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Sudan: Im Zangengriff von Hunger und Diktatur

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Von: Johannes Dieterich

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Woche für Woche protestieren Tausende Menschen in den Straßen Khartums. afp
Woche für Woche protestieren Tausende Menschen in den Straßen Khartums. © afp

In der Hauptstadt Khartum gehen die Menschen hartnäckig gegen die Putschgeneräle auf die Straße, obwohl ihnen Gefängnis oder Tod drohen. Das Ausland interessiert der Protest nicht.

Khartum – Die meisten Menschenleben wird der Ukraine-Krieg vermutlich nicht auf den Schlachtfeldern des Donbass oder in den mit Raketen beschossenen Städten des osteuropäischen Landes fordern, sondern Tausende Kilometer weit entfernt in Afrika. Nach Angaben des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) hat Wladimir Putins Krieg bereits mehr als 30 Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner zusätzlich in den Hunger getrieben – über die rund 300 Millionen hinaus, die schon vor dem Krieg (auch infolge der Corona-Pandemie) nicht genug zu essen hatten.

In Somalia sterben schon heute Menschen, die ohne Ukraine-Krieg nicht hätten sterben müssen. Zwar löste eine hartnäckige Dürre die Hungersnot aus. Doch einer ähnlichen Krise vor fünf Jahren wussten die internationalen Hilfsorganisationen wesentlich besser zu begegnen, heute sind deren Regierungen der Gebernationen mit anderem beschäftigt. Das WFP musste seine im ostafrikanischen Katastrophengebiet verteilten Rationen bereits halbieren: „Wir nehmen unsere Hilfe den Hungernden weg, um sie den Verhungernden geben zu können“, klagt WFP-Chef David Beasley.

Die Nahrungsmittelpreise sind nach Putins Invasion in die Höhe geschossen

Nicht zuletzt wegen seiner kostspieligen Waffenhilfe für die Ukraine meint sich der Westen die Hungerhilfe nicht leisten zu können. Von den für Somalia veranschlagten 1,5 Milliarden Dollar ist bislang weniger als ein Drittel eingegangen. Ein Hoffnungsschimmer könnte die Einigung auf ein Ende der russischen Blockade der ukrainischen Getreideexporte werden, in den Schwarzmeerhäfen der Ukraine liegen 22 Millionen Tonnen Getreide zur Ausfuhr bereit.

Der Sudan.
Wir schauen nach Khartum. © FR

Selbst wenn das gestrandete Getreide seinen Weg nach Afrika irgendwann finden sollte: Der vom Ukraine-Krieg angerichtete Schaden würde damit nur zu einem kleinen Teil behoben. Die nach Putins Invasion im Februar weltweit in die Höhe geschossenen Nahrungsmittelpreise werden wohl nie wieder auf ihr einstiges Niveau fallen: Sie liegen um bis zu 50 Prozent über den Vorkriegswerten. Weil Afrika jährlich Agrarprodukte im Wert von 80 Milliarden Dollar importiert – davon fast die Hälfte aus Russland und der Ukraine –, wirkt sich die Preisexplosion in den Staaten des Kontinents verhängnisvoll aus. Die Inflation, die in Europa ungemütlich ist, ist in Afrika lebensgefährlich. Schon werden Hungeraufstände befürchtet.

Der Sudan leidet gleich in mehrfacher Weise unter dem Ukraine-Krieg. Dort macht sich nicht nur die Explosion der Lebensmittelpreise bemerkbar: 90 Prozent seines Getreidebedarfs hat das nordostafrikanische Land bisher mit russischen und ukrainischen Importen abgedeckt. Schon jetzt hungern in dem nordostafrikanischen Staat fast zwölf Millionen Menschen, ein Viertel der Bevölkerung. Hinzu kommt der dramatische Machtkampf, in den Demokratie-Befürworter seit Monaten mit den Militärs verwickelt sind. Woche für Woche ziehen Zig-, zuweilen sogar Hunderttausende Demonstrant:innen durch die Straßen der Hauptstadt Khartum, um die Generäle zum Abtritt zu zwingen, die den Reformprozess des Militärstaats im vergangenen November durch einen Putsch beendet hatten. Heute wird der beispiellose Protestmarathon der Bevölkerung im Ausland kaum noch wahrgenommen.

Die westliche Diplomatie ist vom Ukraine-Krieg in Beschlag genommen

Wer weiß, wie die Machtverhältnisse im Sudan inzwischen aussehen würden, wäre die Aufmerksamkeit der westlichen Diplomatie nicht vom Ukraine-Krieg in Beschlag genommen. In den Zeiten des Energienotstands will der Westen auch die arabischen Gas- und Ölscheichs nicht vor den Kopf stoßen: Sie stehen hinter dem sudanesischen Militär, weil sie keine Demokratie vor ihrer Haustür wollen. Unterdessen wächst die Zahl der von Militär, Milizionären oder Polizei erschossenen Demonstrant:innen unaufhaltsam an. Mehr als 120 wurden bereits getötet, Tausende weitere sitzen in den Gefängnissen ein.

Überall im Sudan macht sich die Explosion der Lebensmittelpreise bemerkbar. Ashraf Shazly/afp
Überall im Sudan macht sich die Explosion der Lebensmittelpreise bemerkbar. © Ashraf Shazly/afp

Neben der Unterstützung der arabischen Ölscheichs können sich Sudans Putschisten auch der Hilfe aus Moskau sicher sein. Seit Jahren befinden sich Ausbilder der russischen „Wagnertruppe“ im Land, die sudanesische „Sicherheitskräfte“ im Umgang mit der aufsässigen Bevölkerung trainieren. Im Gegenzug wollen die Militärs Russlands Bitte nach einem Marinestützpunkt am Roten Meer nachkommen. Denn Putins Großmachtanspruch ist auf eine Präsenz an dem strategisch zentralen Gewässer angewiesen, über das ein Drittel des Weltcontainerhandels abgewickelt wird. Die engsten Beziehungen zu Russland pflegt Vize-Putschist Mohamed Hamdan Dagalo. Der Kommandant der berüchtigten Miliz „Rapid Support Forces“ (RSF) hielt sich sogar am Tag des russischen Überfalls auf die Ukraine in Moskau auf.

Lawrow wiederholt sein Mantra in Kairo, Brazzaville, Kampala und Addis Abeba

Weniger versteckt als der Hunger der Bevölkerung nach Brot und Demokratie findet in Afrika die Propagandaschlacht der am Ukraine-Krieg direkt oder indirekt beteiligten Mächte statt. Nachdem schon führende westliche Politiker wie Olaf Scholz, Emmanuel Macron und Antony Blinken den Kontinent durchkreuzt hatten, machte sich in der vergangenen Woche auch Russlands Außenminister Sergej Lawrow auf den Weg. Sein Mantra, das er in Kairo, Brazzaville, in Kampala und Addis Abeba wiederholte: Der Versorgungsengpass sei nicht Moskaus Blockade der ukrainischen Häfen, sondern den westlichen Sanktionen gegen Russland zuzuschreiben. „Wir wissen, dass unsere afrikanischen Kollegen mit den schamlosen Bemühungen der USA und ihrer europäischen Satelliten nicht einverstanden sind, der internationalen Gemeinschaft eine unipolare Weltordnung aufzuzwingen“, schrieb der Außenminister in einem von den offiziellen Medien der besuchten Staaten veröffentlichten Beitrag. Russland sei auf der Seite des vom westlichen Kolonialismus noch immer geschundenen Kontinents, so Lawrow weiter – Töne, wie sie in Afrika immer wieder gern gehört werden. Weil die Wunden des europäischen Überheblichkeitswahns noch lange nicht verheilt sind.

Dabei leidet Lawrows Lesart der Hungerkrise unter offensichtlichen Widersprüchen. Vom Russland-Boykott sind Nahrungsmittel ausdrücklich ausgenommen – und warum verhandelte Moskau über eine Lockerung der ukrainischen Hafenblockade, wenn diese mit dem Versorgungsengpass gar nichts zu tun hat?

Im Gegenzug wirft der Westen Wladimir Putin den Einsatz von Nahrungsmitteln als Kriegswaffe vor. Russlands Präsident erzeuge absichtlich Hunger, um Europa und die USA zur Beendigung der Sanktionen zu zwingen. Welcher Deutung sich die Afrikaner:innen anschließen, hängt in erster Linie von ihrer Nähe zur Macht ab. Während sich Autokraten wie Ugandas Dauerherrscher Yoweri Museveni stramm hinter Putin stellen („Wie können wir jemanden ablehnen, der uns noch nie geschadet hat?“, sülzte Museveni während Lawrows Besuch), kam dessen Herausforderer Bobi Wine zu ganz anderen Schlüssen: „Die autoritären Herrscher unseres Kontinents mögen das russische Oligarchen-Modell, weil es der Bereicherung einer Elite dient, während die Bevölkerung leidet“, schrieb Wine in einem gemeinsamen Beitrag mit zwei anderen afrikanischen Bürgerrechtlern.

Russland bestreitet weniger als ein Prozent der Auslandsinvestitionen in Afrika

So spalten die Ereignisse in Europa den Kontinent wie bereits im Kalten Krieg. Auf der einen Seite autoritäre Regime, Militärdiktaturen oder die einst von der Sowjetunion unterstützten Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika, die an die Macht gekommen ausnahmslos im Sumpf der Korruption und des Nepotismus versackten. Für sie ist Putins Russland, das mit seinem „sozialistischen“ Vorgänger nichts mehr zu tun hat, vor allem als Waffenlieferant und als Verbündeter gegen den Westen interessant, der seine Finanzhilfe an Demokratisierung und Transparenz knüpft. Ihnen gegenüber stehen die demokratischen Staaten des Kontinents, die in der UN-Vollversammlung für eine Verurteilung Russlands stimmten. Sowie Afrikas Zivilgesellschaften, die sich aus Moskau nichts Gutes erhoffen.

Russland bestreitet nicht einmal ein Prozent der in Afrika getätigten Auslandsinvestitionen. Außer Kameraderie-Rhetorik, blutrünstigen Söldnertruppen und billigen Waffen hat Afrika von Putins sterbendem Reich nichts zu erwarten. Bei den zu erwartenden Zusammenstößen zwischen einer verzweifelten Bevölkerung und aufgerüsteten Sicherheitsapparaten könnte sich die russische „Bruderhilfe“ sogar verheerend auswirken: Ob im Sudan, in Ägypten, in Mali oder selbst am Kap der Guten Hoffnung – Präsidenten, die sich hinter Russland stellen, spielten mit der Zukunft ihres Landes, meint Joseph Siegle, Direktor des Washingtoner Afrika Zentrums für strategische Studien. Sie müssten damit rechnen, künftig links liegen gelassen zu werden.

Russischer Einfluss

Würde Sudans Bevölkerung gefragt, ob sich ihr Land lieber am Westen oder an Russland ausrichten sollte, das Ergebnis wäre klar. Tausende Afrikaner:innen stimmen jährlich mit ihren Füßen ab, indem sie Westeuropa und nicht Russland als Ziel ihrer Migration ansteuern. Falls manche wie im vergangenen Jahr in Weißrussland landen, dann nur, um von dort ein Schlupfloch in die westeuropäische Festung zu finden.

Wer sich ein Studium im Ausland leisten kann, steuert in den meisten Fällen Westeuropa oder die USA an: In Russland studieren derzeit knapp 30 000 Student:innen aus Afrika, im Westen sind es fast zehnmal so viele. Überhaupt ist der russische Fußabdruck in Afrika im Vergleich zu dem der europäischen Kolonialnationen und den USA minimal: Sowohl was die Sprache, die Konsum-Produkte oder der politische Einfluss angeht.

Im Sudan gibt es wie in anderen afrikanischen Staaten eine Alliance Française, einen Britischen Council und ein Goethe-Institut, deren Kulturangebote gut besucht sind: Ein russisches Pendant gibt es trotz der Nähe des Militärregimes zu Moskau nicht. Im Gegensatz zum opportunistischen Interesse Russlands ist die chinesische Aufmerksamkeit für Afrika langfristig angelegt: Darauf deuten auch die Konfuzius-Institute, die chinesischen Sprachkurse und die über 100 000 in China studierenden Afrikaner:innen hin. (jod)

Denn Afrika könnte aus dem europäischen Krieg auch Gewinn ziehen. Nicht nur, dass das Tauziehen um politische Unterstützung die Bedeutung der 54 afrikanischen Staaten aufgewertet hat: Auch wirtschaftlich kommt dem Erdteil – zunächst vor allem im Energiesektor – immer größere Bedeutung zu. Abgesehen von den großen noch nicht erschlossenen Erdgasfeldern, die Europas Abhängigkeit von Russland mindern könnten, ist der Kontinent auch zum weltweiten Top-Hersteller des „grünen“ Wasserstoffs prädestiniert: Das gleißende Sonnenlicht, die böigen Meeres- und Wüstenwinde sowie der vielerorts herrschende Wasserreichtum sind zur Produktion des Energieträgers der Zukunft bestens geeignet. Mitte des Jahrhunderts wird in Afrika außerdem die Hälfte der gesamten Erdbevölkerung leben. Keine Regierung kann es sich leisten, den Kontinent wie bisher als Nebensache zu behandeln. Der Schatten, den der Ukraine-Krieg auf Afrika wirft, mag überwältigend sein. Doch daneben kommt auch etwas Licht zum Vorschein. (Johannes Dieterich)

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