1. Startseite
  2. Politik

Suche nach Öl und Gas unter dem Deckmantel der Wissenschaft

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Johannes Dieterich

Kommentare

Auf der russischen Station „Wostok“ wurde einst ein Eiskern gebohrt, der 420 000 Jahre in die Klimageschichte blicken lässt.
Auf der russischen Station „Wostok“ wurde einst ein Eiskern gebohrt, der 420 000 Jahre in die Klimageschichte blicken lässt. © imago images/ZUMA Wire

Laut einem Bericht bereitet Russland die wirtschaftliche Ausbeutung der Antarktis vor.

Russische Geolog:innen bereiten schon seit Jahren die derzeit noch verbotene wirtschaftliche Ausbeutung der Antarktika vor. Zu diesem Schluss kommt die südafrikanische Online-Publikation „Daily Maverick“ nach einer eingehenden Untersuchung der Aktivitäten des russischen Forschungsschiffs „Akademik Alexander Karpinsky“, das in jedem Sommer der südlichen Erdhälfte von Kapstadt aus ins Südpolarmeer sticht.

Das 37 Jahre alte Schiff ist für die „Polar Marine Geosurvey Expedition“ (PMGE) unterwegs – eine vom staatlichen russischen Explorationsriesen Rosgeo beauftragte Privatfirma. Die mit seismischen Schallkanonen ausgestattete Karpinsky soll unter der Antarktika bereits Erdöl- und -gasfelder in einem Gesamtumfang von bis zu 500 Milliarden Barrel (rund 70 Milliarden Tonnen) Kohlenwasserstoffe ausgemacht haben, das ist fast das Doppelte der in Saudi Arabien nachgewiesenen Reserven. Der weltweite Jahresverbrauch fossiler Brennstoffe liegt derzeit bei 35 Milliarden Barrel, er soll bis Mitte dieses Jahrhunderts eigentlich weitgehend gestoppt werden.

Nationale Ansprüche in der Antarktis
Nationale Ansprüche in der Antarktis © FR-Grafik

Die Ausbeutung von Bodenschätzen in der Antarktika wird vom 1998 in Kraft getretenen „Madrid-Protokoll“ verboten, das auch von Russland unterzeichnet wurde.

Ausbeutung der Antarktis: Russland beteuert, es seien „wissenschaftliche Studien“

In einer Reaktion auf die Recherchen der südafrikanischen Journalist:innen bezeichneten Rosgeo und PMGE ihre Untersuchungen als „wissenschaftliche Studien“: Sie dürften mit der Vorbereitung kommerzieller Ausbeutung von Bodenschätzen nicht verwechselt werden. Rosgeo wolle die Antarktika wie die russische Regierung als „Naturreservat für den Frieden und die Wissenschaft“ erhalten, hieß es.

Die Grenze zwischen wissenschaftlichen Studien und der Prospektierung von Bodenschätzen ist nach Auffassung von Fachleuten fließend: Selbst das MadridProtokoll bietet keine Kriterien zur Unterscheidung an. Westliche Forscher:innen verweisen jedoch auf den Entwurf eines Antarktika-Abkommens aus den 1980er Jahren, in dem als Prospektierung die „Identifizierung mineralischer Ressourcen zum Zweck der späteren Ausbeutung“ bezeichnet wird. Russische Veröffentlichungen weisen nach Auffassung des neuseeländischen Antarktika-Experten Alan Hemmings darauf hin, dass selbst in Russland die Aktivitäten des Forschungsschiffs Karpinsky als Prospektierung betrachtet wird. So heißt es in einem Exkursionsbericht des Karpinsky-Betreibers PMGE: „Der Zweck der geologischen und geophysikalischen Arbeit ist die Untersuchung des antarktischen Untergrunds, der ein Reservoir zur Ausbeutung von Rohstoffen künftiger Generationen der Menschheit bietet.“

Russland hat eine der „vielversprechendsten Regionen“ ausfindig gemacht

Auch auf dem antarktischen Festland suchen russische Wissenschaftler:innen nach Bodenschätzen. Ihr Augenmerk haben sie auf ein 40 Quadratkilometer großes und weitgehend eisfreies Gebiet im Osten des Erdteils gerichtet, die Larsemann-Berge. Dort wurden bereits Bodenschätze wie Gold, Diamanten, Kupfer, Eisenerz, Molybdän und sogar Uran ausfindig gemacht. Es handele sich um eine der „vielversprechendsten Regionen“ für „mineralische und fossile Rohstoffe“ in der Antarktika, heißt es in einer russischen Studie. In dem Gebiet liegt auch die russische Forschungsstation „Fortschritt“.

Das Madrid-Protokoll ist Teil des Antarktika-Vertrags, der von allen wichtigen Staaten der Welt unterschrieben wurde, aber zunächst nur bis zum Jahr 2048 gültig ist. Derzeit gibt es Bestrebungen, das Abkommen für immer festzuschreiben und damit auch den Rohstoffabbau für immer zu verbieten. Doch darauf konnten sich die 29 stimmberechtigten Unterzeichnerstaaten bisher nicht einigen. (Johannes Dieterich)

Auch interessant

Kommentare