Polizeieinheiten sammeln sich, um gegen Randalierer in Stuttgart vorzugehen.
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Polizeieinheiten sammeln sich, um gegen Randalierer in Stuttgart vorzugehen.

Ausschreitungen

Stuttgarts trauriger Sonntag

Am Wochenende bricht im Zentrum der baden-württembergischen Landeshauptstadt zügellose Randale aus.

Bei Auseinandersetzungen mit der Polizei haben Dutzende gewalttätige Kleingruppen in der Nacht zum Sonntag die Stuttgarter Innenstadt verwüstet und mehrere Beamte verletzt. „Die Situation ist völlig außer Kontrolle“, sagte ein Polizeisprecher am frühen Sonntag. Im Verlauf des Sonntagmorgens beruhigte sich dann die lange unübersichtliche Lage. Die Polizei berichtete am Vormittag von 20 vorläufigen Festnahmen und mehr als einem Dutzend verletzter Polizisten.

Warum die Samstagnacht in der baden-württembergischen Landeshauptstadt so verlief, ist zur Stunde allen Beteiligten schleierhaft. Die Gerüchteküche köchelt und Landes- wie Bundespolitikerinnen und -politiker hielten sich am Sonntag weitgehend bedeckt mit wenig fundierter Ursachenforschung. Das führte unweigerlich zu Fragen wie: Hat da ein Tropfen das Fass der ungewohnten Pandemie-Disziplin zum Überlaufen gebracht? Ein warmer Sommerabend, der schlicht einigen zu warm wurde? Die Unwägbarkeit einer von Impulsen gesteuerten Masse? Oder war da vielleicht Aufbegehren im Spiel? Gegen das auch in Deutschland immer deutlichere soziale Gefälle oder gegen eine von rechten Umtrieben nicht freie Polizei, die von manchen Bevölkerungsgruppen eher als Gegner denn als Ordnungshüter wahrgenommen werden? Die Fragen werden erst lange nach diesem Wochenende Antworten finden. Das steht fest.

So wie zumindest ein erster Erklärungsversuch der Polizei in Stuttgart auch feststeht: Während einer Kontrolle anlässlich eines Drogendelikts hätten sich viele Feiernde gegen die Polizisten solidarisiert, teilten die Behörden mit. Die Menschen zogen demnach dann randalierend in Richtung Schlossplatz. Es flogen Pflastersteine auf vorbeifahrende Polizeiautos, Schaufenster wurden eingeschlagen und Geschäfte geplündert.

Mehr als 200 Polizisten aus dem Stuttgarter Umland wurden vorübergehend in die Stadt beordert, um die Lage unter Kontrolle zu bekommen. Polizeihubschrauber flogen über Stuttgart. Im Kurznachrichtendienst Twitter kursierten Videoaufzeichnungen von jungen Männern, die gegen Schaufensterscheiben traten oder Pflastersteine aus dem Boden rissen. Laut Polizei waren Schwerpunkte der Schlossplatz und die benachbarte Königstraße gewesen. Ein Video zeigt, wie ein vermummter Angreifer einem Polizisten von hinten in den Rücken springt.

Die Polizei sprach von mehreren hundert Leuten, die in Kleingruppen unterwegs waren. Der Großteil der Einsatzkräfte von außerhalb hat Stuttgart inzwischen wieder verlassen, aber die örtliche Polizei wollte den Sonntag über massiv patrouillieren.

Politiker aus Baden-Württemberg haben mit Entsetzen auf die gewaltsamen Ausschreitungen in der Stuttgarter Innenstadt reagiert. FDP- und SPD-Fraktion kündigten eine Sondersitzung des Innenausschusses im Landtag für diese Woche an. Innenminister Thomas Strobl (CDU) müsse dort ausführlich über die kriminelle Gewalt und seine Maßnahmen zum Schutz von Gesellschaft und Polizei berichten, forderte FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke.

Auch der innenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Uli Sckerl, sagte, es sei geboten, dass sich der Landtag mit einer Sondersitzung des Innenausschusses ein Bild von der Lage mache. „Diese ist jetzt noch viel zu unübersichtlich, um aus der Ferne bereits voreilige Schlüsse zu ziehen und Schuldige zu benennen“, sagte er. Sascha Binder, Innenexperte der SPD-Landtagsfraktion, sprach von bürgerkriegsähnlichen Zuständen. „Straßenschlachten solchen Ausmaßes kennen wir in Baden-Württemberg nicht.“ „Die Täter müssen die volle Härte des Gesetzes spüren“, reagierte der CDU-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Reinhart auf die Ausschreitungen. „Wer die Stuttgarter Innenstadt in ein Schlachtfeld verwandelt, darf weder auf Verständnis noch auf Milde hoffen.“

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (beide Grüne) haben die gewaltsamen Ausschreitungen verurteilt. „Unsere Gedanken sind bei den verletzten Polizeibeamten und den durch die Plünderungen Geschädigten“, erklärte Kretschmann weiter. Und Oberbürgermeister Kuhn war „schockiert von dem Ausbruch an Gewalt, von den Angriffen auf die Polizei und den Zerstörungen in unserer Stadt“. Dies sei „ein trauriger Sonntag für Stuttgart“ gewesen. (afp/dpa)

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