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Trotz großer Gefahren: Die Demonstranten im Sudan wollen nicht aufgeben. 

Sudan

Demonstranten im Sudan erschossen

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Bei einer Demonstration wird auf Teilnehmer geschossen. Die Schützen hätten Uniformen der Rapid Support Forces (RSF) getragen, berichten Augenzeugen. 

Szenen wie diese wollten die Sudanesen eigentlich nie mehr erleben: Hunderte Menschen zogen am Montagabend über ihre Revolutionsmeile, wie sie das seit über einem Monat schon tun. Sie schwenken Fahnen, rufen Sprechchöre und sind guter Stimmung. Soeben ist durchgesickert, dass die Militärführung und die Repräsentanten der Demonstranten einen Durchbruch bei ihren Gesprächen erzielt hätten. Ein Ende der festgefahrenen Verhandlungen zeichnet sich ab.

Da hallen plötzlich Schüsse über die Revolutionsmeile. Mehrere Minuten halten die Salven an. Schreie, Chaos. Dutzende Verletzte liegen am Boden. Später wird sich herausstellen, dass es auch Tote gegeben hat. Immer wieder wird im Laufe des Abends mit scharfer Munition geschossen. Doch die Demonstranten bringen sich nicht etwa verängstigt in Sicherheit, nein, es kommen im Gegenteil immer neue hinzu. „Wir werden nicht weichen“, rufen sie, „eine Zivilregierung oder für immer Revolution.“

Milizen unter Verdacht

Augenzeugen sind sich sicher: Die Schützen trugen die Uniformen der Rapid Support Forces (RSF), die schon seit Wochen mit ihren Geländewagen, auf denen schwere Maschinengewehre montiert sind, in den Straßen der Hauptstadt Khartum patroullieren. Ihr Anführer, General Mohamed Hamdan Dagalo (auch Hemiti genannt), gilt eigentlich als Freund der Aufständischen, seit er seinen Mannen befahl, auf keinen Demonstranten zu schießen. Gleichzeitig sitzt Hemiti allerdings auch als Vizechef im Militärrat der Putschisten: Welche Rolle er beim Machtkampf zwischen den Demonstranten und Generälen in Wahrheit spielt, ist im besten Fall umstritten.

Der Opposition fällt es schwer, Hemiti als Verursacher des „Massakers“ (so bezeichnet die Opposition den Angriff), zu sehen. „Das kann ihm doch nur schaden“, sagt ein Demonstrant. Die Militärführung insinuiert, hinter den Schützen verberge sich vermutlich eine dunkle Macht, die den Verhandlungsprozess zwischen Generälen und Opposition zum Scheitern bringen wolle. Um Verwirrung zu stiften, hätte sie sich der Uniformen der RSF-Milizionäre bedient. „Weder die RSF noch die Soldaten der regulären Armee werden jemals auf unsere protestierenden Brüder schießen“, gab ein Sprecher des Militärischen Übergangsrats am Dienstag bekannt.

Verhandlungen vertagt

Allerdings hatten die Generäle in der vergangenen Woche immer eindringlicher ein Ende des Sit-ins vor ihrem Hauptquartier gefordert. Vor allem die vielbefahrene Nilstraße müsse wieder geräumt werden. Davon wollten die Demonstranten allerdings nichts wissen. Sie versuchten vielmehr, noch eine Brücke über den Fluss zu besetzen. Schon zu diesem Zeitpunkt waren RSF-Milizionäre mit Peitschen, Knüppeln und Tränengas eingeschritten. „Chaos werden wir nicht erlauben“, warnte der Sprecher des Militärischen Übergangsrats.

Inzwischen rüsten die Demonstranten ihre Barrikaden auf, befestigen sie teilweise mit Backsteinen. Dennoch scheinen die Saboteure der Gespräche zumindest kurzfristig ihr Ziel erreicht zu haben. Die gestrige Verhandlungsrunde, bei der eigentlich die letzten Hürden für eine Verständigung genommen werden sollten, wurde erst einmal vertagt. Dabei hatten sich Militärs und Opposition bereits auf die Bildung dreier Übergangsinstitutionen geeinigt: eines souveränen Rates, einer Regierung und eines Parlaments.

Strittig war nur noch, wie viele Sitze im souveränen Rat der militärischen und zivilen Seite zukommen sollen und wie lange der Übergangsprozess eigentlich dauern soll. Ob trotz der jüngsten Ereignisse noch ein Kompromiss gefunden werden kann, wird frühestens zum Ende der Woche feststehen.

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