Stutthof-Prozess

Stutthof-Prozess: Der Angeklagtefühlt sich als Opfer

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Im Stutthof-Prozess spricht der ehemalige Wachmann des KZ erstmals vor Gericht.

Bruno D., das sagt er nicht so, aber seine Worte verraten es, hält sich selbst für ein Opfer. Für ein Opfer des Nationalsozialismus, für ein Opfer des Vernichtungslagers Stutthof, in dem er mit 17 Jahren als SS-Wachmann eingesetzt war. Das Leid der Gefangenen, vor allem waren es Jüdinnen und Juden, die er damals mit der Waffe in der Hand an der Flucht hindern sollte, verhehlt Bruno D. nicht. Aber lieber spricht er über sich.

Rund 75 Jahre nach seinem Dienst in dem bei Danzig gelegenen Konzentrationslager muss sich der heute 93-Jährige wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 5230 Fällen vor dem Hamburger Landgericht verantworten. Am Montag, es ist der dritte Verhandlungstag, verliest er eine vorbereitete Erklärung. „Es ist mir ein großes Bedürfnis, Ihnen mitzuteilen, wie leid es mir tut, was den Menschen damals im KZ angetan wurde“, lautet der erste Satz. Doch schon im zweiten beklagt er sein eigenes Schicksal: „Es tut mir auch leid, dass ich meinen Wehrdienst an einem solchen Ort des Grauens ableisten musste.“ Die Bilder des Elends und des Schreckens hätten ihn sein Leben lang verfolgt.

Später, als er auf Fragen des Gerichts von seiner Musterung erzählt, sagt Bruno D. sogar, er habe „nackt wie die Häftlinge“ vor den Ärzten gestanden. Es braucht viele bohrende Nachfragen der Strafkammervorsitzenden Anne Meier-Göring, bis er einräumt, dass das ein unpassender Vergleich sei. Über die Musterung, bei der er wegen eines Herzfehlers als nicht kriegstauglich eingestuft und deshalb für Wachdienste vorgesehen wurde, redet der Angeklagte ausführlich. Auch wie er sich zuvor der Hitlerjugend und der geforderten freiwilligen Meldung zur SS entzogen habe, berichtet der rüstig wirkende Rentner gern. Doch wenn es um seine Zeit in Stutthof geht, wird er einsilbig.

Vom Wachturm aus habe er gesehen, wie jeden Morgen die Toten der seit November 1944 im Lager grassierenden Fleckfieberepidemie aus den Baracken gezogen wurden. Unbekleidet, ausgemergelt. „Das war sehr grausam zu sehen“, sagt er. „Sie taten mir furchtbar leid.“ Auch an das Krematorium mit seinen Verbrennungsöfen und den davor liegenden Leichen könne er sich erinnern. Aber ob Verbrennungsgeruch in der Luft lag? „Das kann ich jetzt nicht mehr sagen.“ Gegenüber den Ermittlern soll Bruno D. auch von der Gaskammer gesprochen haben und von Gesprächen im Kameradenkreis, bei denen das Wort „Judenvernichtung“ gefallen sei. Vor Gericht sagt er dazu nichts. Nur so viel: „Ich habe nicht gesehen, wie die Menschen umgebracht worden sind.“

Zeuge im Stutthof-Prozess: „Ich kann diesen Herrn nicht hassen“

Zu seinem Dienst als SS-Wachmann sei er gezwungen worden, betont Bruno D. „Ich habe das nicht freiwillig gemacht.“ Vergeblich habe er versucht, sich in die Küche oder die Bäckerei des Lagers versetzen zu lassen. Nie habe er geschossen. Und einmal habe er Gefangenen geholfen, indem er ihnen erlaubt habe, sich Fleisch aus einem frischen Pferdekadaver herauszuschneiden: „Ich wusste, wenn das rauskommt, dass ich dann vielleicht auch selbst hinter dem Stacheldrahtzaun landen würde.“

Seine Erinnerungen an die Grausamkeiten in Stutthof will der Angeklagte zuletzt erfolgreich verarbeitet haben – bis das späte Ermittlungsverfahren gegen ihn begann. „Jetzt wird alles wieder aufgerüttelt“, beschwert er sich. „So habe ich mir mein Alter nicht vorgestellt.“

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