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Das „Wihda Cinema“ in Khartum stammt aus einer Zeit, als die sudanesische Filmbranche führend in Afrika war.

Kinokultur

Sudans Mullahs fürchten die Macht der Bilder

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In der Revolution im Sudan lebt das lange Zeit verfemte Kino plötzlich wieder auf. 

Vor dem Ticketschalter des „Star“-Kinos in Khartums Einkaufszentrum Afraa haben sich zwei nach Geschlechtern getrennte Schlangen gebildet – wie überall, wo Sudanesen anstehen müssen: am Taxistand, vor dem Geldautomaten, bei Sicherheitskontrollen. Nachdem sie ihre Eintrittskarte erhalten haben, finden die Pärchen im Kinosaal wieder zusammen. Allerdings wird das Licht selbst während des Hauptfilms nicht ganz gelöscht. Zudem geht ein Sittenwärter auf und ab, um Zuschauer bei unziemlichem Verhalten zur Raison rufen zu können. Küsse mit offenen Mündern seien nicht geduldet, erklärt Filmvorführer Mohamed Abd al-Karim: „Wer das nicht akzeptiert, fliegt raus.“

Die Gefahr, dass ein Pärchen solche Grenzen überschreitet, ist gering. Filme mit zu viel unbedeckter Haut oder gar Liebeszenen schaffen es ohnehin nicht an den Zensoren vorbei.

Im „Star“-Kino läuft heute „Mortal Engines“, ein mediokrer apokalyptischer Thriller. Das „Star“ zeigt nur Blockbuster aus Hollywood und Schnulzen aus dem Nachbarland Ägypten. „Für alles andere gibt es hier keinen Markt“, erklärt der 28 Jahre Filmvorführer.

Politisches und Sexuelles fällt unter die Kino-Zensur

Einst gab es im Sudan mehr als 65 Kinos – heute ist das „Star“ das einzige in dem 40 Millionen Einwohner zählenden Land. Als durch Omar al-Baschirs Militärputsch vor 30 Jahren auch die islamistischen Muslimbrüder an die Macht kamen, war es mit der cineastischen Unterhaltung in dem nordostafrikanischen Staat vorbei. Muslimische Fundamentalisten haben schon grundsätzlich etwas gegen Bilder. Und wenn sie auch noch im sinnlichem Kontext bei Dunkelheit gezeigt werden, hört der Spaß endgültig auf.

Fünfzehn Jahre lang gab es in der ersten „Islamischen Republik“ auf afrikanischem Boden überhaupt keine Kinos mehr. Erst 2004 durfte das „Star“ seinen Betrieb aufnehmen. Abends, vor allem an Feiertagen, sei der Saal mit seinen rund 200 Sitzplätzen für gewöhnlich ausgebucht, berichtet Filmvorführer Abd al-Karim. Es kämen Freundesgruppen, Pärchen oder ganze Familien.

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Nicht nur Sexuelles fällt unter die Kino-Zensur. Genauso wenig akzeptieren die Film-Prüfer des Geheimdienstes NISS politische Aussagen, die nicht den herrschenden Auffassungen, das heißt den Auffassungen der Herrschenden entsprechen. Werde in einem Streifen ein Protagonist gefeiert, der gegen eine unterdrückerische Staatsmacht ankämpft, würden die Kontrolleure abwinken, erzählt Abd al-Karim. Und nennt als Beispiel den ägyptischen Film „Hassan und Morcos“, der religiöse Eiferer bloß stellt und muslimisch-christliche Versöhnung preist. Liberales Gedankengut verschafft sich im politisch aufgewühlten Sudan zunehmend Gehör.

Tag für Tag versammeln sich auf der Straße vor dem Hauptquartier der Streitkräfte in Khartum Hunderttausende Demonstranten. Sie haben bereits die Absetzung al-Baschirs erzwungen und fordern die Rückkehr zur Demokratie, ein Ende der Islamistenherrschaft und die Säkularisierung des Landes. Frauen legen ihre Schleier ab und ziehen Hosen an. Dafür wären sie noch vor wenigen Jahren mit Geldbußen oder gar Stockschlägen bestraft worden.

Noch immer aber ist der seit Wochen anhaltende Machtkampf zwischen den Aufständischen und den Militärs nicht entschieden. Die Generäle wollen weder auf die Macht noch auf das islamische Recht, die Scharia, verzichten.

Kordofani musste seine Filme im Geheimen drehen

Um die Revolutionäre bei Laune zu halten, organisieren die Initiatoren des Sit-ins vor dem Hauptquartier der Streitkräfte Abend für Abend auch Kulturprogramme. Dieses Mal soll nach dem Auftritt einer Volksliedgruppe ein Kurzfilm von Mohamed Kordofani gezeigt werden. Vor dem großen Bildschirm auf dem Lastwagen haben sich Tausende niedergelassen. Der zwölfminütige Film handelt von einem Folterknecht, der einen politischen Häftling misshandelt. Wie sich schließlich herausstellt, handelt es sich bei Täter und Opfer um dieselbe Person. Derselbe Mensch kann sowohl Folterer wie Gefolterter werden, will Kardofani sagen, es ist der Kontext, auf den es ankommt.

Mit seiner Idee hätte der Filmemacher zu keinem günstigeren Zeitpunkt kommen können. Denn „Kejers Gefängnis“ wirkt der Verteufelung des politischen Gegners entgegen und öffnet so den Raum für einen Neuanfang. Als der Film endet, rufen die Zuschauer: „Werft eure Ketten ab! Freiheit! Freiheit! Freiheit!“ Regisseur Kardofani kriegt Gänsehaut: „Jetzt weiß ich, dass wir gewonnen haben.“

Filme begann der Flugzeugingenieur Kardofani erst nach seiner Heirat zu drehen. Seine Schwiegermutter war betrübt, weil sie im Hochzeits-Video nicht oft genug vorgekommen war. Kurzerhand arbeitete sich der Ingenieur in Filmtechnik ein und unterzog die Familiendoku einer Postproduktion.

Seitdem produziert Kordofani einen Kurzfilm nach dem anderen. Alle seine Filme musste er im Geheimen drehen. Für seine sozialkritischen Themen hätte der Hobby-Regisseur von der staatlichen Filmbehörde niemals eine Drehgenehmigung erhalten. Sein Kurzfilm „Nyrkuk“, der die kriminelle Karriere eines Kriegswaisenkindes beschreibt, wurde im vergangenen Jahr auf dem Khartumer Filmfestival als bester Film des Jahres ausgezeichnet.

Ja, auch das gibt es bereits in der Islamisten-Hochburg: ein Filmfestival. Der in Hamburg geborene Cineast Talal Afifi hatte es vor neun Jahren ins Leben gerufen und zunächst drei Jahre lang im Schoß des Khartumer Goethe-Instituts aufgepäppelt. Danach zog die Sudanesische Film-Fabrik in ihr eigenes Gebäude um, eine vom Philanthropen George Soros gesponserte Villa mit einer gemauerten Leinwand im Garten.

Was von der Filmkultur Sudans übrig geblieben ist, passt in einen Lagerraum in Khartum

Hier werden die jährlichen Festivals organisiert, Workshops, Koproduktionen und Meisterkurse angeboten. Der Umgang mit der staatlichen Kulturbehörde sei wie „ein Tanz mit Wölfen“ gewesen, erzählt der 43 Jahre alte Afifi. Einerseits hätten die Kulturfunktionäre das Filmzentrum gerne als Aushängeschild genutzt, es andererseits ständig bei der Arbeit behindert. Das könne nur besser werden.

In den 1970er und 1980er Jahren blühte die Filmkultur im Sudan. Kein internationales Festival, auf dem nicht auch sudanesische Produktionen gezeigt worden wären. Was davon übrig blieb, findet in einem Lagerraum in Khartums Innenstadt Platz. Im staatlichen Film-Archiv, einst das größte des Kontinents, lagern in Blechbüchsen rund 13 000 Filmrollen. Viele drohen wegen der Hitze zu zerbröseln. Was sich noch retten lässt, will Filmemacher Suhaib Gasmelbari jetzt digitalisieren lassen.

Der in Paris lebende Sudanese wurde auf der diesjährigen Berlinale mit dem „Panorama Zuschauerpreis“ ausgezeichnet. Sein nach einem Brecht-Gedicht „Gespräch über Bäume“ betitelter Dokumentarfilm dreht sich um vier ältere Cineasten, die noch unter islamistischer Herrschaft in Omdurman, der Zwillingsstadt Khartums auf der anderen Seite des Nils, ein Kino wiedereröffnen wollen.

Als wir von dem verlassenen „Wihda Cinema“ in Khartums Stadtteil Kobar (wo Ex-Präsident al-Baschir im Gefängnis sitzt) ein Foto machen wollen, kommt ein weißhaariger Mann herbeigeeilt. Mohamed Adam will nicht etwa Fotografieren verbieten, sondern hofft, endlich einen Käufer für das Lichtspielhaus gefunden zu haben. Vor 42 Jahren hatte Mohamed als Filmvorführer im „Wihda Cinema“ begonnen. Doch unter dem Druck der Mullahs ging das Kino pleite. Seit Jahren suchen seine Eigentümer einen Käufer.

Dass Mohamed mehr Glück haben könnte als die vier im preisgekrönten Film beschriebenen Cineasten ist wohl eher unwahrscheinlich. Alleine schon, weil das „Wihda Cinema“ – wie die meisten Lichtspielhäuser aus der Kolonialzeit – kein Dach hat.

Open-Air-Kinos sind bereits aus wirtschaftlichen Gründen problematisch, erklärt Afifi. Schließlich kann man sie nur einmal am Tag bei Dunkelheit und nicht dreimal täglich bespielen. Sobald das mit der Revolution gut gegangen ist, will Afifi sich selbst um die Eröffnung eines neuen Kinos kümmern. Aber sein Lichtspielhaus wird mit einem Ticketschalter auskommen. Dass sich die Sudanesen noch lange in zwei getrennten Schlangen aufstellen werden, ist kaum zu erwarten.

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