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Der KZ-Überlebende und Zeuge Josef Salomonovic hält neben seiner Ehefrau Elisabeth nach dem Prozess ein Foto seines Vaters Erich im Gerichtssaal hoch. Der Vater wurde im September 1944 im Konzentrationslager Stutthof ermordet. Foto: Marcus Brandt/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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Der KZ-Überlebende und Zeuge Josef Salomonovic hält neben seiner Ehefrau Elisabeth nach dem Prozess ein Foto seines Vaters Erich im Gerichtssaal hoch. Der Vater wurde im September 1944 im Konzentrationslager Stutthof ermordet.

Stutthof-Prozess

Stutthof-Überlebender sagt im Prozess gegen KZ-Sekretärin aus: „Sie ist indirekt schuldig“

  • VonJoachim F. Tornau
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Im Stutthof-Prozess gegen die ehemalige KZ-Sekretärin Irmgard F. kommt erstmals ein Überlebender zu Wort. Sein Vater wurde im Lager ermordet – Erinnerungen an eine lange Leidenszeit.

Das“, sagt Josef Salomonovic und hält ein Foto hoch, „ist mein Vater. 41 Jahre.“ Das Schwarz-Weiß-Bild zeigt einen noch jugendlich wirkenden Mann mit vollem dunklen Haar und ernsten, etwas traurigen Augen. Am 17. September 1944 wurde er im Konzentrationslager Stutthof ermordet, mit einer Phenolspritze ins Herz. Josef Salomonovic war damals sechs Jahre alt.

Jetzt ist der 83-Jährige aus Wien der erste Überlebende des nationalsozialistischen Lagers bei Danzig, der im Prozess gegen die einstige KZ-Sekretärin Irmgard F. vor dem Landgericht Itzehoe als Zeuge aussagt. Von Prag war er mit seiner jüdischen Familie erst in das Ghetto von Litzmannstadt (Lódz), dann nach Auschwitz und schließlich im September 1944 nach Stutthof deportiert worden. „Wir sind von Auschwitz in das schlimmste Lager gekommen“, sagt Salomonovic am Dienstag und erzählt von ständigem Hunger, von stundenlangen Appellen bei schneidender Kälte. Und von der heimtückischen Ermordung seines Vaters.

Stutthof-Überlebender: „Vielleicht schläft sie, so wie ich, schlecht.“

Sein Vater, erzählt er, habe sich gemeldet, als ein SS-Arzt beim Zählappell gefragt habe, wer sich schwach fühle und eine Aspirintablette wolle. „Er hat sich gesagt: Ein deutscher Offizier lügt nicht und ist nach vorne getreten.“ Ein tödliches Vertrauen: In der Krankenstube sei seinem Vater umgehend die Giftspritze verpasst worden.

Irmgard F. arbeitete in dieser Zeit als Stenotypistin für den KZ-Kommandanten Paul Werner Hoppe. Beihilfe zum Mord in mehr als 11 000 Fällen wirft die Staatsanwaltschaft der 96-Jährigen deshalb vor.

Womöglich, meint Salomonovic, habe sie auch den Stempel auf die Todesurkunde seines Vaters gedrückt. Das Dokument mit den Worten „Betrifft: Jude“ hat er dem Gericht mitgebracht. „Sie ist indirekt schuldig, auch wenn sie nur im Büro gesessen hat“, sagt der Zeuge. Bewusst hält er das Foto seines Vaters so, dass die Angeklagte es sehen kann. „Vielleicht schläft sie, so wie ich, schlecht.“

Stutthof-Prozess: Die Angeklagte schweigt und zeigt keine Regung

Irmgard F., die in dem Prozess bislang schweigt, zeigt keine Regung. Das übernimmt ihr Verteidiger Wolf Molkentin. „Ich möchte Ihnen unseren Respekt und unser tiefes Mitgefühl vermitteln“, erklärt er. „Und das schließt auch Frau F. ein.“ „Danke“, antwortet Salomonovic knapp, doch mit derselben leisen Höflichkeit, mit der er auch von seinem langen Leidensweg erzählt hat. Und von seiner unglaublichen Rettung. In Dresden, wo seine Mutter in den letzten Kriegsmonaten in der Rüstungsindustrie arbeiten musste, hätte er im Februar 1945 eigentlich erschossen werden sollen, berichtet er. „Die SS hat gesagt: Dieser Dreck muss weg.“ Aber an genau diesem Tag kamen die Bombenangriffe der Alliierten und retteten ihm das Leben.

Seine scheinbar unerschütterliche Freundlichkeit verlässt Josef Salomonovic im Gerichtssaal nur ein einziges Mal: als ihn eine beisitzende Richterin fragt, wie er all das nach der Befreiung bewältigt habe. „Sie stellen Fragen, die mit dem Prozess nichts zu tun haben“, bricht es aus ihm heraus. „Ich will nicht darüber reden.“ Dafür, sagt er, sei es viel zu schmerzhaft.

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