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Die Sudanesin Alaa Salah führt Proteste gegen Al-Bashir an.

Sudan

Eine Chance für den Sudan

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Nach wochenlangen Protesten setzt das Militär des ostafrikanischen Landes den Langzeitherrscher Omar al-Baschir ab. Folgt eine demokratische Wende oder eine neue Diktatur?

Noch einmal, vielleicht ein letztes Mal, hieß es warten. Das sudanesische Fernsehen hatte am frühen Donnerstagmorgen das Programm unterbrochen, um nur noch Marschmusik zu senden: In Militärdiktaturen ein untrügliches Zeichen dafür, dass etwas Entscheidendes geschehen wird. Ein TV-Sprecher kündigte eine unmittelbar bevorstehende Erklärung der Streitkräfteführung an. Doch Hunderttausende von Sudanesen wollten nicht länger warten. Für sie stand bereits fest, was die Ankündigung beinhalten musste: den Abtritt des seit 30 Jahren regierenden Präsidenten Omar al-Baschir, dessen Demission seit Beginn der Proteste vor vier Monaten erst Hunderte, schließlich Millionen von Sudanesen auf den Straßen des nordostafrikanischen Landes forderten.

Schon Stunden vor der TV-Ansage hatte sich der Volksauflauf vor dem Khartumer Hauptquartier der Streitkräfte in ein Volksfest verwandelt. Demonstranten schwenkten die sudanesische Fahne, schwangen sich auf gepanzerte Fahrzeuge der Armee und küssten Soldaten. Hupkonzerte hoben an, in den Sprechchören hieß es nun: „Er ist gefallen, wir haben gewonnen“, statt wie bisher: „Falle endlich!“

In den sozialen Netzwerken wurde bereits ein neues Zeitalter heraufbeschworen: „Jahre von Diktatur, Brutalität und wirtschaftlicher Not sind endlich zu einem Ende gekommen“, zeigte sich „Face2face Africa“ überzeugt.

Dann, kurz vor 14 Uhr Ortszeit, kam die Bestätigung. Im Fernsehen gab Verteidigungsminister Awad Ibn Ouf die Verhaftung Al-Baschirs bekannt. Der 75-Jährige soll sich „an einem sicheren Ort“ befinden. Außerdem kündigte der Minister die sofortige Freilassung aller politischen Gefangenen sowie die Vorbereitung von „freien und fairen Wahlen“ in zwei Jahren an. In der Zwischenzeit soll ein Militärrat unter Führung des Generalstabschefs den 40 Millionen Einwohner umfassenden Staat regieren.

Omar Al-Baschir (Mitte) im Jahr 1989, nachdem er sich an die Macht geputscht hatte.

Die Ansprache des Al-Baschir einst treuen Ministers machte allerdings deutlich, dass es sich weniger um eine Befreiung als um einen Militärcoup handelt. Die Flughäfen und Grenzen des Landes wurden geschlossen, die Verfassung außer Kraft gesetzt und ein drei Monate andauernder Ausnahmezustand verhängt. Das ist nicht gerade das, was die inzwischen auf weit über eine Million Menschen angeschwollene Menge in Khartum erwartet hatte. „Sie haben nur einen Kriegsverbrecher durch einen anderen ersetzt“, echauffierte sich ein gewisser „Shay“ auf Twitter: „Geht zurück auf die Straßen und protestiert weiter.“

Schon zuvor hatte der wichtigste Organisator der Proteste, die „Sudanesische Berufsvereinigung“ (SPA), ihre Forderungen für eine Übergangsregierung bekanntgegeben. Das Volk werde „nichts anderes als eine zivile Übergangsbehörde akzeptieren“, heißt es auf der Webseite der Vereinigung: Diese solle von „patriotischen Fachleuten“ und nicht von Angehörigen des bisherigen „tyrannischen Regimes“ gebildet werden. Auf jeden Fall müsse die Armeeführung „die Macht ans Volk abgeben“.

In seiner Ansprache kritisierte Minister Awad Ibn Ouf „das schlechte Management, die Korruption und Rechtlosigkeit“ der Regierung Al-Baschirs, der er allerdings selbst angehörte. Einzelheiten über die Verwerfungen innerhalb der Regierung wurden bislang nicht bekannt. Klar ist nur, dass sich vor allem die unteren Ränge der Armee mit den Demonstranten solidarisierten, während die Armeeführung, der Geheimdienst NISS und die Spezialeinheit Rapid Security Forces (RSF) dem Autokraten bis zuletzt die Treue hielten.

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Al-Baschir war vor 30 Jahren selbst durch einen Putsch an die Macht gekommen, um sich alsbald zu einem Feindbild des Westens zu entwickeln. Der von militanten Islamisten unterstützte Offizier gewährte dem Terrorkommandanten „Carlos“ und später Osama bin Laden Unterschlupf und unterhielt engste Verbindungen zum Iran. Al-Baschir führte zunächst den Bürgerkrieg gegen die im Süden des Landes lebende christliche afrikanische Bevölkerung weiter und ließ den Aufstand der Muslime in den Darfur-Provinzen mit äußerster Härte niederschlagen. Dabei kamen nach UN-Angaben 300 000 Menschen ums Leben: Deswegen wurde Al-Baschir vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag des Völkermords angeklagt. Dass er nun nach Den Haag ausgeliefert werden könnte, muss der gestürzte Präsident nicht befürchten: Nicht einmal die Demonstranten erheben diese Forderung.

Wie das Kräftemessen zwischen der neuen militärischen Führung des Landes und dem aufständischen Volk schließlich ausgehen wird, ist derzeit noch nicht abzusehen. Nichts deutet darauf hin, dass die Demonstranten ihr Sit-in vor dem Hauptquartier der Streitkräfte in Khartum nun beenden würden. Unterdessen wollen auch in Algerien Hunderttausende von Demonstranten an ihren Protesten festhalten, bis das dortige Bouteflika-Regime restlos beseitigt ist: Nordafrika scheint von einem kleinen zweiten arabischen Frühling erfasst worden zu sein.

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