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Der mutmaßliche Mordfall Khashoggi war auch Thema in den Vereinten Nationen.

Fall Khashoggi

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In der Affäre um die Ermordung des saudischen Journalisten Khashoggi verschärft US-Präsident Trump einstweilen nur den Ton.

Der Präsident setzte eine ernste Miene auf. „Das ist eine schlimme, schlimme Sache“, sagte Donald Trump, bevor er am Donnerstag die Präsidentenmaschine bestieg. Mitreisende Reporter hatten ihn gefragt, ob der seit zwei Wochen verschwundene saudische Journalist Jamal Khashoggi wohl tot sei. „Es sieht für mich auf jeden Fall danach aus“, räumte Trump erstmals ein und drohte, die Konsequenzen für die Führung des Wüstenstaates könnten „sehr schwerwiegend“ sein.

Trumps Ambivalenz in der Khashoggi-Affäre

Fünf Stunden später hatte sich die Laune des obersten Republikaners deutlich aufgehellt. Trump stand auf der Bühne einer Wahlkundgebung in Missoula im Bundesstaat Montana, und die Menge jubelte ihm zu. Solche Auftritte absolviert der ehemalige TV-Star nun fast jeden Abend bis zu den Kongresswahlen am 6. November. Ein „unglaublicher Anführer“ sei der regionale Abgeordnete Greg Gianforte, lobte Trump. Der Waffennarr war zu nationaler Berühmtheit gelangt, als er im vorigen Jahr einen kritischen Journalisten packte und zu Boden warf. Dafür wurde er zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. „Jeder, der einen Body Slam machen kann, ist mein Typ“, schwärmte Trump.

Zwar wurde Ben Jacobs, der betroffene Korrespondent der britischen Zeitung The Guardian, nicht gefoltert und bestialisch getötet, wie nun höchstwahrscheinlich sein Kollegen Khashoggi. Dennoch handelt es sich bei der Äußerung um mehr als eine Geschmacklosigkeit. Immerhin bezeichnet Trump die Presse seit seiner Amtseinführung als „Feinde des Volkes“. Entsprechend empört reagierte der US-Chefredakteur des Guardian, John Mulholland: Einen Angriff auf einen Journalisten zu feiern, sei ein Angriff auf die US-Verfassung, konterte er: Nach dem Mord an Khashoggi lade das „zu Angriffen auf Journalisten hier und in aller Welt ein“.

In jedem Fall verdeutlicht die Szene Trumps Ambivalenz in der Khashoggi-Affäre. Frühzeitig hatte der US-Präsident klargemacht, wie wichtig ihm gute Beziehungen und Geschäfte mit Saudi-Arabien sind und dass er nicht an ein Einfrieren der Waffenverkäufe denke. An der Aufklärung des Mordes schien er nur mäßig interessiert: Es seien vielleicht Killer auf eigene Rechnung gewesen, unkte er, und schickte seinen Außenminister Mike Pompeo eher als Tatortreiniger denn als Aufklärer an den Golf.

Doch befeuert durch immer neue grauenvolle Details, die seit Tagen von Regierungskreisen in der Türkei verbreitet werden, entwickelt sich die Geschichte für Trump zum Problem. Die türkischen Behörden gehen davon aus, dass Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul von einer eigens aus Saudi-Arabien angereisten Spezialeinheit gefoltert und getötet wurde. Anhand von Fotos wurden die Bewegungen des Hauptverdächtigen von der Landung über das Betreten des Konsulats und der Residenz des Generalkonsuls bis zum Abflug genau nachgezeichnet.

Trump verändert seinen Ton

Die grausigen Details bis hin zur Zerstückelung der Leiche mit einer Knochensäge verfehlen die öffentliche Wirkung nicht, und entsprechend verändert Trump seinen Ton. „Das hat einen großen Eindruck auf die Welt gemacht“, räumte er am Freitag in einem Interview mit der New York Times ein: „Das ist größer geworden, als es normalerweise sein würde.“ Nicht nur international ist das Entsetzen groß. Auch melden sich immer mehr republikanische Senatoren zu Wort, die harte Sanktionen bis zu einem Stopp der Waffenlieferungen fordern.

Trump, der als Geschäftsmann seit fast 30 Jahren enge Kontakte zu den Scheichs unterhielt und ihnen eine Etage seines Trump World Towers in Manhattan verkaufte, will eigentlich eine Eskalation vermeiden. Dabei wird er nach US-Medienberichten massiv von seinem Schwiegersohn Jared Kushner bearbeitet, der mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman regelmäßig per WhatsApp kommuniziert und ihn als zentralen Akteur in seinem Nahost-Friedensplan sieht.  Gleichzeitig versuchen andere Verbündete des Präsidenten, das liberale Image von Khashoggi zu zerstören und ihn als gefährlichen Islamisten darzustellen.

In dieser Situation liefern die US-Geheimdienste laut „New York Times“ dem Präsidenten widersprüchliche Einschätzungen: Während die CIA von der Verantwortung des Kronprinzen für die brutale Ermordung überzeugt sei, gehe die NSA eher von einer gescheiterten Entführungsaktion aus.

Derzeit glaubt Trump offenbar, dass die Affäre nicht ganz ohne Konsequenzen abgeräumt werden kann. Nach tagelangem Zögern sagte US-Finanzminister Steven Mnuchin nach Rücksprache mit dem Präsidenten seine Teilnahme an einer großen Investoren-Konferenz in Riad ab. Außenminister Mike Pompeo erklärte, man wolle der Führung in Riad „noch ein paar Tage“ einräumen, um ihre Untersuchungen abzuschließen.

Bis dahin erwartet Trump offenbar eine Erklärung, die ihm im Wahlkampf nicht schadet. Nach Informationen der „Washington Post“ wird im saudischen Königshaus zunehmend der stellvertretende Geheimdienstchef Ahmed Al-Assiri für die Bluttat und den PR-Gau verantwortlich gemacht. Eine Verurteilung des hochrangigen Generals solle offenbar den Druck vom Kronprinzen nehmen. 

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