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Die Wirtschaft des Sudan leidet unter dem Patronagesystem.

Sudan

Ein Land lebt auf Pump

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Ohne eine Abkehr vom Patronagesystem kommt die Wirtschaft des Sudan nicht auf die Beine.

Selbst seine Gegner waren von Omar al-Baschirs Geschick bei der Zementierung seiner Macht beeindruckt: Fast 30 Jahre lang vermochte sich der sudanesische Präsident im Amt zu halten – in einem Land voller ethnischer Spannungen, politischer Lager und Zerwürfnissen. Dem 1989 selbst durch einen Putsch an die Macht gekommenen Offizier gelang dies, indem er Armee, Geheimdienst und paramilitärische Milizen ständig gegeneinander ausspielte, um kein zweites Machtzentrum aufkommen zu lassen – und indem er ein wirtschaftliches Netzwerk von Günstlingen knüpfte, die ihren Reichtum seinem politischen Einfluss verdankten.

Beides erforderte viel Geld. Das Budget für die Sicherheitskräfte nahm mehr als die Hälfte des Staatsetats ein, und im Netz der Patronage blieben Milliarden an unproduktiven Schmiergeldern hängen. Beides konnte sich der Erdöl-Staat in den fetten Boom-Jahren zu Beginn dieses Millenniums leisten. Doch mit der Weltwirtschaftskrise 2008 und der Abspaltung des rohstoffreichen Südsudans drei Jahre später waren die Goldgräberzeiten schlagartig vorbei. Dem Norden des einst größten afrikanischen Landes gingen 70 Prozent seiner Exporterlöse verloren – ein Aderlass, von dem sich der islamische Staat bis heute nicht erholt hat. Dass es überhaupt zu der Sezession kam, geht ebenfalls auf das Konto al-Baschirs. Dessen islamistische Politik entfremdete den christlichen Süden endgültig vom muslimischen Norden.

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Seitdem lebt Khartum vor allem auf Pump. Inzwischen steckt das Land mit 50 Milliarden US-Dollar in der Kreide, rund 150 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Das während des Erdölbooms hoch bewertete sudanesische Pfund sackte inzwischen in den Keller, was die nötigen Treibstoff- und Nahrungsmittelimporte immer teurer macht. Mitten in der Misere sah sich die Regierung Ende des vergangenen Jahres gezwungen, die Subventionen für Benzin und Getreide zu kürzen: Angesichts einer Verdreifachung des Brotpreises und einer durchschnittlichen Verteuerungsrate von 80 Prozent waren die Sudanesen mit ihrer Geduld endgültig am Ende. Dagegen konnte alles taktische Geschick des Patronage-Königs nichts mehr ausrichten.

Die Sudanesen aus der wirtschaftlichen Misere heraus zu manövrieren, bleibt einer neuen Regierung überlassen, die es noch nicht einmal gibt. Die Generäle, die zumindest für weitere zwei Jahre das Sagen haben wollen, wandten sich bereits Hände ringend an die arabischen Ölscheichs. Deren Zuwendungen werden die Schuldenlast jedoch nur noch weiter vergrößern. Ohne eine radikale Demontage des Patronage-Systems wird die Wirtschaft des Landes niemals in produktive Gänge kommen, sagen Analysten. Dem Sudan stehen die größten Schmerzen erst noch bevor.

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