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Flagge zeigen: Eine Demonstrantin in Khartoum, der Hauptstadt des Sudans. 

Sudan

Auf der Straße des Protests

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Abend für Abend demonstrieren Abertausende Sudanesen in Khartum für Demokratie.  

So also sieht die Revolution aus. Sie findet – wie könnte es anders sein? – auf der El-Gamhuriya, der Straße des Präsidenten, statt und beginnt mit mehreren, von den Revolutionären selbst betriebenen Straßensperren. „Sorry“, entschuldigt sich ein junger Aufständischer mit gelber Warnweste, während er einen Körper nach dem anderen abtastet: links die Damen, rechts die Herren. Gelegentlich sei hier schon ein „agent provocateur“ der Geheimpolizei enttarnt worden, erzählt der Chef der Barrikade: Man habe ihm seine versteckte Waffe abgenommen und den Eindringling einer „kleinen Behandlung“ unterzogen.

Hinter der vierten Sperre bieten ein Straßenjunge Taschentücher und ein Medizinstudent Atemmasken gegen den Staub an: Die wurden von wohlhabenden Freunden der Revolution gestiftet. An einem Stand wird Trinkwasser gratis verteilt, daneben gibt es heißen Tee gegen Geld. Aus großen Boxen schallt schon morgens um neun laute Musik: Soeben wird mal wieder der jüngste Hit des in den USA lebenden sudanesischen Rappers Aymen Mao gespielt – längst eine Hymne der Revolution. Sein Titel: „Live bullet“, scharfe Munition – und ein paar Revolutionäre tanzen dazu.

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Noch vor zwei Wochen wurde hier tatsächlich scharf geschossen. Von einem an der Präsidentenstraße gelegenen mehrstöckigen Rohbau aus feuerten Scharfschützen des Geheimdienstes NISS auf die Demonstranten – rund 20 Menschen starben. Für den zumindest vorübergehenden Erfolg der Revolution sorgten Soldaten, deren riesiges Hauptquartier sich auf der gegenüberliegenden Seite der Straße befindet: Sie öffneten den Aufständischen ihre mächtigen Tore und schossen zurück. Zwei Tage später wurde der seit 30 Jahren mit eiserner Hand regierende Omar al-Baschir von Offizieren entmachtet und ins Gefängnis geworfen.

Seitdem wird auf der Revolutionsmeile zwischen dem Armeehauptquartier und dem Rohbau gefeiert. Zumindest bislang, denn endgültig entschieden ist noch nichts. Auch wenn sich Selma Nour ganz sicher ist, dass „unsere Soldaten hinter uns stehen“: Von den Generälen kann man das weniger behaupten – die Stimmung spannt sich allmählich wieder an.  

Selma Nour will nicht aufgeben.

Selma Nour sieht noch ziemlich verschlafen aus: Die 35-jährige Architektin hat eine weitere Nacht auf dem Boden ihres Büros verbracht, Zentrale des Organisationskomitees der Revolution. Seit zweieinhalb Wochen war sie nicht mehr zu Hause bei ihrem achtjährigen Sohn: Den haben die in Khartums luxuriösestem Stadtviertel Riyad lebenden Großeltern in Obhut genommen. Selma gehört „Al-Mahanin“, der mittelständischen Sudanesischen Berufsvereinigung SPA, an, die als Mutter und Motor der Revolution gilt: Noch vor wenigen Tagen hätte sie das keinem – schon gar keinem ausländischen Reporter – erzählt: Ihre Organisation musste im Geheimen operieren.

Eigentlich könnte die Architektin heute im sicheren Dubai sein und weiter harte US-Dollar verdienen: Bis Ende 2018 war Nour am Arabischen Golf als Projektleiterin in einer großen Baufirma angestellt. Als sie von den zu Hause beginnenden Protesten hörte, warf sie ihren Job hin und kehrte im Januar nach Khartum zurück: Schon als Studentin hatte sie an Demonstrationen gegen Diktator Al-Baschir teilgenommen und war von dessen Geheimpolizisten mehrmals verprügelt worden. „Ich weiß, wie sich Widerstand anfühlt“, sagt Selma und lacht.

Allmählich füllt sich die Straße des Protests wieder mit Menschen: Sie scharen sich neugierig um fremde Reporter, die erst seit kurzem wieder ins Land gelassen werden, oder marschieren Parolen skandierend die Straße auf und ab: „Wo ist unser Zuhause? Es ist hier!“ In jedem Sudanesen scheint entweder ein Verseschmied oder ein Trommler zu stecken. „Jede Revolution hat ihren Rhythmus“, sagt ein Passant und zeigt auf die Reihe von Demonstranten, die auf einer Eisenbahnbrücke über El-Gamhuriya sitzt und den ganzen Tag lang mit Steinen auf den Stahl hämmert.

Wie ihre Organisation, die SPA, es geschafft hat, bis zu einer Million Menschen Abend für Abend auf diese Straße zu locken, will Selma Nour erstmal nicht verraten: Noch ist nicht sicher, ob „Al-Mahanin“ nicht wieder abtauchen muss. Dass die Revolution jedoch vom Mittelstand der Hauptstadt und nicht von den „verarmten Massen“ getragen wird, ist bereits an den zahlreichen am Straßenrand aufgebauten Zelten zu sehen: Hier der Unterschlupf der Ingenieure, dort das Quartier der Lehrer, daneben eine von Ärzten betriebene Krankenstation. In einer im Erdgeschoss eines Studentenwohnheims eingerichteten Feldküche brät ein Pädagogikprofessor in einem riesigen Kessel Zwiebeln an: Hier werden täglich bis zu 20 000 Sandwiches hergestellt.

Sudans Mittelstand wurde von der Pleite des Staates am härtesten getroffen: Auf Drängen des Weltwährungsfonds hatte die Regierung im vergangenen Dezember die staatlichen Subventionen für Benzin und Weizen gestrichen. Wenige Tage später war es zu den ersten Protesten der nach Berufsständen gegliederten SPA gekommen: Benzin und Weizen gelten als Fundament des Mittelstands – arme Sudanesen sind zu Fuß oder mit dem Esel unterwegs und ernähren sich hauptsächlich von Mais- oder Hirsebrei. Ein Gymnasiallehrer erzählt, dass sich sein Monatsgehalt in den vergangenen fünf Jahren von 1200 auf 1500 sudanesische Pfund erhöht hat: Im selben Zeitraum sei aber der Preis für ein Fladenbrot von 0,10 auf ein Pfund in die Höhe geschossen. 

Die Ex-Studentin Aida Fadlala (rechts) will den Sieg der Demokratie.

Nicht jeder litt unter der Krise: Nach Al-Baschirs Verhaftung teilte die Militärführung mit, in seiner Residenz seien 351 000 US-Dollar und sechs Millionen Euro in bar gefunden worden. Trotzdem wurde der entmachtete Präsident nur wenige Tage im berüchtigten Gefängnis von Kober festgehalten, will die Gerüchteküche wissen: In seiner Zelle sei der 75-Jährige sogleich dermaßen krank geworden, dass ihn die Generäle zum Hausarrest in seine Residenz entlassen hätten. „Blut für Blut und nicht bloß Entschädigung“, skandieren die Demonstranten auf der Revolutionsmeile: Sie wollen den vom Internationalen Strafgerichtshof wegen Kriegsverbrechen im Darfur Angeklagten hier vor Gericht gestellt sehen . Hier, weil es in Den Haag keine Todesstrafe gibt.

Selma Nour hält von solcher Vergeltung nicht viel. „Wir sollten uns lieber darauf konzentrieren, wie wir das Land aus seinem Elend befreien“, meint die Aktivistin: „Jetzt ist unser ganzes Können gefragt.“ Dabei käme den Frauen eine besondere Bedeutung zu, stimmt ihr Aida Fadlala zu, die sich auf El-Gamhuriya um Straßenkinder kümmert. Die 40-Jährige studierte einst Philosophie und verehrt Theodor Adorno, Herbert Marcuse und Jürgen Habermas: „Als sie in den USA noch nicht einmal wählen durften, hatten wir im Sudan schon Frauen in der Regierung.“ Das änderte sich, als der Islamist Al-Baschir per Putsch an die Regierung kam und die erste „Islamische Republik“ auf afrikanischem Boden gründete: Seitdem wurde den Frauen sogar diktiert, welche Kleider sie tragen mussten. Als Studentin Selma einst aus Protest mit einer Hose zur Uni kam, wurde sie verhaftet und musste 2000 Pfund Strafe bezahlen. Heute trägt sie Jeans und geht ohne Kopftuch: Sie hat sich von ihrem Mann getrennt und will „ganz bestimmt“ nicht nochmal heiraten.

Dass die Islamisten wieder an die Macht kommen könnten, hält Selma für „unwahrscheinlich“: Mit ihrer religiösen Heuchelei hätten sie es bei der Bevölkerung „endgültig verscherzt“. Alle Anstrengungen seien nun auf die Militärchefs gerichtet, die das alte Regime säkularisiert fortführen wollten. Dies gelte es „unter allen Umständen“ zu verhindern.

Die Strategie der Generäle zeichnet sich inzwischen immer deutlicher ab: Einerseits suchen sie die Unterstützung der reichen Golfstaaten, vor allem Saudi-Arabiens und der Arabischen Emirate, zu gewinnen, die den Generälen bereits drei Milliarden US-Dollar an Soforthilfe versprochen haben. Andererseits treiben sie Keile in die Opposition, vor allem zwischen alte oppositionelle Gruppen wie die Umma-Partei und die junge SPA. Der für die Absetzung Al-Baschirs verantwortliche Militärrat hat die Opposition bereits vor Tagen aufgefordert, Vorschläge für eine zivile Regierung einzureichen: Doch die Flut der unterbreiteten Eingaben mache eine Entscheidung nahezu unmöglich, ließen die Generäle dann wissen. Auch westliche Gesandte befürchten, dass die Militärs eine weitere Destabilisierung des Landes anstreben, um sich schließlich als einzige Garanten eines geordneten Übergangs präsentieren zu können: Die unzähligen, im ganzen Land operierenden Milizen könnten ihnen dabei behilflich sein.

Schauplatz des Tauziehens um die Macht im Staat bleibt jedoch bis auf Weiteres die Revolutionsmeile in Khartum: Immer wieder fordert der Militärrat eine Beendigung des Happenings vor seinem Hauptquartier. Am frühen Morgen hätten Polizei und Geheimdienst wieder einmal versucht, die Straßensperren der Revolutionäre in der Präsidentenstraße aufzulösen, berichtet Selma Nour: Bislang sei aber noch jeder dieser Versuche an der Mithilfe sympathisierender Soldaten gescheitert.

Nicht zuletzt von der Architektin hängt es ab, ob den Demonstranten irgendwann die Luft ausgeht: Denn Selma hat Tag um Tag ein Programm zu organisieren, das so viel Feierabendrevolutionäre wie möglich anzieht. Unerwartete Unterstützung erhielt sie jetzt aus der Provinz: Am Dienstagmittag traf in Khartum ein Zug mit Tausenden von Demonstranten aus dem 350 Kilometer nilabwärts gelegenen Atbara ein. „Wir werden nicht aufgeben“, fasst die Revolutionärin neuen Mut: „Auch wenn wir für unsere Freiheit noch einmal 30 Jahre kämpfen müssen.“

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