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Ein ziviler und militärischer Übergangsrat soll über die Zukunft Sudans befinden.

Mohamed Hamdan Dagalo

Der Milizenchef, der im Sudan die Fäden zieht

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In Khartum gewinnt Mohamed Hamdan Dagalo an Macht. 

Wie von geheimer Hand gesteuert leert sich die Othman-Digna-Allee im Herzen der sudanesischen Hauptstadt Khartum am Morgen vom Verkehr. Dann rast ein in Tarnfarben angestrichener Pickup mit einem auf der Ladefläche montierten Maschinengewehr und einem Dutzend Uniformierter heran, drei ähnliche Fahrzeuge folgen, dann drei schwarze Limousinen und schließlich erneut vier Pritschenwagen. Der martialische Konvoi rast mit hundert Sachen durch die Allee: Hier wird zweifellos ein VIP, wenn nicht sogar ein VVIP, befördert. „Hemiti“, flüstert ein Passant.

Selbst im revolutionären Khartum wird der Name Mohamed Hamdan Dagalo, alias Hemiti, noch immer halb ehrfürchtig, halb ängstlich ausgesprochen: Der 45-Jährige befehligt die zahllosen schwer bewaffneten Pritschenwagen, die bei dem seit Wochen dauernden Volksaufstand an sämtlich strategisch wichtigen Stellen der Stadt aufgestellt sind. Der einstige Kommandeur der arabischen „Janjaweed“-Kämpfer hat sich im Bürgerkrieg in den Darfur-Provinzen den Ruf eines kompromisslosen Befehlshabers erworben: Seine Milizionäre sollen mit unbeschreiblicher Härte gegen die Feinde des damaligen Präsidenten Omar al-Baschir vorgegangen sein. Trotzdem gilt Hemiti auch nach der Entmachtung seines Bosses als einer der stärksten Männer des Landes: Selbst die oppositionelle „Sudanesische Berufsorganisation“ (SPA) hat bislang nicht seine Ablösung gefordert. „Wir brauchen ihn“, sagt Soziologieprofessor Mohamed al-Mustafa, der zum Verhandlungsteam der SPA gehört.

Hemiti war vor zwei Wochen überraschend in den „Übergangsrat“ der Militärs berufen worden, der nach dem Willen der Generäle in den kommenden zwei Jahren über die Geschicke des Landes entscheiden soll. Obwohl kein regulärer Offizier, wurde Hemiti sogar zum Vize-Chef des Militärrats berufen. Sein neues Amt verdankt er nicht zuletzt der Tatsache, dass er seine Truppe, die paramilitärische „Rapid Support Forces“ (RSF), bereits zu Beginn der Proteste angewiesen hatte, nicht auf Demonstranten zu schießen: Damit war er seinem Mentor Al-Baschir in den Rücken gefallen. Was ihn zu dem riskanten Schritt veranlasst hatte, ist umstritten: Manche sehen ihn als Überzeugungstäter, andere als machthungrigen Opportunisten, der sein Fähnlein rechtzeitig neu auszurichten wusste.

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Für Letzteres spricht seine erste Tat nach der Ernennung zum Vizechef des Militärrats: Er zog unversehens ins Büro des einstigen Vizepräsidenten des Staates ein, und rief sogleich die Botschafter der wichtigsten ausländischen Mächte zu sich. Die Gesandten ließen sich nicht lange bitten: Unter anderen machten ihm die Emissäre der EU und USA ihre Aufwartung. Sie sehen in Hemiti den Mann, der in dem labilen Land für Ordnung sorgen kann: Wie die RSF-Milizionäre Khartum kontrollierten, sei schon beeindruckend, sagt ein Botschafter im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. Schließlich gehörte der Milizenführer auch nicht der in Verruf geratenen räuberischen Hauptstadtclique um Präsident Al-Baschir an: Er hat sein Geld mit halbseidenen Goldexporten aus den Darfur-Provinzen gemacht.

Für Europas Gesandte ist Hemiti noch aus anderem Grund bedeutend. Seine Truppe ist unter anderem für die Sicherung der Grenzen verantwortlich, die Eritreern und Äthiopiern illegal überqueren: Sie versuchen in Libyen oder Ägypten ans Mittelmeer zu kommen. Im „Khartum-Prozess“ verständigten sich die EU-Staaten mit den Ländern der Region auf eine Regulierung der Migration: eine Aufgabe, die Hemiti leidenschaftlich übernahm. Innerhalb eines Jahres hatten seine Kämpfer neun professionelle Schieber und mehr als 800 Migranten festgenommen, selbst jedoch 25 Milizionäre und 151 Fahrzeuge im Kampf gegen die Menschenhändler verloren. Der RSF-Chef forderte daraufhin mehr Geld von der EU: Mit einigen Millionen Euro werde er das Migrationsproblem der Europäer lösen, prahlte er in einem ARD-Interview. Aus Brüssel sei bisher kein einziger Euro in Hemitis Taschen geflossen, versichern Diplomaten.

Ohnehin setzt der Milizenchef seinen Triumphzug jetzt auf höherer Ebene fort. Unter seinem Vizevorsitz verständigten sich Militärs und Opposition am Wochenende auf die Bildung eines gemischten zivilen und militärischen Übergangsrats: Umstritten ist nur noch die Zahl der jeweiligen Sitze.

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