache fiel äußerst blutig aus: Die Dschandschawid genannten Reiter-Milizionäre griffen mehrere Massalit-Siedlungen an und töteten Dutzende von Dorfbewohner:innen. Die Vorfälle erinnern an das Jahr 2003, als in den Darfur-Provinzen ein Bürgerkrieg zwischen den arabisch- und afrikanisch-stämmigen Bevölkerungsteilen ausbrach. Bei dem Konflikt ging es vor allem um den Zugang zu Ressourcen in der trockener werdenden Sahelzone – zu Wasserquellen und Weideflächen.

Konflikte im Sudan: UN zog Blauhelme ab

Den von der Regierung in Khartum unterstützten Reitermilizen wurde damals vorgeworfen, im Darfur einen Völkermord zu begehen: Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag klagte den sudanesischen Präsidenten Omar al-Baschir im Jahr 2010 des Völkermords an. Nach UN-Angaben kamen bei dem Bürgerkrieg mehr als 300 000 Menschen ums Leben, rund 2,5 Millionen verloren ihr Zuhause. Nach der Revolution in Khartum, die vor drei Jahren zur Inhaftierung al-Baschirs führte, verminderten sich die Spannungen in den Darfur-Provinzen zunächst.

Die UN zog Mitte des vergangenen Jahres die letzten Blauhelme ihrer dortigen Mission ab. Darfurs Rebellengruppen hatten mit der sudanesischen Übergangsregierung einen Friedensvertrag in Juba, der Hauptstadt des Südsudans, unterzeichnet: Überraschenderweise kam dieser nicht zuletzt auf Betreiben des einstigen „Dschandschawid“-Kommandanten Mohamed Hamdan Dagalo (alias Hemeti) zustande.

Hemeti galt als einer der engsten Verbündeten al-Baschirs, wandte sich aber während der Revolution von seinem Gönner ab. Er hatte es mit der illegalen Ausbeutung von Goldvorkommen in den Darfur-Provinzen zu beachtlichem Reichtum gebracht, mit dem er die stärkste Privatarmee des Landes aufbaute: die berüchtigte, fast 100 000 Mann starke Rapid Support Force (RSF). Die stellte Hemeti gegen Bezahlung wiederholt auch ausländischen Mächten zur Verfügung:

Konflikte im Sudan: Hunger-Aufstände befürchtet

Nach dem Fall al-Baschirs stieg Hemeti zum zweitmächtigsten Mann der Militärs auf: Ihm werden Ambitionen nachgesagt, Putschisten-General Abdel Fattah al-Burhan aus dem Amt zu drängen. Mit der Unterzeichnung des Friedensvertrags in Juba war es Hemeti gelungen, seine einstigen Todfeinde, die afrikanischen Rebellenbewegungen im Darfur, auf seine Seite zu bringen: Sie fürchteten, auch von einer demokratisch gewählten Regierung in der Hauptstadt Khartum marginalisiert zu werden.

Sie befürworteten sogar den Coup, mit dem das Militär im vergangenen Oktober den demokratischen Übergang im Sudan beendete. Diese Entscheidung werden die Rebellen inzwischen bereuen: Denn der Sudan schlittert seitdem immer tiefer in eine politische, diplomatische und wirtschaftliche Krise, die nach Auffassung von Fachleuten zu Hunger-Aufständen führen werden. Was sich derzeit im Darfur abspielt, könnte ihr Anfang sein.

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