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Maschinengewehr und Friedenstauben: Bild an einer Hauswand im Sudan. 

Sudan 

Sudan: Das Land der Paradoxe

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Das nordostafrikanische Land ist sehr komplex. 

Es fängt schon mit dem Namen an. Und eventuell mit der Außenwahrnehmung des Sudan. Generell wird das nordostafrikanische Land als ein arabisches gesehen. Das liegt an den, seit jeher die politischen Geschicke dominierenden „Arabern“ im Norden. Die „Schwarzen“ im Süden hatten in der Geschichte des Sudan stets das Nachsehen – zumindest bis zur Unabhängigkeit des Südsudan 2011 (der seitdem seinen jahrzehntelangen Befreiungskrieg durch einen grotesken Bürgerkrieg ersetzt hat). Das ansonsten unmögliche Wort „Schwarze“ ist im Fall des Sudan allerdings zwingend richtig und darüberhinaus eines seiner grundlegenden Probleme: „Sudan“ bezeichnet klassischerweise Schwarzafrika südlich der Sahara, vom Atlantik bis zum Roten Meer.

Es entlehnt sich der geografisch höchst vagen Zuordnung „Bilad as-Sudan“ durch die muslimischen Eroberer. Übersetzt heißt das: „Land der Schwarzen“. Während vornehmlich Frankreich seinerzeit verlässlich martialische „Sudanesen“ gerne als Kolonialsoldaten rekrutierte (bevor sie alle zu „Senegalesen“ umdeklariert wurden), galt „Sudanese“ – „Schwarzer“ im Sinne von „schwarzer Sklave“ – ausgerechnet im Sudan lange als Schimpfwort. Wer nicht arabischer Herkunft war, wer nicht dem Islam folgte, wer gar Christ oder Anhänger traditioneller Glaubensvorstellungen war und aus dem Süden kam, der war „Sudanese“. 

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Die Oberklasse dagegen wollte so „arabisch“ wie nur irgend möglich sein, nahe an den Religionsstiftern von der benachbarten Halbinsel, nahe an den islamisierten Nachkommen der alten Ägypter, die mal als Pharaonen den Sudan beherrscht hatten – außer wenn Kriegsfürsten aus dem Sudan als Pharaonen über Ägypten herrschten. Die nie aufgelöste widersprüchliche Haltung zur eigenen Vergangenheit und Herkunft von Omdurman (wo sich die Quellflüsse Blauer und Weißer Nil vereinen) nordwärts über Khartum bis nach Ägypten markiert auch praktisch jeden anderen Konflikt: Von den Briten bis 1953 als Kolonie beherrscht, aber gleichzeitig von Ägyptern verwaltet – seit 66 Jahren ist die territoriale Zugehörigkeit des ägyptisch besetzten Hala’ib-Dreiecks im äußersten Norden ein Streitpunkt zwischen Kairo und Khartum. 

Seit den 70er Jahren bevorzugen die – meist herbeigeputschten – sudanesischen Regierungen Pogrome durch Milizen strukturell schwächerer Bevölkerungsgruppen, um andere Regionen für Großprojekte zu entvölkern, sei es Bewässerung durch Nilkanäle oder die Erschließung der Ölfelder im Melut-Becken im Süden des Sudan. Der seit Jahren schwelende Darfur-Konflikt bedient sich der gleichen Methodik: Von der Versteppung bedrohte „arabisch e“ Reiter-Nomaden werden als „Dschandschawid“-Milizen gegen die muslimische, aber schwarzafrikanische Bevölkerung in Darfur gejagt. 

Der Ölreichtum im Süden brachte eine Mittelschicht hervor, gut ausgebildet, moderner, laizistischer und demokratischer eingestellt als ihre Altvorderen. Diese Schicht hat durch den Verlust der Ölförderung an den Südsudan und durch US-Sanktionen wegen der Nähe des Al-Baschir-Regimes zu den Islamisten der Al-Kaida am meisten verloren. Sie sieht allein in einer pluralistischen Gesellschaft ihr Heil. Darin ist sie die einzige konsequent handelnde Kraft im Sudan. 

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