FR vom 15. Oktober 1977

Stundenlange Krisensitzungen

Regierung deutet Bereitschaft zu Auslieferung an

Von unserem Korrespondenten Volkmar Hoffmann

BONN. Eine Entscheidung über die Freilassung der von den Schleyer-Entführern geforderten elf inhaftierten Terroristen in der Bundesrepublik wurde am Freitag sehr dringlich. Nachdem von Donnerstag mittag bis Freitag morgen 6 Uhr ununterbrochen über die Entführung der Lufthansa-Maschine und den Fall Schleyer beraten wurde, trat das Kabinett am Freitagvormittag um 10 Uhr erneut zu einer Sitzung zusammen. Nach etwa zwei Stunden wurden die Beratungen im sogenannten großen Krisenstab fortgeführt. Auch die Ministerpräsidenten der Bundesländer, in denen sich die elf Terroristen in Haft befinden - Heinz Kühn (Nordrhein-Westfalen), Hans-Ulrich Klose (Hamburg), Alfons Goppel (Bayern) und Hans Filbinger (Baden-Württemberg) - nahmen an der Sitzung teil. Nach Abschluß der Beratung kam der sogenannte kleine Krisenstab unter Innenminister Werner Maihofer im Kanzleramt zusammen. Für die Abendstunden wurde eine erneute Sitzung des großen Krisenstabes angekündigt.

Aus Andeutungen führender Politiker war zu schließen, daß die Entscheidung in der Nacht zum Samstag oder am heutigen Samstagvormittag fallen werde. Regierungssprecher Klaus Bölling teilte vor der Presse mit, der Krisenstab habe in der Nacht zum Freitag etwa gegen 4 Uhr von dem Ultimatum der Flugzeugentführer erfahren. Der Genfer Kontaktmann, Rechtsanwalt Denis Payot, habe dem Präsidenten des Bundeskriminalamtes, Horst Herold, telefonisch die Forderungen der Entführer übermittelt. Bundeskanzler Helmut Schmidt hielt sich zu diesem Zeitpunkt bereits etwa zwei Stunden im Dienstzimmer von Innenminister Maihofer auf.

Bei diesen Forderungen sei klar geworden, daß es sich bei den Flugzeugentführern nicht - wie zunächst nicht ausgeschlossen worden war - um eine Art Trittbrettfahrer der Schleyer-Entführer handelte, und daß eine direkte Verbindung zwischen den beiden Entführer-Gruppen besteht. Das Ziel der Bundesregierung bleibe, das Leben der Passagiere, Frauen und Kinder, der Lufthansa-Besatzung und auch das des entführten Arbeitgeberverbandspräsidenten Schleyer zu retten, sagte Bölling. Das von den Entführern gestellte Ultimatum werde von der Regierung "sehr ernst genommen".

Er deutete an, daß erwogen werde, auf die Forderungen der Terroristen einzugehen, und sprach von "Notwendigkeiten, denen wir im Laufe der nächsten Stunden zu folgen haben". Gemeinsam mit der Regierung der Vereinigten Emirate und den Behörden in Dubai werde die Bundesregierung alles versuchen, was in ihrer Kraft stehe, um das Schlimmste für die Geiseln abzuwenden.

Die Luftpiraten und die Schleyer-Entführer stellten der Bundesregierung ein bis Sonntag 9 Uhr befristetes Ultimatum zur Freilassung von elf in der Bundesrepublik inhaftierten Mitgliedern der "Rote Armee Fraktion", die jeder mit 100000 Mark ausgestattet werden sollen, sowie von zwei in der Türkei inhaftierten Palästinensern. Außerdem wird die Zahlung von 15 Millionen US-Dollar verlangt. Für den Fall, daß die Forderungen nicht pünktlich erfüllt werden, wurde mit der sofortigen Ermordung Schleyers und aller 91 in der Lufthansa-Maschine befindlichen Geiseln gedroht.

FRANKFURT A. M. "Große Erfolge" sind der Polizei bisher "im erkennungsdienstlichen Bereich" bei der Fahndung nach den Entführern des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer gelungen. Dies sagte der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Friedrich Zimmermann, nach einem Bericht der Bonner Tageszeitung "Die Welt" bei einer CSU-Veranstaltung in Tirschenreuth. Nach dem Bericht des Blattes habe Zimmermann bei der öffentlichen Veranstaltung gesagt: "Wir wissen genau, wer das Verbrechen begangen hat, die Tatumstände sind bis in die Einzelheiten geklärt." Allerdings halte die Fahndung nach den Terroristen damit nicht stand.

Zimmermann warnte nach Angaben der "Welt" davor, deshalb voreilig die Polizei zu kritisieren. Es gebe beispielsweise allein im Großraum Köln rund 500 000 Wohnungen, die unmöglich alle überwacht werden könnten. Primäre Aufgabe des Staates sei es, das Leben Schleyers zu retten. Danach müsse sich der Staat auf die Ergreifung der Täter konzentrieren. Es würde als "Schwäche" ausgelegt, wenn die inhaftierten Terroristen "ohne Sanktionen" die Freiheit bekämen, sagte Zimmermann laut "Welt".

FR vom 15. Oktober 1977

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